• Unter Hausarrest

    Die eigenen vier Waende sind das architektonische Aequivalent zu dem, was den Menschen als modernes Subjekt konstituiert: die selbst-gesteckten und die selbst-gewaehlten Grenzen, gleichzeitig aber auch der Ort einer Sammlung und Buendelung von Informationen und Geistesstroemen: das Hirn. Klingt abstrakt und weit hergeholt? Das Motiv des Gebaeudes oder des Zimmers als Analogon fuer die menschliche Psyche durchzieht die Literatur- und Filmgeschichte. Leerstehende Haeuser, fensterlose Zimmer, geheime Kammern, Keller ohne Ausgang, etc. Ebenso praesent ist jedoch auch das polare Gegenstueck dieses Motivs: Aufwendig eingerichtete Eigenheime als Spiegel der individuellen Innenwelt.

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    In einem Roman aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert wird ein Haus beschrieben, das der hollaendische Protagonist Kaspar Almayer auf seinem Anwesen im asiatischen Borneo baut, um den englischen Kolonialbeamten ein Willkommenszeichen zu setzen. Almayer hat zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre in dieser entlegenen Gegend sein Glueck versucht, jedoch ohne Erfolg. Die Englaender erscheinen ihm als letzte Hoffnung. Allerdings bleibt ihre gewinnverheissende Herrschaft ein leeres Versprechen: Sie kommen dort nie an. Das besagte Extra-Haus bleibt leer und wird in der Siedlung als Almayers Folly bekannt (zu Deutsch: Almayers Wahn) – Symbol fuer einen Traeumer, der den Verstand und die Faehigkeit, sich in der Fremde durchzusetzen, schliesslich gaenzlich verliert.

    Zum Schluss zieht der Held in Almayers Folly ein. Ein chinesischer Nachbar leistet ihm dabei Gesellschaft, als Gastgeschenk hat er reichlich Opium am Start. Waehrend sich die beiden das Hirn ins Nirvana qualmen, nimmt der Chinese eine Namensaenderung vor, die sich jedoch nur ihm selbst erschliesst – logisch, denn in dieser Gegend versteht keiner seine Sprache. Auf roter Seide artikulieren chinesische Schriftzeichen am Eingang House of heavenly delight. Unser Held wird dieses Haus nie mehr verlassen. Reglos am Boden liegend, findet er darin seinen Tod und das Opium hilft ihm dabei, seinen letzten Wunsch zu erfuellen: Vor seinem Ableben vermag er all das zu vergessen, was diesem Haus seinen Namen gab.


2 Kommentare zu Unter Hausarrest

  • Magdalena am 19.09.2007 13:54
    So weit hergeholt finde ich das auch gar nicht. Man denke nur an Edgar Allan Poes "The Fall of the House of Usher" - das Haus als Sinnbild für den Untergang der Zwillinge, wörtlich verschlungen von dieser Welt.

    Oder auch das Sommerhaus in Henry James' "The turn of the Screw", oder das "Hotel New Hampshire" von John Irving, oder das Haus der Buddenbrooks... ach mir fällt soviel ein... Also die Literatur fährt voll darauf ab. Beim Film ist es bestimmt auch so, mir fallen nur keine Beispiele ein im Moment...
  • "gefangen im eigenen Traum" ist ja ein geflügeltes Wort. Der Stoff aus dem die Träume der Menschheit sind, ist nun mal Architektur...

    Besonders an diesem Roman, der übrigens auch "Almayers Folly" heisst, finde ich, dass es die Wechselbeziehung zwischen Ost und West, Eroberern und Eroberten aufmacht - ich meine, keine der von Dir genannten Beispiele tun dies und mir fallen auch sonst keine ein, bei denen das eine Rolle spielt, wenn dann vielleicht später.

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