• Ueber Helden…

    …wie zum Beispiel Marvin Gay[e] einer war, der ja irgendwie auch fuer die Schwulenemanzipation gestorben ist. Oder Kuenstleremanzipation. Und die Welt liebt seine Stimme. Jedenfalls. Wenn ich mit diesem Text hier fertig bin, werde ich noch eine Apologie fuer die Bahnhofspolizei schreiben und mich fuer mein schlechtes Benehmen entschuldigen muessen. Beamtenbeleidigung: Zeigen des ausgestreckten Mittelfingers, dazu die Worte Fuck You. Das macht man ja auch nicht.

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    Aber andererseits, ich meine: wirklich, dass man sauer wird, weil man ueberarbeitet und volltrunken und endlich eingeschlafen von den Herren der Bundesbahn wach appelliert wird, um sich trotz gueltigem Tickets aus dem Zug schmeissen zu lassen, da kann man schon mal wuetend werden, oder? Ich hatte Glueck, dass ich mein tonnenschweres Gepaeck noch mitnehmen und ganz ladylike alleine aus dem Zug hieven durfte. Ohne Credit auf diesem scheissteuren prepaid Handy, um meinen Kameramann anzurufen.

    Der wartete am Ostbahnhof umsonst darauf, mich sicher ins Bett zu bringen, damit wir tags drauf gleich weiter arbeiten koennen. Oder wie machen Sie das, sollten Sie zufaellig auch in der Kunst beschaeftigt sein? Wie halten Sie die Siebentage- woche oder den Sechzehnstundentag, das Staendige- unterwegssein, den Niemalsabnehmendendruck, die Schlafundheimatlosigkeit, den Ewigenkampfumliebe aus? Ein Freund, jedenfalls, der Kameramann, natuerlich; denn jeder der es 2008 mit der Kunst noch ernst nehmen kann, arbeitet mit Freunden.

    Die beste Wahl, die man treffen kann: Freunde. Und: Sie haben alle schoene Stimmen, in ganz verschiedenen Sprachen, Fremdsprachen, Bildsprachen, Notationen. Also werden Sie von der Welt geliebt werden, irgendwann, vielleicht liebt die Welt sie ja auch schon und sagt es uns nur nicht. Und jetzt die gute Nachricht: im Jahre 2008 eines vieler Herren muss ein ernsthafter Kuenstler nicht mehr mit sagen wir 38 / 39 Jahren zugrunde gehen. Er kann sich ja einen anderen Beruf suchen, sagt man so, aber jeder ernsthafte Kuenstler hat ja sowieso ein ganzes Handbuch voller Berufsbezeichnungen inklusive dazugehoeriger Ausbildung.

    Das Schreiben ist das Schlimmste; eine einsame Angelegenheit; sehr zeitaufwendig dazu; schlecht bezahlt. Die Schauspielerei ist nicht einsam. Die Photographie belastet das Gewissen, weil es schon so wahnwitzig viele Bilder gibt und Bilder von Bildern und so viele falsche Bilder sowieso. Da koennen Sie mal Vilem Flusser fragen, aber Sie werden mit einem bereits Verstorbenen kommunizieren muessen. Ich bin sehr dankbar, dass Herr Flusser sich die Zeit genommen hat aufzuschreiben, was er wusste.

    Aber vielleicht kennen Sie ja eine andere Sprache, in der Sie dasselbe sagen koennen, denn darum geht’s ja bei den Ausdruckformen. Gesagt ist alles schon. Auch ueber sagen wir Afrika. Stellen Sie sich vor, sie waeren in der Entwicklungshilfe taetig, sagen wir im Tschad: Excuse my English: Fucked Up Big Time. Vielleicht nicht ganz so schlimm wie Somalia und Baghdad ist sicherlich auch nicht gerade gemuetlich, aber sicherlich schlimmer als Ruanda, sollte mich meine journalistische Intuition und Ausbildung hier nicht im Stich lassen. Und Ruanda war schlimm!
    Ich war sehr froh, Naomi Klein juengst auf dem Cover von ‚Literaturen’ gesehen zu haben. Stimmt mich optimistisch. Weil ich ein Schreiber bin, und habe ich eigentlich erwaehnt, dass diese Stueck Text, dessen Entstehung ich just in diesem Moment geniessen darf, meine doch sehr anstrengende finanzielle Situation kein bisschen erleichtern wird. Die Literatur fuer die Bahnhofspolizei: Selbe Situation. Take it easy, altes Haus, ein deutscher Schlager.

    1920 hat Kuenstlerliebling walter Benjamin einen Essay ueber Liebe und Verwandtes geschrieben. Sehr empfehlenswert. Zusammengefasst sagt er, dass Frauen besser sind als Maenner. Oder Maeuse. Wir Frauen sind sehr sehr dankbar, dass er heutzutage soviel Aufmerksamkeit von schlauen Leuten bekommt, der Herr Benjamin. Denn irgendwie haben wir die Schnauze voll. Wir Frauen. Wir Arbeitstiere. Wir Durchhalteundfamilienmaschinen. Kein katatonisches Selbstmitleid, aber ja: bereit, aufzugeben, nicht uns, aber die Liebe vielleicht. Fuer die wir das alles im Grunde doch machen.

    Wie Jonathan Lethem geschrieben hat: ‚Give Up’, in einer wundervollen Stimme: ‚Give Up’. Ich war gerade dabei, einen Roman zu schreiben. Bitte senden Sie niemals eine Email an einen Schreiber im Produktinsprozess, die die Worte ‚Give Up’ beinhaltet. Auch nicht, wenn er oder sie geradezu darum gebeten hat, weil es zu einem Zeitpunkt eine gute Idee zu sein schien, sich auf diese Weise eine Erleichterung zu verschaffen. Jeder Schreiber, den ich kenne, ist ein Held.

    Aber die sagen wir mal: Gesellschaft ist nicht unbedingt aus dem Haeuschen vor lauter Dankbarkeit darueber, dass wir immer und immer wieder diese Worte produzieren, dass wir uns non-stop laecherlich machen, dass wir immer alles geben muessen, Intimitaeten eingeschlossen, sonst bleibt das Schreiben leer. Also wollen Sprachen gefunden werden, Ausdrucksformen, lesbare Codes fuer jedes moegliche Publikum. Und haben Sie eine Idee, wie viele verschiedene Typologien dieser Planet so beheimatete? Und wussten Sie, dass manche Maenner es tatsaechlich sexy finden, ihre Frauen verrotten zu lassen?

    Viele meiner Freunde finden, dass man mich manchmal schwer ertragen kann, weil ich so eine Oberlehrerin bin. Kluggeschissen. Aber ehrlich gesagt hasse ich die Lehrerposition. Ich waere sehr froh, sie los zu werden und auch die Verantwortung und dass man sich ja staendig zum Affen macht und vielleicht sind ja gerade Sie jemand, der ein Talent dafuer hat und bitte bitte den Job uebernimmt. Unsere Kinder brauchen Aufmerksamkeit und ich moechte eigentlich nicht, dass mein Sohn auf eine Schule geht, wo ihn allmorgendlich 16 Uniformierte – Geschlecht egal- begruessen, wie ich es in Williamsburgh New York Fucking City 2007 sehen durfte.

    Manche Leute schenken dem Lesen von Worten ein bisschen von ihrer Zeit. Nicht allzu viele, aber es werden wieder mehr. Wegen dem Internetz. Da fuehlt man sich nicht so einsam. Ich bin sehr dankbar und voller Wertschaetzung fuer jeden Leser da draussen. Es ist sehr frueh am Morgen, ein Samstag, Wochenende und ich sollte mich eigentlich ausruhen und anfangen darauf zu freuen, heute Abend ein paar Freunde zu sehen. Aber ich muss noch eine Sache schreiben. Vielen Dank fuer Ihre Aufmerksamkeit!


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