• Banale Wirklichkeit: Begegnung mit Tom Kummer

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    Neue Mittel zur Beschreibung der medialen Realität finden. Gleichzeitig die brutale Banalität dieser durch Medien konditionierten Wirklichkeit überwinden. Das war die Motivation des Journalisten Tom Kummer, sich unzählige Interviews mit Hollywood-Persönlichkeiten auszudenken und als “echte” Gespräche in den Massenmedien zu veröffentlichen. Er wurde des Betrugs bezichtigt, tauchte ab, jetzt ist er wieder da. Berliner Gazette-Autor Alexander Krex hat den Meister der Realitätsmontage in Berlin getroffen.

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    Er hat wieder was geschrieben, auf Deutsch, eine sehr lange Geschichte über den sehr langen Grenzzaun der Mexiko von den USA trennt, Titel „Borderline“. Es geht um das Objekt als solches, die metallene Mauer, keine Sozialreportage, Gott bewahre, keine armen Mexikaner, dem Reporter geht es um die Ästhetik des Zauns. So beschreibt er seinen Ansatz. Irgendwann tauchen die armen Mexikaner doch auf, und auch die Grenzer mit ihren Gewehren und Sonnenbrillen, einer nimmt den Reporter sogar fest. Der Reporter heißt Tom Kummer.

    Tom Kummer, der große Journalist, der große Schwindler aus Hollywood.

    An einem Donnerstagabend Ende Juni sitzt dieser Tom Kummer tief gebräunt in einem kleinen Laden in Berlin Mitte. Keine Bühne oder so, er sitzt auf einem ganz banalen Holzstuhl, ihm gegenüber sitzen Leute, die ihn sehen wollen. Die Vorstellung übernimmt Daniel Puntas Bernet, Chefredakteur des schweizerischen Reportagen-Magazins, in dem Kummers Story erschienen ist. Ob er wirklich festgenommen worden sei, diese Frage schwebt im Raum, ohne dass sie jemand aussprechen müsste.

    Tom Kummer sagt: „Es sollte dem Leser egal sein, ob es sich so abgespielt hat oder nicht, ich habe ihn in die Geschichte reingezogen, ich will ihm was erzählen.“ Die Szene, in der er dem Grenzer gegenüber sitzt, ist der Kristallisationspunkt, es ist die Stelle der Geschichte, an der Dinge nicht nur passieren, sondern dem ganzen einen tieferen Sinn geben. Hier kommt die Metaebene ins Spiel, wie Journalisten so schön sagen.

    Tom Kummer sagt: „Man hat das wirklich erlebt, wenn man so will.“ Daniel Puntas Bernet sagt: „Diesen Text werden wir nicht für den Henry Nannen Preis einreichen.“ Er denkt dabei an Spiegel-Autor René Pfister, der seinen Preis vor zwei Jahren wieder abgeben musste. Nicht weil er sich was ausgedacht hätte, sondern weil er vorgaukelte, eine Szene miterlebt zu haben, die ihm in Wirklichkeit nur erzählt wurde.

    Ein Name, der Aufmerksamkeit erregt

    Es geht sowieso nicht um Preise, Puntas Bernet hat Tom Kummer als auf Deutsch schreibenden Reporter reaktiviert, weil er findet, dass Kummer schreiben kann. Außerdem ist Tom Kummer ein Name, der Aufmerksamkeit auf sich zieht, und auf jedes Magazin, in dem er auftaucht. Dass Kummers Geschichte ausgerechnet „Borderline“ heißt, ist clever, weil ihn Weggefährten so nannten, nachdem die ganze Sache aufgeflogen war: Borderline-Journalist!

    Sie waren sauer, klar, Kummer hatte sie geblendet, die vom SZ-Magazin in Deutschland, die vom Tagesanzeiger-Magazin in der Schweiz und auch noch ein paar andere. Sie waren nicht nur um die Spesen betrogen worden, ihr Ruf litt. Keiner der Chefredakteure von damals hatte dringlich genug nachgefragt: Verdammt noch mal, Tom, wie machst du das? Warum gibt dir der schwer kranke Charles Bronson als einzigem Menschen auf diesem Planeten ein Interview? Über Orchideen?!

    Mit Tom Kummer ist es wie mit Bankräubern, die Tunnel graben anstatt Leute zu erschießen, man mag sie einfach. Tom Kummer ist der Held seiner Geschichte, auch wenn er irgendwann geschnappt wurde. Nach 35 Interviews mit den ganz Großen, Hollywood-Stars wie Charles Bronson und Sharon Stone, Sportler wie Mike Tyson. Nur hatte er, das muss man immer dazu sagen, diese Interviews gar nicht geführt, er hatte sie sich ausgedacht.

    Über Klischees hinwegkommen

    Er hatte die Stars das sagen lassen, was er sich gewünscht hat, dass sie gesagt hätten, wenn er mit ihnen gesprochen hätte. Sie kamen gut dabei weg, sie wirkten interessant, subtil, tiefgründig, sie waren genauso groß wie auf der Leinwand oder im Ring. Tom Kummer wollte keine Worthülsen, er wollte über die Klischees hinaus, das Tausend Mal Gesagte hinter sich lassen. Tom Kummer hat die ganze brutale Banalität der Wirklichkeit nicht ertragen. Wer kann ihm das vorwerfen?

    Irgendeiner immer. An diesem Donnerstagabend ist es eine Frau mit ziemlich blondem Bubikopf, natürlich selbst Journalistin, immer wieder will sie wissen, ob er die Leser nicht vorgeführt habe, damals. Sie hätten doch mit gutem Recht die Realität erwartet. Aus einem festsitzenden moralischen Grundbedürfnis heraus will sie eine Entschuldigung hören, jetzt hier, in diesem Laden, von diesem Schweizer mit der kalifornischen Bräune. Tom Kummer sitzt auf seinem Holzstuhl, hält das Mikro wie eine Gangsta-Rapper, und guckt auf den Boden. Dann sagt er etwas genervt: „Ich will mich nicht mehr erklären“.

Tom Kummer hat schon die ganze Zeit nach unten geschaut, in diesem Moment aber, wird sein Zwiegespräch mit dem Boden so intensiv, dass man meint es zu hören. Er hebt den Blick überhaupt sehr selten, er schaut die Menschen ungern direkt an. Meistens schaut Tom Kummer in sich hinein, dahin, wo sich die Realität bricht, die ja zwangsläufig draußen bleiben muss. Dahin, wo die Geschichten entstehen.


    Wofür entschuldigen?

    
Jetzt ist es still im Raum und die Frau mit dem Bubikopf muss einsehen, dass es diese Entschuldigung niemals geben wird. Tom Kummer weiß einfach nicht wofür er sich entschuldigen sollte. Dafür, dass er hoch spannende Interviews abgeliefert hat? Dafür, dass er sich mehr Arbeit gemacht hat, weil er sich das ganze philosophische Zeug ausdenken musste, das die Leute ihm nicht gesagt haben? Dafür entschuldigen? Forget it! Außerdem ist die Sache ist ewig lange her, 13 Jahre.

    Heute ist Kummer in einer wesentlich komfortableren Lage. „Mit meinem Ruf kann ich davon ausgehen, dass meine Geschichten einfach genossen werden“, erklärt er. Er weiß, wir wissen, was wir von ihm zu erwarten haben. Und was nicht. 1999 hat das SZ-Magazin ein Kummer-Interview mit Ivana Trump abgedruckt, Ex-Frau des Immobilien-Tycoons Donald Trump, Multimilliardär. Tom Kummer hat sie sagen lassen: „Was mich am amerikanischen Alltag am meisten beeindruckt hat: Du kannst dich mit fremden Feder schmücken, und niemand nimmt es dir übel. Du kannst so tun, als ob du an einen Ort gehörst, wo du in Wirklichkeit überhaupt nicht hingehörst. Zum Beispiel kannst du dich auf einen Sessel im Ritz Carlton setzen, und du brauchst dort nicht wirklich als Gast angemeldet zu sein. (…) Das fördert das Selbstbewusstsein.“

    Nachdem der unschönen Sache in Deutschland hat Tom Kummer lange nichts geschrieben. Irgendwann fing er doch wieder an, auf Englisch, unter Pseudonym. Er schreibt nun für Blogs, und Einleitungen für Bücher über Kunst und sowas, sagt er. Eine Zeit lang war er auch Tennislehrer in LA. Das mache er aber schon lange nicht mehr.

    „Erst“, sagt Tom Kummer, sitzt auf seinem Holzstuhl und hält sich die rechte Schulter, „wollte ich eine Fun-Geschichte schreiben, vielleicht über Paris Hiltons Hund.“ Er hat sich dann doch für den Zaun entschieden, die Konstruktion als solche, Land-Art in der Wüste, diese unbegreifliche Grenze zwischen den Welten, Borderline. Durch die metallisch glänzenden Maschen mag ihm Mexiko ganz und gar unwirklich erschienen sein. Es ist eine gute Geschichte geworden.

    Anm.d.Red.: Das Foto oben stammt von Alexander Krex.


10 Kommentare zu Banale Wirklichkeit: Begegnung mit Tom Kummer

  • Ich glaube, Tom Kummer hat in Hollywood Dinge geschaut, die wir nie sehen werden, nie sehen können. Er ist ein bisschen wie Rutger Hauer, der Replikant in der letzten Szene des Films Blade Runner. Der Replikant sagt sterbend zu Harrison Ford: ›Ich habe dort draußen Dinge gesehen, die ihr Menschen nicht glauben würdet. Brennende Kampfschiffe an den Ufern des Orion. Ich sah C-Strahlen glitzern in der Dunkelheit am Tannhäuser Tor. Und nun: All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, wie Tränen... im Regen.‹ Eine unglaubliche Szene. Tom Kummer hat – wie der Replikant – in die Unendlichkeit geschaut, er hat, wie Dantes Sänger, über die Schulter zurück in den Abgrund geblickt. Und das nehmen ihm die Menschen sehr, sehr übel. Ich nicht.
  • Testi am 07.07.2013 14:18
    sehr guter, witziger und treffender text! danke!!
  • Segovia Hein am 09.07.2013 08:25
    Also ich fand es schon immer: T.K. ist ein Hochstapler, der auch noch gefeirt wird. Bin auch nach dem Text immer noch dieser Meinung.
  • "Die Leser erwarten mit gutem Recht die Wahrheit", ist der zentrale Vorwurf gegen Tom Kummer. Und genau hier wird´s kniffelig. Ist ein Interview, das im Zuge einer Autorisierung verstümmelt und mit PR-Botschaften durchsetzt wird, noch die "Wahrheit" eines Gesprächs? Jeder Journalistik-Student, der schon einmal mit dem Konstruktivismus in Berührung gekommen ist, weiß: Die "Wahrheit" oder "Realität" lässt sich durch Journalisten nicht abbilden. - Wenn Sie das ernst nehmen wollen: Fragen Sie mal Philosophen nach den Problemen in der Erkenntnistheorie.
    Journalisten können nur "Wirklichkeitskonstruktionen" anbieten. Und auch wenn Tom Kummers Interviews journalistische Standards verletzt haben, gehören seine "Wirklichkeitskonstruktionen" zu meinen Liebsten. Ich würde ihn jeder Zeit publizieren.
  • Ziemlich subtil, so ein Kummer-Interview zu simulieren!
  • @diba #5: wie genau meinst du das?
  • [...] Originaltext [...]
  • Also ich will, dass TK Kanzler wird. Er ist wahrhaftiger als die NSA und ehrlicher als jeder Politiker. Erfindungsreicher als jeder Schriftsteller und leidenschaftlicher als alle Redakteure, die sie sich sonst so aufspielen über ihn.
    Die Meisten zeigen doch nur mit dem Finger auf ihn, um ihre eigene Unscheinbarkeit zu verdecken.
    Gruss an Tom und Danke für den Text
  • Wenn Leute über Einem reden und schreiben ist man doch eine Wichtige Persönlichkeit und interessant ? Bravo TK Du lebst weiter in den Munden der Gesellschaft !
  • [...] «Jetzt hat er wieder eine Reportage geschrieben» (tagesspiegel.de), «jetzt ist er wieder da» (berlinergazette.de). Tatsächlich war er nie weg, seine Rückkehr ist ein Mythos, wie auch seine Abwesenheit: Schon [...]

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