• Utopie mit ohne „U“

    Eigentlich sind die Fragen, die man sich anlaesslich von Vorratsspeicherung und Erfassung von Mensch und Haut stellt, voellig obsolet. Den Zustand dieses Volkes liest man am besten daran ab, wie es auf die Umsetzung von G8 in der Schule reagiert. So ziemlich alle, die noch einigermassen die Sinne beisammen haben, koennen G8 nichts abgewinnen.

    Die Verkuerzung der Schulzeit ergibt welche Vorteile? Dass die Schueler schneller ein kuerzeres und entleerteres Studium aufnehmen koennen? Bachelor, Master. Mal ehrlich, sollte man dann nicht zur Schule der vorletzten Jahrhundertwende zurueckkehren. Da hat man in Philosophie schon mit 21 seinen Doktor machen koennen.

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    Die Diskussion ueber den richtigen Umgang mit G8 verlief dennoch ziemlich akademisch. Kinder kommen unterzuckert aus der Schule, haben keine Zeit mehr fuer Arbeit neben der Schule. Jeder Arbeiter hat bessere Arbeitsbedingungen. Der Tarifvertrag zwischen den Schuelern und dem Staat, der stimmt einfach nicht. Aber die Schueler koennen nichts machen und der Staat kann alles vorschreiben. Er muss sich ja nicht um die Umsetzung kuemmern. Und so haben wir eine Bildungsreform, die papierkonform ist aber nicht in der Realitaet ankommen kann, weil diese nicht darauf vorbereitet ist. Alte Schulen sind nicht von heute auf morgen Ganztagsschulen.

    An eine Weigerung denkt niemand mehr. Das System auflaufen lassen, zivilen Ungehorsam ueben. Ein halbes Jahr die Kinder erst zur zweiten Stunde schicken – ueberall! Dann muss sich die Politik anpassen. Das Ordnungsamt auf die Toiletten der Schulen schicken, das Gesundheitsamt. Schliesst die Schulen einfach zu. Lehrer, Eltern, Schueler, verweigert euch einfach dem System, das keine Ruecksicht nimmt auf euch. Ist die Schule gesundheitsgefaehrdend, verbietet sie einfach. Aber nein, es wird gehadert. Soll man den Samstag zur Entzerrung hinzufuegen, Brotboxen fuer Kinder verbindlich machen? Zucker unter die Schulbank legen? Hey, wir sind Akademiker, wir wissen uns zu helfen.

    Jedes mal, wenn ich aus so einer Elternversammlung heraus komme, bin ich ein Stueck mehr desillusioniert. Akademisch korrekt alles, in dieser Klasse, einer Werkstattklasse ist man noch besonders wer von den Guten. Musisch-akademisch! Wow. Revolutionen heute sind noch weniger drin als frueher einmal. Es muss ja nicht die Revolution sein, aber der soziale Konflikt wird in sich verschoben. Adorno hat da viel zu geschrieben unter anderem das:

    Leicht verbuenden die von sozialem Druck Deformierten sich mit der Gewalt, die sie zurichtete. Sie halten sich schadlos fuer den gesellschaftlichen Zwang, der ihnen selbst widerfuhr: an denen, die ihn offenbar zur Schau tragen. Unbewusst giriert das Gelaechter ueber den komischen Kauz die Unterdrueckung, die dessen Absonderlichkeit zeitigte.

    Es ist insgesamt alles sehr fuerchterlich geworden. Sicher, alles laeuft im Groben sehr viel besser als es jemals frueher der Fall war. Ich wuensche mir nicht die 50er Jahre zurueck, nicht die 60er etc. Ich wuensche mir nur zurueck, dass es wieder einmal etwas mehr Mut gaebe, manches Haus einfach besser einzureissen, als es andauernd nur zu verschlimmzubessern.

    Von mir aus moegen sogar fuenf Jahre Schule reichen, also zumindest um sich durchzufretten und zu ueberleben und nicht mal schlecht, reichen sie ganz gewiss. Vielleicht sogar weniger.
    Was so traurig ist. Niemand hat mehr Utopien in dieser Richtung, alle haben nur Businessplaene, die dann – wunderohwunder – natuerlich trotzdem nicht funktionieren. So machen die Businessplaene der Gesellschaft vor allem, und alle, busy. Leider hat es sich damit schon.


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