• Berlin-Trilogie: Wie wir mit Thomas Arslans Kino die Hauptstadt neu entdecken können

    thefineday08kl
    Multikulti? Kreativ? Jugendlich? Vielleicht. Nur, man kann auch Geschichten über Berlin erzählen, die sich nicht in den Klischees des City-Marketings erschöpfen. Thomas Arslans Berlin-Trilogie macht eindrucksvoll vor wie das geht und wie man en passant die vom Smog der Alltagsroutinen durchkreuzte Stadt neu entdecken kann. Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki stellt die drei Filme vor.

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    Selbst wenn die Berlin-Trilogie des Regisseurs Thomas Arslan eher zufällig entstanden ist und zu keinem Zeitpunkt ein Masterplan für die Entwicklung einer zusammenhängenden Erzählung vorlag, so lässt sie sich durchaus als dreiteiliger Bildungsroman lesen. Die Geschichte beginnt mit Jugendlichen: Sie sind „Geschwister-Kardeşler“ (so der Titel des Films aus dem Jahre 1997) und sie leben in Kreuzberg. Im zweiten Teil „Dealer“ (1999) sind die Protagonisten aus den Kinderschuhen raus, aber noch nicht so richtig erwachsen. Sie pendeln zwischen Halb- und Unterwelt.

    Rastlose Bewegung, Herkunft adé

    Die Hauptfigur in „Der schöne Tag“ (2001), dem dritten Teil, ist Schauspielerin und Synchronsprecherin; sie schwebt souverän durch städtische Räume, Beziehungen und Jobs. Ihre Herkunft spielt keine Rolle – ihre Identität ist post-ethnisch. Das ist insbesondere bei den Figuren des ersten Teils noch anders: sie sind noch weitgehend festgelegt auf eine Nachbarschaft (die migrantische Hochburg Westberlins) und in gewisser Hinsicht auch auf ihre Herkunft – der ältere der beiden Brüder zieht am Ende zurück in die Türkei, um dort den Militärdienst zu absolvieren.

    Filmstills aus Thomas Arslans „Geschwister-Kardeşler“ (1997)
    In allen drei Teilen sind die Protagonisten stets in Bewegung, sie sind ständig auf den Straßen Berlins unterwegs – auf dieser Ebene und in diesem Modus verhandelt der dreiteilige Bildungsroman das komplexe Verhältnis von Ich und Welt. Nicht Symbole Berlins, so genannte Wahrzeichen, sondern Atmosphären, Lichtfrequenzen und Farben konstituieren die Welt als begreifbaren, wiedererkennbaren Raum.

    Man darf Abschied nehmen von einem Berlin, das sich in Postkartenmotiven und City-Marketing-Klischees erschöpft. Und man wird eingeladen gemeinsam mit den Figuren eine Stadt zu betreten, die erst noch zu entdecken, kartografieren und mit Geschichten aufzuladen ist. Auch jetzt, mehr als eine Dekade nachdem Arslans Trilogie erstmals in die Kinos kam, sind die Filme in dieser Hinsicht noch so frisch wie am ersten Tag.

    Filmstill aus Thomas Arslans „Dealer“ (1999)
    Die Filmbilder sind sehr konzentriert, aber nie angespannt. Die Kamera fokussiert niemals etwas, das sie nicht unbedingt sehen und zeigen will. Durch die Augen der Protagonisten sehen wir eine Stadt befreit vom Smog des Alltags. Wollte man von einer residualen „Essenz“ sprechen, also dem, was unter dem Strich übrig bleibt, wenn Arslan alles Unwesentliche weglässt, so liegt dies in der Schönheit des Dokumentarischen. Das unverstellte Bild, die Dinge, schlicht und ergreifend so wie sie sind.

    Smog, Rauschen und Jeans

    Analog dazu leben die Filme von einem Klang, der so crisp, so dynamisch, so vielstimmig ist, wie ihn nur eine Großstadt hervorbringen kann. Der Soundtrack der Filme, der die Stadt als Klangkörper amplifiziert – er filtert den Smog des Alltags, um ein Rauschen herauszuarbeiten. Das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Denn es ist dieses Rauschen, das Klarheit bringt in das Verhältnis von Ich und Welt. Jene Klarheit, nach der man sich im Alltag so häufig sehnt, jenes Rauschen, das man häufig versucht auszublenden, weil es als Störgeräusch empfunden wird.

    Und so kommt die poetische Potenz der Berlin-Triologie nicht von ungefähr in einem trivial scheinenden Sound-Detail zur Geltung. Das Schlappen der Jeans ist, wie auch schon Veronika Rall beobachtet hat, ein sonisches Leitmotiv, das alle drei Teile des Bildungsromans verbindet. Die ProtagonistInnen sind so gut wie immer auf Achse, fast immer auf der Straße und bringen dieses Geräusch mit ihren ausgestellten Jeans-Hosen hervor, das aufgeht im urbanen Noise, der wiederum aufgeht im weltumspannenden Äther.

    Der Lärm, den alle Menschen hervorbringen, der das „Gemeinsam-Sein“ (Nancy) zu Gehör bringt – es ist dieser Lärm, der mit dem Jeans-Geräusch auf eine gleichermaßen banale wie signifikante Sound-Signatur heruntergebrochen wird. Selten war das Verhältnis von Ich und Welt so klar wie hier. Selten wurde es so unverstellt, so unverhohlen präsentiert. Die vermeintliche Essenz: ein subtiler Noise. Wir sind ganz Ohr.

    Anm.d.Red.: Thomas Arslans Berlin-Trilogie ist im Berliner Kino Arsenal zu sehen: „Geschwister–Kardeşler“, 27.5., 19 Uhr; „Dealer“, 29.5., 19 Uhr; „Der schöne Tag“, 31.5., 19 Uhr. Einige dieser Filme sind auch gerade auf DVD erschienen. Wir empfehlen in diesem Zusammenhang die Ausstellung „Urban Noise“, bis 19. Juni 2011 im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien zu sehen ist. Alle Fotos sind Standbilder aus der Berlin-Trilogie Thomas Arslans.


6 Kommentare zu Berlin-Trilogie: Wie wir mit Thomas Arslans Kino die Hauptstadt neu entdecken können

  • michael markovicz am 25.05.2011 17:32
    wow! wenn die filme nur halb so gut sind, wie sie vorgestellt wurden, lohnt sich der weg ins kino. mir gefällt in diesem zusammenhang auch die verknüpfung zur ausstellung im kunstraum. könnte eine spannende woche werden........
  • Silvia am 26.05.2011 02:13
    klingt toll ;)
  • hier ein heißer tipp für alle ohren-enthusiasten:

    http://meineohren.de
  • Klingt wahnsinnig spannend! Endlich mal nicht die romantischen Großstadt-Klischees.
  • Klingt sehr spannend und hoffentlich komme ich mal in die Gelegenheit mir die Filme anzuschauen.
  • Michelle Martin am 29.08.2014 14:44
    Bis jetzt habe ich nur den dritten Teil der Trilogie gesehen, aber besonders gefallen hat mir Arslans Fähigkeit, alltägliche Momente und Begegnungen absolut authentisch und trotzdem unglaublich fesselnd darzustellen.

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