• Ueber Heavy Metal

    Ich entsinne mich eines DDR-Schulbuches fuer den Musikunterricht, in dem die verschiedenen Richtungen postklassischer, populaerer Musik abgehandelt wurden. Schon die Anfaenge des Rocks kamen nicht sonderlich gut weg, denn man hatte mit offensichtlich diskreditierender Absicht das simple, nur auf drei Toenen basierende Gitarrenriff des Rolling-Stones-Songs Satisfaction in sauberer Notation abgedruckt, wo es dann in seiner Bloesse recht aermlich wirkte. Doch das war nichts gegen die explizite Denunziation des Heavy Metals, der anhand des Beispiels von AC/DC im schoensten vulgaermarxistischen Vokabular als die Musik des Lumpenproletariats abgekanzelt wurde.

    .

    Heute werden die wenigsten noch auf die offizielle Sprachregelung der DDR zurueckgreifen, wenn sie musikalische Phaenomene der Rockmusik beschreiben wollen. Doch Klischees wie das des aesthetisch wenig ansprechenden Kuttentraegers, als den man sich den Heavy-Metal-Fan oft vorstellt (und der tatsaechlich immer noch weit verbreitet ist, auch der Punk stirbt ja nicht aus), praegen nach wie vor das Bild einer tumben Rotte, die nach Krach- und Krawallmusik lechzt. Gerade beginnen Verlage wie Reclam oder Suhrkamp, Hueter des deutschen Bildungsgutes, damit, in ihren Programmen Musiker wie die Beatles, die Stones oder Bob Dylan zu kanonisieren. Diejenigen, die mit dieser Musik aufwuchsen, besetzen nun die Lehrstuehle und bringen ihre Monographien bei den Verlagen unter.

    Ist es angesichts eines immer wieder fuer den Literaturnobel- preis gehandelten Bob Dylan vorstellbar, dass ein Junior- professor ein gelbes Reclam-Baendchen ueber Slayer auf den Markt wirft? Dieses koennte geschehen. Anlass zur Hoffnung oder Befuerchtung bietet eine juengst veroeffentlichte Studie, bei der man unter Befragung von Studenten eine auffallende Affinitaet der mit einem hoeheren IQ ausgestatteten Pro- banden zum Heavy Metal feststellte. Derart ermuntert moechte ich fuer die Fortsetzung dieses Textes eine kleine Apologie, ein Schleiermachsches Ueber den Heavy Metal. Rede an die Gebildeten unter seinen Veraechtern in Aussicht stellen.


2 Kommentare zu Ueber Heavy Metal

  • Vielleicht können wir uns in diesem Zusammenhang auch den fall Dietmar Dath angucken - Suhrkamp Autor und ausgewiesener Heavy Metal Fan/Experte, ein Attribut, mit dem der Verlag hier und da wirbt. Eine Frage, die ich neulich an anderer Stelle im Logbuch angedacht habe (http://www.berlinergazette.de/?p=513#comments
    ) wäre wohl die: Ist der Heavy Metal Experte eine Figur, die die bestehende Ordnung im Bereich der Bildung, Ästhetik, etc. unterwandert oder eher eine Figur, die das Ende dieser Ordnung samt ihrem Begriff des Expertentums einläutet - eine Art Hiobsbote?
  • Krystian Woznicki am 25.11.2007 15:39
    kl. nachtrag:
    Francis Gruber malte 1944 den Hiob, hängt in London, Tate Gallery, und schaut so aus:
    http://www.uni-leipzig.de/ru/bilder/hiob/gruber01.jpg

Kommentar hinterlassen