• Die Turnhalle ist das beste Klassenzimmer

    Wir wissen heute, dass man niemanden belehren kann, sondern dass Lernen ein individueller Erarbeitungsprozess ist, der vor allem von der Neugier, dem Interesse und dem Wollen des Lernenden beeinflusst wird. Für den Erfolg spielen natürlich die „Lehrerinnen und Lehrer“ eine wesentliche Rolle, aber auch die Mitlernenden und nicht zuletzt der Raum. Lernarchitekt Udo Lindner spricht in der Umfrage zum Thema BILDUNG über Ideen für neue Lernumgebungen, die das gemeinsame Lernen tatsächlich ermöglichen.

    Da wir uns immer mehr von einer Belehrungskultur zu einer Lernkultur, von einer Erzeugungsdidaktik zu einer Ermöglichungsdidaktik bewegen ist damit auch die Rolle der Lehrenden einem Wechsel unterworfen: wir werden mehr zum Lernbegleiter, zum Designer eines Lernprozesses. Ich finde, dass der Begriff „Lernarchitekt“, so wie ich meinen Beruf bezeichne, das gut beschreibt.

    Wenn ich mit meinen modernen Lehrmethoden arbeiten will, brauche ich dafür die richtigen Arbeitsbedingungen, das richtige Material, die geeigneten Räume. In einem Hörsaal mit festgeschraubten Klappstuhlreihen oder verankerten Tischen funktioniert das nicht. Ich kann mich auch nicht an die Öffnungszeiten der Materialausgabe halten.

    Wie wird man eine Lerngemeinschaft?

    Mir scheint auch, dass die Studierenden – aus verständlichen Gründen – weniger am Stoff interessiert sind, sondern zumeist mit möglichst geringem Aufwand ihre Credit Points erwerben wollen. Vielleicht sollte man inzwischen aus dem Begriff „Hochschule“ das „Hoch“ streichen…

    Doch was kann man tun, um eine Lerngemeinschaft zu werden? Zunächst ist die persönliche Begegnung notwendig, das Sehen und Gesehenwerden. Es braucht auch ein Commitment über die zu erreichenden Ziele, einen konkreten Lerngegenstand, Erkenntnisziele. Dann können sich Teilnehmer in einem größeren Rahmen (z.B. alle Führungskräfte einer Organisation – „das ganze System in einem Raum“) in kleinere Lernprojekte aufteilen. Die können dann auch zeitweise online dezentral bearbeitet werden. Wichtig ist immer wieder die persönliche Begegnung und die Verbindung zur Gesamtgruppe. Das geht auch mit Teilnehmerzahlen jenseits der hundert.

    Ich habe zum Beispiel auch positive Erfahrungen damit gemacht, sich von dem Paradigma zu verabschieden, dass in einem Computerkurs jeder Teilnehmer einen „eigenen“ Rechner haben muss. Besser ist es, Gruppen Aufgaben zu stellen, die gemeinsam gelöst werden müssen. Dabei können durchaus mehrere Rechner zum Einsatz kommen, aber im Vordergrund sollte die Teamarbeit stehen.

    Warum müssen Schulen immer wie Strumpffabriken aussehen?

    Unterstützung durch Lernplattformen wie Moodle ist sehr sinnvoll, wobei auch die dafür notwendige Selbstorganisation die Gemeinschaftsbildung fördert. Wir sollten zunehmend Wert auf die Entwicklung sozialer Kompetenzen legen und nicht die Einsamkeit am Rechner zulassen. Der Versuch, ein bestimmtes Paradoxon aufzulösen, stellt immer wieder eine Herausforderung dar: „Wie organisiert man Selbstorganisation?“

    Der französische Reformpädagoge Célestin Freinet hat einmal gefragt, warum Schulen immer wie Strumpffabriken aussehen müssen. Unsere Schulen sind (meist, noch?) unter dem Aspekt der Flächenoptimierung gebaut, nicht unter dem Gesichtspunkt der modernen methodischen und didaktischen „Lernarrangements“. Wo ist im Klassenzimmer der Platz für Freiarbeit, für Gruppenarbeit, für die Aufführung, die Vernissage?

    Es gibt Fortschritte, zum Beispiel durch die Montag-Stiftungen. Sehr anschaulich ist das Buch von Anne Taylor: „Linking Architecture and Education“. Meist beziehen die neuen Ansätze sich allerdings auf Schulen, weniger auf die Erwachsenenbildung. Hier haben wir überwiegend den Tagungsraum im Hotel, die Volkshochschule mit dem Charme der alten „Volksschule“ und seltener die bewusst gestaltete, optimale Lernumgebung.

    Wenn Tagungsstättenführer mehr Punkte vergeben, weil für jeden Teilnehmer ein eigener Arbeitsplatz im Hotelzimmer zur Vor- und Nachbereitung des Seminars zur Verfügung steht, halte ich das für kontraproduktiv. Erstens nutzt den kaum jemand, zweitens ist das Treffen nach dem Seminar, auch zur gemeinschaftlichen Reflexion, wichtig für den sozialen Kitt der Gruppe.

    Eine große Gemeinschaft von Lernenden macht sich auf den Weg

    Die neuen Lernräume bekommen Namen wie Piazza, Forum, Arena, sie haben andere Möbel, mehr Farbe, anderes Licht, sie strahlen Freude aus, nicht Mühsal und Schülerleid. Und diese Räume geben wirklich Raum: die Kleingruppen verschwinden nicht mehr hinter der Tür im Gruppenraum, sondern die gesamte Gruppe arbeitet in dem einen großen Raum (Turnhalle, Theater, Ballsaal…), überall ist die Energie spürbar, hier wird geraschelt, dort gebastelt, da fotografiert, hier ein Video analysiert.

    Man darf den anderen Gruppen bei der Arbeit zusehen, darf sogar die Gruppe wechseln: eine große Gemeinschaft von Lernenden macht sich auf den Weg. Ich liebe diese Atmosphäre, habe sie oft selbst arrangiert und erlebt – viel zu selten, muss ich gestehen. Es gibt noch nicht so viele mutige Auftraggeber. Gebucht wird gerne das „normale“ Seminar, „da weiß man, was man hat“.

    Leider, denn wer schon ein paar Seminare mitgemacht hat, entwickelt eine gewisse Teilnehmerroutine und sitzt schwierige Situationen einfach aus. Gute Lerndesigns allerdings schaffen Irritationen, die Lernen oft erst möglich machen. Durch kreative und innovative Lernumgebungen unterstützen wir das Lernen von Kreativität.


5 Kommentare zu Die Turnhalle ist das beste Klassenzimmer

  • Eugen am 19.10.2010 10:27
    Aha, Lernarchitekt, das klingt nach einer spannenden Aufgabe. Ich finde, dass in dem Text sehr schön dieses Verhältnis Lehrer/Schüler aufgebrochen wird, es geht nämlich immer ums Lernen. Der vermeintliche Lehrer lernt in jeder Unterrichtsstunde vermutlich genausoviel wie er lehrt, oder?
  • I.Siebert am 19.10.2010 16:21
    Bin selbst im Bildungssektor tätig. Musste teilweise schon in Räumen unterrichten, die eigentlich nicht mehr als Abstellkammern waren. Insofern, danke für den Text!
  • Sorry, aber ich bin mit dem Inhalt Ihres ersten Satzes nicht einverstanden. Ich bin der Meinung: Man kann belehren! Allerdings darf dieses Be-Lehren kein "Überstülpen" sein, sondern ein "Angebot" an der Lernenden. Damit rede ich der Auffassung von "Lehren" das Wort, die man auch "Mathetik" nennt. Wenn Sie dazu in meiner Website nachsehen wollen, dann finden Sie unter der Rubrik "Mathetik" mehr darüber.
  • Sehr geehrter Herr Professor Chott, mit Interesse habe ich die Rubrik Mathetik gelesen und stimme Ihnen vollständig zu. Sie sprechen hier allerdings auch von der Ermöglichung von Lernen durch entsprechende Lernangebote. Das verstehe ich nach Arnold/ Siebert als Ermöglichungsdidaktik im Gegensatz zur Belehrungsdidaktik. Ich sträube mich nur gegen den Begriff des Be-Lehrens, weil er zu sehr die Illusion trägt, was gelehrt würde wäre auch das Gelernte (Lehr-Lernkurzschluss). Aber ich glaube, dass wir letztlich dasselbe meinen.
  • [...] Ausgehend von der Frage, ob und wie Kunst überhaupt zu unterrichten ist, und basierend auf der Erfahrung ihrer Arbeit an der Kunsthochschule Weißensee ergänzte die Künstlerin Antje Majewski, wie sie als Professorin auf individuell höchst unterschiedliche Lernbedürfnisse eingeht. Zu den Variablen dieser Bildungsarbeit gehört für sie nicht nur ein flexibler Umgang mit Gruppengrößen sondern auch mit den räumlichen und interaktiven Arrangements von Lernsituationen. [...]

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