• Die Bibel auf Twitter

    „Lernen mit der Bibel“ muss nicht bedeuten: Wir lesen einfach nur Bibeltexte und lernen sie auswendig. Nein, die Bibeldidaktik versucht mit der Zeit zu gehen und ihren Beitrag zu einer „umfassenden Bildung“ zu liefern. Wie das im Internet-Zeitalter aussehen kann, davon berichtet Bibel-Forscher Stefan Scholz im Rahmen unserer großen Umfrage zum Thema BILDUNG.

    Wenn ich überlege, wo und mit wem ich am intensivsten lerne, dann fällt mir sofort mein Freundeskreis ein. Überall dort, wo kreativ, frei von Pflichten und Hierarchien, dafür in Vertrauensverhältnissen miteinander umgegangen wird, wo Raum ist für Spontaneität, wo etwas stattfinden kann aber nicht stattfinden muss, dort habe ich meine wichtigsten Erfahrungen gesammelt und Entwicklungen genommen.

    Was meine aktuelle Bildung und Weiterbildung betrifft, so bin ich in der glücklichen Lage, dass dies als Universitätsdozent insgesamt zu meinem Beruf gehört. Ich nutze hierzu einen Mix aus Printmedien, digitaler Literatur, Vorträgen sowie Kongressen. Ebenso wichtig ist aber auch heute noch für mich in diesem Zusammenhang die Kommunikation, denn ich bilde mich nach wie vor besonders gerne im Austausch mit anderen, Kollegen, Studierenden und Freunden fort, online ebenso wie offline.

    Was ist Bibeldidaktik?

    Bibeldidaktik, mein gegenwärtiges Hauptforschungsgebiet, ist sehr vielseitig. Dabei geht es längst nicht mehr nur um ein Kennenlernen biblischer Geschichten oder die Einübung bestimmter Glaubensinhalte. Bibeldidaktik kann ebenso kreative Formen der Auseinandersetzung mit sich selbst umfassen oder wird auch eingesetzt zur Konfliktbewältigung und vieles mehr.

    Ganz allgemein ist Bibeldidaktik ein Lernen, bei dem die Bibel eine zentrale Rolle spielt, sei es als Lerngegenstand oder als Lernmedium. Was dabei jedoch gelernt oder angeeignet werden soll, ist nicht schon durch Bibeldidaktik selbst festgelegt.

    Mit der Bibel bin ich – soweit ich mich erinnern kann – das erste Mal intensiv in der Konfirmandenzeit, also als Jugendlicher in Kontakt gekommen. Mich faszinierten damals vor allem biblische Erzählungen, in denen sozialethische Themen eine wichtige Rolle spielen, zum Beispiel der Umgang mit Armut und Reichtum sowie die Zuwendung zu ausgegrenzten Menschen.

    Was die „Bibel als Lernmedium“ betrifft, so ist mir heute wichtig, die biblischen Texte in ihrer Ambivalenz zu vermitteln. Ich lege wert auf ein kreatives, dialogisches und kritisches Verhältnis zur Bibel, hierzu gehört nach einer genauen, auch analytischen Lektüre ebenso die Auseinandersetzung mit biblischen Positionen, die auch deren Ablehnung miteinschließen kann.

    Bibeldidaktik und Internet

    Das Internet stellt die Bibeldidaktik vor große Herausforderungen. Das Organisationsprinzip des Internet ist der Hypertext. Es ist ein Text in Bewegung, der verändert werden kann, ohne erkennbaren Anfang und Schluss, er kann aus Buchstaben, Bildern, Tönen und Videos bestehen.

    Die Bibel als kanonischer Text scheint genau das Gegenteil davon zu sein: abgegrenzt, statisch und wortzentriert. Daraus folgt: Die Matrix des Netzes ist etwas ganz anderes als die Buchkultur der Bibel. Wenn also heute die Gutenberg-Galaxis durch die digitale Revolution massiv verändert wird, so kann auch der Umgang mit der Bibel davon nicht unberührt bleiben.

    Erste zaghafte Versuche heben die Bibel auf den Bildschirm des Computers, zum Beispiel die BasisBibel. Sie berücksichtigen aber noch viel zu wenig die Rezeptionsweisen der Userinnen und User im Internet.

    Die Twitterbibel

    Die Twitter-Bibel ist bereits ein mutiger Schritt, der wirklich an den Umformungsdynamiken des Internet. Sie ist im Kontext des Bremer Evangelischen Kirchentags 2009 entstanden. In nur wenigen Tagen sollte der gesamte Bibeltext getwittert werden.

    Zur Realisierung wurde die Bibel in 4000 Abschnitte aufgeteilt, ca. 3000 Menschen haben sich beteiligt und ihre getwitterten Bibelpassagen eingestellt. Innerhalb von nur zehn Tagen wurde so die gesamte Bibel in die Twitter-Kultur transformiert. Die Twitter-Bibel ist natürlich online verfügbar, ebenso wurde eine Printversion mit dem Titel Und Gott chillte herausgegeben.

    Die Vorstellung der Bibel als Hypertext lässt aber noch an viel weitergehende Bibelrealisierungen im Netz denken, die zugleich theologisch reflektiert werden müssen. Je intensiver und auch interaktiver wir uns mit der Bibel auseinandersetzen, desto besser kann in diesem Zusammenhang auch von umfassender Bildung und nicht nur vom (Er-)Lernen eines bestimmten Lerngegenstandes gesprochen werden.


12 Kommentare zu Die Bibel auf Twitter

  • "Die Twitter-Bibel ist bereits ein mutiger Schritt..."

    Daran hätte ich Zweifel. Den Text der Bibel in Fragmente aufzuteilen und zitierbar zu machen ist das Ergebnis eine historischen Umformungsprozeses, der bereits mit dem Buchdruck eingesetzt hatte. Schon vor der Reformation wurde die Bibel von einem Monument in ein Dokument umgeformt. Die Monumentform der Bibel besagte, dass alles Textverständnis nur als "richtiges" Verständnis und damit als Gottes Wille möglich war. Wahrheit war das entsprechende Beobachtungsschema, das die Rezeption der Bibel steuerte. Mit dem Buchdruck und mit der Reformation änderte sich das. Die Bibel als Monument wurde in ein Dokument umgeformt, wodurch ein ganz anders Beobachtungsschema entstandt. Durch dieses veränderte Beobachtungsschema entstand auch das, was mit Andreas Rudolff-Bodenstein von Karlstadt angefangen hatte, nämlich die Textkritik als Methode der Exegese. Im Zuge dieses Verständnisses wurde auch die Verseinteilung möglich. Das das Ergebnis war eine Paradoxie: erstens - die Bibel wurde als Dokument behandelbar, insofern Zitatstellen wiederauffindbar wurden - unerlässlich für alle Textkritik. Damit wurde der Monumentcharakter der Bibel endgültig zerstört. Zweitens aber wurde durch die Gebrauchsform der Bibel als zitierfähiges Dokument dieses Dokument bereits zerstört - dies wirkte sich insbesondere auf die Möglichkeiten der manipulativen Verwendung von Bibelzitaten aus. Seitdem gibt es die uns bekannten Probleme der Bibelinterpretation, die gänzlich verschiedenen sind von den Problemen des Mittelalters.
    Unser Problem ist die trivialisert verbreitete Kenntnis der Manipulation des Bibeldokuments, weil es - anders als im Mittelalter - ein Recht auf Meinung und - durch vollständige Alphabetisierung und Literalisierung der Gesellschaft - ein Recht auf Differenz gibt.
    Die weitere Fragmentierung der Bibel in twitterübliche Kurztexte ist nur der Schlussstein der Dokumentzerrüttung.
    Insofern ist der Versuch der Vermittlung von "Glaubensinhalten" durch Twitter eigentlich nichts anderes als die konsequente Fortsetzung einer Entwicklung, die mit der erfolgreichen Popularisierung des Bibeltextes zugleich an seiner Auflösung arbeitet.
    Bei weiterführendem Interesse:
    http://differentia.wordpress.com/2010/06/14/macht-uns-das-internet-kluger-wikipedia-als-reinkarnierte-gutenberg-bibel/

    Dass das, was Sie "mutig" nennen, dennoch so erscheint, hängt vielleicht damit zusammen, dass der Zerrüttungsprozess des Dokuments noch nicht mit einem anderen Beobachtungsschema beschrieben werden kann. Die Struktur der Dokumentform sucht noch ihre Alternative. Wie auch immer die aussehen mag, in jedem Fall wird das auch Auswirkung haben auf das, was man "Glaubensinhalte" nennen will, sofern man jetzt noch sagen kann, dass es soetwas wie "Glaubensinhalte" überhaupt noch gibt.
  • Ergänzung: Der Link ist

    http://differentia.wordpress.com/2010/06/14/macht-uns-das-internet-kluger-wikipedia-als-reinkarnierte-gutenberg-bibel/
  • Salvy Ungemach am 07.09.2010 13:33
    @ Kusanowsky:
    "Durch dieses veränderte Beobachtungsschema entstand auch das, was mit Andreas Rudolff-Bodenstein von Karlstadt angefangen hatte, nämlich die Textkritik als Methode der Exegese."

    Das würde Rashi vermutlich anders sehen.
  • "Das würde Rashi vermutlich anders sehen." Wie denn?
  • Salvy Ungemach am 07.09.2010 15:38
    Vermutlich so, dass Exegese durch Textkritik keineswegs eine Erfindung des 16. Jahrhunderts und des Christentums ist, sondern schon sehr viel länger Teil der talmudischen Tradition ist, die er als Rabbi dim 11. Jahrhundert stark geprägt hat.
  • "dass Exegese durch Textkritik keineswegs eine Erfindung des 16. Jahrhunderts und des Christentums ist" Dass es sich um eine Erfindung des Christentums handelt ist auch gar nicht behauptet worden. Es wird statt dessen behauptet, dass es eine abendländische Entwicklung der modernen Gesellschaft gibt, die durch langsame Ausdifferenzierung entstanden ist. Diesen Ausdifferenzierungsprozess kann man auch in der Entwicklung der Theologie ablesen, die seit der Bentzung des Buchdrucks auf eine spezifische Weise gelernt hat, Texte zu erzeugen und zu verstehen. Der in dem Artikel genannte "mutige" Schritt ist nur das Ende eine Trivialisierungsprozesses. Den "mutige" Schritt ist sehr viel früher geschehen, nämlich durch die Verseinteilung und damit die Möglichkeit, den Bibeltext fragmentarisch zu dokumentieren, inkl. aller damit möglichen Manipulationen.
    Was sich auch immer in anderen Traditionen ereignet haben mag: unser Wissen über die talmudische Tradition in einzelnen, unsere Empirieform im ganzen ist noch immer die der Belegbarkeit von Behauptungen, für die Dokumentennachweise erbracht werden sollen. Und meine Vermutung lautet, dass sich diese Empirieform schon lange nicht mehr halten läßt.
  • Salvy Ungemach am 07.09.2010 16:15
    Ich wollte nur hinweisen, dass die in dem Begriff "entstand" behauptete Erstmaligkeit der Exegese-Textkritik nicht den Tatsachen entspricht. Und es gibt sehr wohl gesichertes Wissen über die talmudische Tradition, nicht nur belegte Behauptungen. Ich weiß wirklich nicht, von welchem Mangel an Dokumentennachweisen Sie da reden.
  • "Ich weiß wirklich nicht, von welchem Mangel an Dokumentennachweisen Sie da reden." - Von einem Mangel ist gar nicht die Rede gewesen. Solche Aufmerksamkeitsdefizite zeigen, wie weit der Zerrüttungsprozess der Dokumentform bereits fortgeschritten ist. Eine disziplinierte, an traditionelle Standards von Rationalität orientierte Verfahrensweise des Textverstehens ist durch die Kommunikation über Internet gar nicht möglich. Die Kommunikation wirkt gleichsam zentrifugal auf Verstehenskontexte, weil alle Verstehenskontexte durch ihre schnelle Verschiebbarkeit nicht mehr rekonstruierbar sind. So werden dann auch Formulierugen wie diese beobachtbar:

    "Und es gibt sehr wohl gesichertes Wissen über die talmudische Tradition, nicht nur belegte Behauptungen."

    Normalerweise reagiert man darauf mit dem Vorwurf der Trolligkeit. Aber durch diesen Vorwurf wird nicht verstanden, unter welchen Rezeptionsbedingungen die Texterstellung und das Textverstehen über Internet möglich wird. Man beobachte deshalb mal Diskussionsverläufe bei Blog-Kommentaren und frage sich, auf welche Art von Rationlität diese Verläufe schließen lassen.
  • Salvy Ungemach am 07.09.2010 17:44
    Ich habe wirklich absolute keine Ahnung, was Sie mir sagen wollen. Ich weiß nur, dass Teile ihrer Ausführung nach "Wir wissen ja so wenig über andere Traditionen" klingen, was im Fall des Talmudismus nicht stimmt.
    Alles, was *ich* sagen wollte, ist folgendes: "Durch dieses veränderte Beobachtungsschema entstand auch das, was mit Andreas Rudolff-Bodenstein von Karlstadt angefangen hatte, nämlich die Textkritik als Methode der Exegese." ist eine falsche Aussage, weil diese Methode lange vor Rudolff-Bodenstein entstanden ist. Mehr nicht.
  • "...ist eine falsche Aussage" - gerade solche Aussagen, die falsch und richtig hinsichtlichen einer Beschreibung von Tatsachen unterscheidbar machen, sind mit der Dokumentform entstanden und können durch die Kommunikation über Internet nicht mehr verifiziert werden.

    "Ich habe wirklich absolute keine Ahnung, was Sie mir sagen wollen." - Diese Ahnungslosigkeit ist wiederrum das Ergebnis trivial verbreiteter Kenntnisse im Umgang mit der Dokumentform: Richtigkeit, Vernunft, Wahrheit, Anständigkeit - jedem stehen solche Differenzen offen und man kann bemerken, wie jeder sie gewöhnlich für sich selbst in Anspruch nimmt. Nichts ist mehr so einfach festzustellen wie die Dummheit der anderen. Eben diese Vereinfachungsleistung ist nicht eigentlich der Nachteil der Kommunikation über Internet, sondern ihr reflexionsteigernder Vorteil. Es dauert nur etwas, bis sich solche Überlegungen herum sprechen.
  • Salvy Ungemach am 07.09.2010 18:15
    Tja. Bis auf g.n. fällt mir nichts mehr ein.
  • Jorge Cyterszpiler am 11.09.2010 20:46
    Großartige Realsatire im Kommentarbereich! Ich habe mich oft gefragt, warum große Intelligenz und ein extremes Maß an Bildung, so selten mit einer gewissen Geschmeidigkeit der Sozialkompetenzen Hand in Hand gehen können. Warum müssen Erfinder von Bandwurmsätzen immer Probleme mit der realen Welt haben und von solch kurioser Äußerlichkeit sein? Warum ist das Leben ein Klischee? Fragen über Fragen...

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