• Unter den Eingeborenen Deutschlands

    Das Schlimmste, was einem Autoren passieren kann? Sein Buch wird weder hochgelobt, noch total verrissen. Ersteres tat zwar der Medienpartner (Le monde diplomatique) bei Amartya Sens „Die Identitaetsfalle“, Letzteres ist auch nicht angemessen, denn er hat durchaus viele kluge, wenn auch nicht gerade neue, Gedanken niedergeschrieben.

    Sen klagt an, dass die falsche Illusion einer einzigen (religioes-kulturellen) Identitaet den Krieg der Kulturen konstruiert und zugleich fatal vorantreibt. Waehrend die Welt zunehmend in Bloecke aus Religionen/Kulturen aufgeteilt wird, geraten andere Faktoren der Identitaetsbildung, wie Klasse, Rasse, Geschlecht, Nation, Bildung, Beruf, Sprache, Kunst, Politik etc., aus dem Blickfeld. Dass aber, mindestens die kursiv markierten Kategorien, soziale Konstrukte sind, wissen wir spaetestens seit >ge-gendert< und >critical white< gedacht wird.

    Und abgesehen von seiner Ignoranz gegenueber den Lebensumstaenden der Armen, die eine freie Wahl der Identitaet wohl kaum befoerdern, gibt Nobelpreistraeger Prof. Dr. Sen letztendlich kein ausreichend deutliches und konsequentes Statement ab. Ich kenne dagegen einen Berliner, der wesentlich konsequenter als Sen ist: ein so genannter Migrant, dabei aber nie hierher-migriert, sondern namentlich im X-berger Urban-Krankenhaus geboren. Seine Mutter sprach mit ihm nicht die Muttersprache, aus Angst vor Diskriminierungen – auch im Exil. Die Familie, mehrfach als Minderheit bezeichnet, war knapp einem Massaker in einem Militaerstaat entflohen, dessen Mehrheits-Einwohner teilweise auch in Berlin ansaessig sind. Sie lebten anfangs in einem Obdachlosenheim an der Mauer, zusammen mit vielen anderen Fluechtlingen.

    Heute fuehlt sich dieser Berliner reicher als jede[r] Eingeborene Deutschlands, da er in mindestens drei Kulturen lebt und sich nicht in die Enge einer Kategorie treiben laesst: Ich bin weder >nur in der einen, noch nur in der anderen Kultur zu Hause. Ich spreche seit meiner Kindheit zwei Sprachen. Ich kaempfe nicht fuer die Freiheit des unterdrueckten Volkes, aus dem meine Eltern stammen. Ich lasse mich auf keine Seite ziehen, von keinem Staat, keiner Kultur, keiner Religion. Ich denke selber. Ich waehle mir in jedem Bereich aus, was mir am besten gefaellt, und halte mich ansonsten an die Regeln der Menschlichkeit, des Respekts und der Gastfreundschaft.< Ich befuerchte, soviel Konsequenz waere von Sen zu viel erwartet. Vielleicht sollte mein Berliner Sens Buch noch mal schreiben? Oder? Lieber selber denken und zivilcouragiert sein!


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