• Umnebelt von Sand

    Zivilisationsmuedigkeit – ein Begriff, der vor allem im 18. und 19. Jahrhundert breiten Teilen der europaeischen Bevoelkerung etwas bedeutete. Damals war es die anbrechende Industrialisierung; Maschinisierung der Arbeit; Entstehung von Fabriken; Urbanisierung, Konzentration allen Lebens in der Stadt und subsequente Ueberbevoelkerung staedtischer Raeume; Vereinzelung bei gleichzeitiger Vermassung der Gesellschaft; Entfremdung. Damals reagierten nicht wenige mit der „Zivilisationsflucht“. Paul Gaugin erschuf mit seinen Bildern die Ikonen einer Generation, die ihr Glueck in Uebersee suchte: Trostspendende Nacktheiten, selige Natur, wallendes Meer. Diese Bilder einer Gegenwelt zeigten alles, was der zivilisationsmuede Staedter nicht hatte. Sie waren erotische Entladungen eines gewaltigen Mangels. Aber was fehlt uns heute?

    In der BRD etwa hetzen alle durch die Gegend oder sitzen auf Hartz IV. Alles geht immer zu langsam. Entweder steht der Abschluss eines Deals auf dem Schlauch oder der Beamte in der Agentur fuer Arbeit. Die Beschleunigung der Verhaeltnisse wird sowohl von Arbeitstaetigen als auch von Arbeitssuchenden herbeigesehnt: Schneller mehr Geld verdienen oder schneller aus der laehmenden Erwerbsslosigkeit entkommen. Ohnehin moechte niemand Zeit verschwenden. Zeitsparen hat allenthalben allerhoechste Prioritaet. Nur wie? Der Manager und der ALG-II-Empfaenger suchen haenderingend nach Antworten. Beide glauben, dass Effizienz das Allheilmittel ist. Die Umdrehungen der Beschleunigungsspirale werden derweil immer schneller – zumindest in den Wunschvorstellungen der Gesellschaft.

    Es mag paradox anmuten, aber was alle scheinbar so bedingungslos wollen, macht auch alle unwiderruflich zivilisationsmuede und krank. Das Gefuehl, die Zeit renne einem davon, ist allerorts verbreitet. Und jenes Gefuehl, die Jahre vergingen mittlerweile so schnell wie einst Monate – jeder Volljaehrige einer Industrienation kennt es und leidet auf die eine oder andere Weise daran. Die Internet-Zeitrechnung diktiert laengst die Offline-Wirklichkeit; das sich verselbstaendigende Uhrwerk ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts zum Inbegriff jenes irrgartenlaeufigen Gefaengnisses geworden, aus dem der Mensch entfliehen will. Der Wettlauf gegen die Zeit, den Hollywood zu einem der tragenden Motive der Gegenwartsmassenkultur gemacht hat – er ist nicht zuletzt ein Fluchtlauf aus dem vorherrschenden Zeitgefuege.

    Die Suche nach entschleunigten Zonen hat laengst begonnen. Wir fliehen in die Welt des Buches – das Medium der Verlangsamung schlechthin. Straende im globalen Sueden gelten ebenfalls als Garanten fuer ein Tempo unter 30 – solange die Temperaturen stimmen (ueber 30) und gerade mal kein Terrorist oder Tsunami die Idylle stoert. Wer sich das nicht leisten kann, guckt sich was Laendliches im Umland aus. Und faehrt dorthin, wo keine oder nur wenige Autos fahren, wo am besten noch Kutschen den Verkehr dominieren und Menschen der Agrarwirtschaft nachgehen. Garantiert langsamer geht dort alles zu – selbst nachbarschaftliche Streits, so hoert man, werden dort manchmal erst nach Jahrzehnten beigelegt. Doch da ist mehr: Was Herwig Kempf neulich in der Berliner Gazette aus Togo berichtete, laesst sich vermutlich auf die gesamte sogenannte Dritte Welt uebertragen: „Jedes Laecheln wird erwidert, die Menschen sind geschaeftig (oft denke ich wie Sisyphus), sind leidensfaehig, haben immer Zeit…“

    Doch ob Buecher, Straende, Bauernhoefe oder die „Dritte Welt“ – die Fluchtpunkte des zivilisationsmueden BRD-Buergers sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren, beziehungsweise das, was uns die Flucht-Industrie weismachen moechte. Das Buch zum Beispiel: Lange Zeit, vermutlich das ganze 20. Jahrhundert hindurch, standen Kino und Roman gleichberechtigt nebeneinander und galten als die grossen Erzaehlmedien der Gesellschaft. Aber das war gestern. Laengst hat jeder zweite Literaturbestseller die Logik des Blockbusters in sich aufgenommen. Erzaehlt wird schnell, gerafft, filmartig eben. Auch die Suche nach unberuehrten Straenden wird immer aussichtsloser, der Massentourismus reisst sich jeden tranquillen Meter Boden unter den Nagel und verwandelt ihn in einen Themenpark des westlichen Konsums. Vielleicht am ersten Tag, wenn alles noch neu ist, denkt man: Super, hier tickt die Uhr anders. Doch bald schon merkt man, dass die Shopping-Mall-Virus den schleppenden Rhythmus prae-modernen Lebens ausgehoehlt hat und dass das Ende des Urlaubs, schneller als einem Lieb ist, naht – so dass man gleich wieder fuer den naechsten Urlaub zu sparen beginnt, wuerden Kapitalismusverschwoerungstheoretiker jetzt vermutlich sagen.

    Muss der Wunsch nach Entschleunigung unerfuellt bleiben in einer Zeit, da Zeit als etwas gestalt- und formbares, ausser Kontrolle geraten ist? Oder schlichtweg diese Eigenschaften verloren zu haben scheint? Hilft die Umklammerung des Terminkalendars als Struktur- und Gestaltungselement des Alltags wirklich weiter? Im Grunde wird doch mit jeder verstreichenden Minute klarer, dass dieses Werkzeug uns lediglich die Ohnmacht vergessen laesst, Zeit in angemessener Weise zu steuern. Daher ist der Augenblick fuer neue Werkzeuge gekommen, welche Zeit wieder zu jenem Material machen, das uns Kreativitaet und Erfindungsgabe abfordert. Beispielsweise ein neues Bewusstsein, welches die Flucht nicht als einzige Option aus der zivilisatorischen Zwickmuehle erscheinen laesst. Und welches die notwendige soziale Veraenderung nicht abhaengig macht davon, dass wir gerade mal wieder meinen fuer nichts und damit auch dafuer) „keine Zeit“ zu haben.


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