• Massage für das Gehirn: Zwei Ausstellungen über unscharfe Bilder und die neue Unübersichtlichkeit

    Unscharfe Bilder sind angesagt – in den Medien, der Werbung und bei AmateurfotografInnen. Auch in der Kunst landen verschwommene Bilder und Fotografien nicht mehr im Papierkorb. Im Gegenteil: Sie bekommen ihre eigenen Ausstellungen. Die Hamburger Kunsthalle zeigt unscharfe Bilder aus den letzten dreißig Jahren, parallel gibt es eine Schau mit frühen, unscharfen Fotografien von Gerhard Richter. Der Literaturprofessor und Berliner Gazette-Autor Bernd Hüppauf hat sich beide Ausstellungen angeschaut.

    Wie kommt die Unschärfe in die Bilder? Die einen sind planvoll und mit dem Einsatz verschiedener Techniken unscharf gemacht, die anderen sind in der Folge der optischen oder elektromagnetischen Techniken oder der ungewöhnlichen Umstände der Bildproduktion ungewollt unscharf. Beide Typen der Unschärfe ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Neue Techniken machen die Bildproduktion immer exakter, und die Digitalfotografie erlaubt jedem Amateur, die schärfsten Bilder zu machen; zugleich wird das Unscharfe anziehend und beginnt eine neue Karriere.

    Unschärfe hat es schon immer gegeben. Zu einem geplanten Bildmittel wurde sie im 19. Jahrhundert durch die Fotografie. In ihrem Kampf um Anerkennung war die Unschärfe das Mittel, Fotos die Weihe des Kunstwerks zu geben. Dieser Kampf ist längst ausgestanden. Museen und Galerien sammeln Fotos, stellen sie als Kunst aus, und die Fotografie hat ihren Platz gesichert. Was bedeutet und was bewirkt die neue Unschärfe?

    Die neue Unschärfe

    Die Hamburger Kunsthalle hat ein Experiment gewagt: eine Ausstellung mit Bildern der Unschärfe, die in den letzten 30 Jahren entstanden sind. Parallel sind im Bucerius Kunstforum Bilder Gerhard Richters zu sehen. Seine frühen unscharfen Bilder, vor über dreißig Jahren entstanden, lassen sich zweifellos als ein Bezugspunkt wählen. Aber bei aller Bedeutung, die Richters Malerei für die Gegenwart hat, lässt sich doch die aktuelle Faszination für Unschärfe nicht allein auf dieses Werk zurückbeziehen.

    Richters RAF-Zyklus ist zu sehen. Über die Frage, ob diese Bilder zu einer Verklärung und Mythisierung führe oder eine Distanz schaffe, ist heftig gestritten worden. Die Unschärfe ist das wesentliche künstlerische Mittel dieser Bilder, und sie macht den Streit obsolet. Er gehört in das Bildverständnis einer Epoche, die mit dem Problem des Realismus kämpfte. Die neue Unschärfe ist ein Symptom der Auflösung dieser Epoche. Die Auflösung des Ikonischen in Unschärfe ist eine internationale Bewegung, wie die Fotografie der Unschärfe in Amerika, Ostasien und Europa – von Finnland bis Spanien – demonstriert.

    Die neue Unübersichtlichkeit

    Unschärfe, die nicht nur die Fotografie erfasst hat, sondern auch die Malerei, gehört zur Gegenwart wie zu keiner früheren Zeit. Sie ist der visuelle Ausdruck einer neuen Unsicherheit. Die Gegenwart häuft immer mehr und immer exakteres Wissen an und verbreitet Informationen wie nie zuvor. Aber das Vertrauen in das Wissen geht verloren. Am Ende des wissenschaftlichen Zeitalters wird die Welt unübersichtlich und, trotz der rapide wachsenden Informationen, unverständlich. Das unscharfe Bild reflektiert diese Unübersichtlichkeit.

    Unscharfe Bilder gehören zu einer Wirklichkeit, die verworren und undurchsichtig geworden ist. Die unvorstellbare Masse an Bildern, die täglich produziert werden und die Menge der Bilder, die jeder einzelne wahrnimmt, ohne sich dessen bewusst zu sein, hat den Verlust von Bedeutung zur Folge. In der Masse verliert das einzelne Bild seinen Wert, und die Überfülle nimmt den Informationen ihre Relevanz. Das Vertrauen in die Eigenschaft der Bilder, die Welt abzubilden und die Wahrheit zu sprechen, ist erschüttert. Zu Recht ist seit Jahren von einer Krise des Dokumentarischen die Rede. Da taucht die Unschärfe auf. Sie zieht den Blick aufs Neue an.

    Wir verstehen nicht so recht, was wir sehen, wenn wir ein unscharfes Bild betrachten. Suchen wir nach der verborgenen Realität hinter der unscharfen Oberfläche? Wollen wir erkennen, was sich in aufgelösten Konturen, wolkigen Formen, verwischten Schatten verbirgt, also eine uns vertraute aber in der Unschärfe verlorene Formenwelt wiedererkennen? Oder wollen wir einen Blick für das Unscharfe entwickeln und das Unbestimmte, Vage, Vieldeutige auf uns wirken lassen? Ist das unscharfe Bild vielleicht das Bild, das wir uns wünschen, weil seine Oberfläche auf eine eigene Weise zu uns spricht, ohne die Erwartung der Mimesis zu bedienen, ein Bild, dessen Unschärfe wir „brauchen“, wie Ludwig Wittgenstein einmal vermutet?

    Die neue Verwirrtheit

    Diese Bilder, wenn man sich auf sie einlässt, machen wirr im Kopf. Sie sind eine Herausforderung für Galeriebesucher, die sich einer drohenden Verwirrung aussetzen, der Gefahr, in den Schwindel zu fallen und nach einer Weile wie auf der Achterbahn ins Vertigo zu stürzen. Aber diese Bilder tun mehr mit dem Kopf. Sie befreien das Sehen vom Zwang des Wiedererkennens, vom Terror der Identität.

    Sie machen aus der Unverständlichkeit ein visuelles Rätsel, das die Phantasie zum Fliegen bringt, ein Rätsel, das nie restlos zu lösen ist, das aber lockert und löst und das Vergnügen der befreiten Assoziationen anbietet, dem Tagtraum ähnlich, der ebenso auf einer Schwelle wirkt, die Erfahrungswelt auflöst, aber ihre Formen und Gesetze nicht so radikal ausser Kraft setzt wie der Traum im Schlaf. Über die phantastische Ansicht von Wirklichkeit hinaus bietet diese Befreiung des Blicks durch Unschärfe eine therapeutische Wirkung an. Sie hilft, psychische Verkrampfung zu lösen.

    In ersten psychotherapeutischen Programmen werden unscharfe Bilder eingesetzt. In der Kunsthalle kann der Besucher, wenn er sich nicht vom Schwindel verwirren lässt, einen Blick auf Neues werfen. Die Ausstellung liefert den Wegweiser in eine entstehende Bildwelt.

    Anm. d. Red.: Die Ausstellung „Unscharf. Nach Gerhard Richter.“ ist noch bis zun 22. Mai 2011 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. „Gerhard Richter. Bilder einer Epoche.“ läuft im Bucerius Kunstforum bis zum 15. Mai 2011.


17 Kommentare zu Massage für das Gehirn: Zwei Ausstellungen über unscharfe Bilder und die neue Unübersichtlichkeit

  • Silvia am 24.02.2011 11:19
    danke sehr!
  • Frau Marx am 24.02.2011 11:55
    Gibt es bei dieser Anwendung von verschwommenen Bildern in der Psychotherapie schon erste Erfolge oder Beschreibungen der Methode?
  • zeppo am 24.02.2011 13:06
    ich hatte schon geahnt: UFO ist nicht die Abkürzung für Unbekanntes Flug-Objekt oder Unidentifiziertes Flug-Objekt, sondern für Unscharfes [F_] Objekt
  • d. hedersdahn am 24.02.2011 13:08
    @zeppo: guter Hinweis!
    hier ein Link:

    ( http://www.sci-fi-kult.com/wp-content/uploads/2010/07/UFOChina.jpg )

    Die UFO-Hysterie sollte man unbedingt in diesem Zusammenhang kulturhistorisch aufrollen
  • Leander Kathmann am 24.02.2011 13:49
    I like!
  • Kunst experimentiert stets mit der Form. Über die Form Inhalte ausdrücken.
    So machen unscharfe Bilder Sinn. Dieses Mittel ist Künstlern seit langem geläufig.

    Auch in der Sprache, der Poesie, kennt man das. Hier ist es Sprache außerhalb sprachlicher Logik.
  • großartig! diese bilder, dieser text: ein genuss! mehr davon!
  • Rainald Krome am 24.02.2011 22:36
    ist es wirklich die Krise des Dokumentarischen, von der wir hier sprechen sollten?

    Es ist verflixt: Realität - das ist etwas, das heutzutage in Auflösung begriffen ist. Infolgedessen gibt es zweierlei auf meinem Schirm zu beobachten: ein Comeback des Dokumentarischen (in Theater, Kunst und Film) sowie die Krise des Dokumentarischen.

    das Unscharfe steht eben für beides, und das lese ich durchaus auch in diesem Text heraus: Es ist das beiläufig Entstandende, Super-Authentische, sprich: Proto-Dokumentarische, ganz nah dran an der Realität, so nah dran ein qua Apparat vermittelter Weltzugang nur sein kann. Und es ist das Stilisierte, Verfremdete und gleichermaßen eine Entfremdung zum Ausdruck bringende, also die Grenzen des Darstellbaren, Einfangbaren markierende: die Krise des Dokuments.

    In der Post-WikiLeaks-Welt könnte man fragen:

    Wie scharf, bzw. wie unscharf sind eigentlich die geleakten Dokumente?
  • neuro am 24.02.2011 22:52
    seit wann gibt es denn wirklich unscharfe Bilder? in welchen Bereichen der Bildproduktion sind sie zu erst aufgetaucht? haben Maler tatsächlich in irgendeiner Phase der Geschichte (vor dem 19. Jahrhundert) unscharf gemalt?
  • Angelika Prangnitz am 25.02.2011 09:09
    schönes Thema 8)
  • anregende dialketik von entschleunigung und beschleunigung auf diesen unscharfen bildern
  • Sie hat ständig irgendwas in der Hand,
    Sie schaut zu Boden, oder an die Wand.
    Sie redet nicht.
    Sie wird nie vom Schlaf übermannt,
    Sie hinterlässt auch keine Fußspuren I'm Sand.
    Und sie redet nicht.

    Sie ist unscharf an den Rändern,
    Man erkennt sie nur verschwommen.
    Das ist leider nicht zu ändern.

    Das was ich am allermeisten will,
    Werde ich von ihr nicht bekommen.
    Ich wüsste wirklich allzu gern,
    Was sie grade denkt,
    Und ob sie mir wohl irgendwann
    Ein paar Worte schenkt.
    Wohoooooo...

    Manchmal öffnet sie ihren Mund.
    Sie will nur Luft holen,
    Sonst gibt es keinen Grund,
    Denn sie redet nicht.

    Sie ist unscharf an den Rändern,
    Und sie wirkt wie schlecht kopiert
    Sie bewegt sich wie an Bändern,
    Und ich frage mich seit Jahren schon,
    Woraus sie ist und wie sie funktioniert.

    Ich wüsste wirklich allzu gern,
    Was sie grade denkt,
    Und ob sie wohl nach all der Zeit
    Ein Bisschen an mir hängt.

    Ist sie von einem anderen Stern,
    Ich weiß es nicht genau.
    Ich glaub ich frag sie selbst,
    Wenn ich mich irgendwann mal trau.
    Wohoooooo...

    Sie ist unscharf an den Rändern...
  • @neuro: Ich würde Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" zu den ersten unscharfen Bildern und damit zum Beginn der Moderne zählen. Turner ist ein weiteres deutliches Beispiel und danach dann die Impressionisten, Pointillisten etc..
  • Frank Reichert am 25.02.2011 17:12
    wo verläuft die Grenze zwischen Kunst und Hobby-Quatsch?

    hier zB

    ( http://blog.flickr.net/de/2010/08/23/unscharf/ )

    könnte doch auch in der Ausstellung hängen, oder?
  • solfrank am 25.02.2011 20:42
    im Englischen heißt "unscharf" soviel wie "out of focus". Das ist doch interessant. Focus -> Fokus, bedeutet eine ganze Menge mehr als, das etwas "scharf" gestellt ist.

    Ich habe einen "Fokus" in meinem Leben.

    Oder eben nicht.

    In einer Welt der Unübersichtlichkeit - nach dem Ende der Wissenschaftlichkeit, haben sich die Dinge verschoben -> verstehe ich Sie richtig, Professor Hüppauf: keinen Fokus zu haben, ist der neue Fokus?
  • Guter Artikel, weil ich hatte über diese beiden Ausstellungen auch irgendwo einen Beitrag gesehen und mich daraufhin gefragt, was nun diese Unschärfe soll?
    Vielleicht kommt es wirklich den Wunsch einer "Nicht-Realität" nach, dass man in einer definierten Welt sich nach etwas Unbeschriebenen sehnt. Vielleicht haben deswegen auch solche Fotodienste wie Instagram gerade einen Erfolg, weil sie Bilder nicht abbilden, wie sie sind, sondern wie man sie gerne hätte. Unschärfe gibt uns Raum zur Interpretation.
  • Denho am 09.03.2011 12:39
    Ein gestochen scharfer Spiegel unserer Zeit:
    "Vertrauen in Wissen schwindet." "Befreiung vom Terror der Identität."
    Ein Siegeszug des Relativismus und der Unklarheit, der Unübersichtlichkeit und des Chics des scheinbar Neuen.
    Freiheit bedarf der Befähigung, ansonsten ist es lediglich Ausdruck des schönen Scheins; je interpretierbarer desto lieber...
    Auch Klarheit ist interpretationsbedürftig!

Kommentar hinterlassen