• Glanz gegen Hipster-Nazis: Wie TheatermacherInnen aus Berlin gegen die neuen Rechten kämpfen

    Die „identitäre Bewegung“ sind die Hipster unter den Nazis. Mit „coolen“ Aktionen, deren Ideen sie von Kreativen klauen, wollen sie auf ihre menschenfeindlichen Anschauungen aufmerksam machen. Der Widerstand Berliner Kulturschaffender ist vielfältig. Der Theatermacher Moritz Pankok etwa engagiert sich in einer Gruppe, die sich „Die Vielen“ nennt und ungewöhnliche Methoden im Kampf gegen die neuen Nazis einsetzt. Ein Bericht.

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    Von allen Seiten erreichen uns beunruhigende Nachrichten. An den Grenzen sterben Flüchtlinge, die viel gepriesene Willkommens-Kultur wird von Übergriffen überschattet und nach und nach strukturell politisch verunmöglicht. Verlogener Nationalismus gebiert Ungeheuer wie den Brexit, die Trump-Wahl der USA, eine Marie Le Pen in der Stichwahl für das französische Präsidentschaftsamt.

    Auch an die uns gewohnte Bühnenfreiheit soll die Axt gelegt werden. AfDler suchen die Ausstrahlung politischer Auftritte in unseren Theatern. Suchen sich selbst zu institutionalisieren, indem sie sich in diese Kulturinstitutionen einschleichen. Suchen die „ehrwürdige“ Institution z.B. eines Burgtheaters zu Wien als Maske für ihre rechtsextremen Ideologien zu verwenden. Sie faseln von einer nationalen Kulturpolitik, sie wollen wie die Nazidiktatur eine Kunst, die das Nationalbewusstsein stärkt, anstatt zu hinterfragen. Längst sind nicht nur sogenannte Ausländer in den Fokus der Rechten geraten, sondern natürlich auch die Andersdenkenden: Kulturschaffende.

    Die Politik der Angst arbeitet daran unsere Gesellschaft umzuformen. Dabei wird sich unterschiedlichster Mittel bedient. Von schlichter Gewalt à la NSU, Attacken auf Flüchtlingsheime bis hin zu raffinierteren Methoden von Agitation im Internet, Pseudo-intellektuellen Auftritten einiger weniger rechter Rädelsführer oder zur plumpen Kopie aktivistischer Methoden, bei der, im Stile der Angriffe von Greenpeace auf Walfängerschiffe, Boote von Hilfsorganisationen, die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer aus Seenot retten, attackiert werden.

    Es ist sicher ein Phänomen sozialer Medien, dass man sich zunehmend und ausschließlich nur in Kreisen von Meinungen bewegt, die der eigenen ähneln, die zu solchen gedanklichen Kurzschlüssen führen. Der Faktor eines gewissen Abenteuer-Feelings mag zudem dazu beitragen, dass sich die selbsternannte Neue Rechte (die bei genauerem Hinsehen so neu nicht ausschaut) mit solchen Aktionen in der Sonne des Hip-Seins zu sonnen wägen, aber ganz klar: Hier ist dieselbe Menschenverachtung aller Rechten am Werk, die man von den dumpfesten NPD-Anhängern kennt.

    Die Grenzen verschwimmen

    Seit Februar diesen Jahres trifft sich in zwei-wöchigem Rhythmus eine Gruppe Berliner Theaterschaffender, um Themen wie die oben genannten zu debattieren. Zunächst unter dem Titel „Was tun?!“ Aber nach der Erfahrung zahlreicher Begegnungen im Umfeld der Gruppe und angesichts der vielen Unterstützer und fruchtbaren Netzwerke, hat sich die Gruppe mittlerweile formiert und den Verein „Die Vielen e.V.“ gegründet.

    Die beschriebenen beunruhigenden Umstände mögen der Anlass sein, aber in Wirklichkeit, so sind wir zu dem Schluss gekommen, ist die Neue Rechte bereits jetzt gescheitert. Denn keines ihrer Trugbilder trägt. Weder geht das Abendland am Postnationalismus zu Grunde, noch schaden die Flüchtlinge unserem Land.

    Als aktive Künstler*Innen besonders hervorzuheben sind Aktionen des Berliner Peng! Kollektivs, das mit seinen Ideen auf unterschiedlichste Weise die Medieninszenierungen heutiger Zeit unterwandert und pointiert auf Missstände hinweist und zur Gegenwehr inspiriert. Aufsehenerregend sind die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit.

    Vom 23.Juni bis zum 1. Juli ist das Hamburger Schwabinggrad Ballett in Verbund mit der Gruppe Arrivati in Berlin zu Gast, um durch ein performatives Erinnern an die vielbeachtete Besetzung des Oranienplatzes in Kreuzberg auf die vielschichtige Situation der damaligen wie heutigen Geflüchteten hinzuweisen und zu Solidarität aufzurufen.

    Die Beschäftigung mit den Themen von Flucht im freien Theater führt angesichts der Tragweite der Fluchtsituationen oftmals dazu, dass die Grenzen zwischen künstlerischer und realer politischer Betätigung aufgehoben sind. Performances sollen Betroffenen selbst eine Bühne geben, anstatt über sie zu referieren. Ziviler Ungehorsam wird Bestandteil der Arbeit, Kunstaktionen werden in die Realität implementiert und zeigen so diese Missstände beispielhaft auf, versuchen sie aber gleichzeitig auch zu bekämpfen.

    Ein Beispiel ist der Film „Io sto con la sposa“, bei dem die Filmemacher eine inszenierte reisende Hochzeitsgesellschaft, die in Wirklichkeit aus Flüchtenden bestand, durch die Festung Europa begleiteten und die auf diese Weise Schweden erreichte.

    Mitstreiter der Gruppe „Die Vielen“ ist die Berliner Gruppe „AndCompany & Co“, die unter anderem in ihrem Projekt Orpheus in der Oberwelt: Die Schlepperoper. Live Hörspiel die quälende Situation der heutigen EU Außengrenze am Fluss Evros zwischen Griechenland und der Türkei mit dem am gleichen Ort verorteten antiken Mythos verschränken.

    Die „Identitären“ wollen mithalten

    Längst schon also sind die von den Rechten angesprochenen Themen fester Bestandteil von aktivistischen Performances verschiedener Theaterkollektive. Dies zwingt die „Identitären“ geradezu, sich im Stil erfolgreicher Kunst-/Protestaktionen zu äußern, was Ihnen aber weder praktisch noch in Bezug auf Geistesschärfe gelingt.

    Im Zuge vieler angeregter Gespräche der Gruppe entstand ein Positionspapier, das von allen Beteiligten getragen wird. Was allen eigentlich klar war, wurde im Gespräch mit den Kolleg*Innen nur noch deutlicher: Die Ansätze der Rechten würden die Künstler*Innen, falls angewandt, ihrer Möglichkeiten zu arbeiten berauben. Sie würden die Diversität, die Grundlage ihrer Kunst ist, zerstören. Sie sind wie ein Negativ-Abzug Ihres Tuns.

    Und damit kommt die Gruppe zu dem Schluss, dass sie ihre Aktionen nicht als Reaktion auf Umtriebe von bereits im Abstieg befindlicher Gruppierungen wie der NPD oder der AFD planen, sondern vielmehr als eigenständige Äußerung. Denn ihre Arbeit – Kunst und Theater – entsteht als Frucht von Freizügigkeit, offenem Denken genauso wie von offenen Grenzen. Sie befinden sich im stetigen Austausch mit anderen Kulturen wie mit Individuen. Theatermacher*innen handeln aus Interesse an ihrem Gegenüber. Künstler*innen befinden sich mit ihren kulturellen Projekten, Aktionen, Theatern und Ausstellungen beständig auf Reisen und leben den Austausch.

    Sie erleben ein Europa, welches sich nicht als Wirtschaftsraum allein oder gar als Festung versteht, sondern als ein von Kriegen gezeichneten Kontinent, der immer nur dann erfolgreich war, wenn sich Kulturen und Völker gemischt haben und sie im Austausch und Handel miteinander waren. Für sie soll Europa in der Tradition von den vor den Nationalsozialisten geflohenen Künstler*innen und Schriftsteller*innen in den Alliierten Ländern während des Zweiten Weltkriegs, ein sicherer Ort des Exils für Geflüchtete und nicht zuletzt von verfolgten Kolleg*innen sein. Sie, die die Frucht dieser bitteren Erfahrung genießen, sollten in der Lage sein, die ihrem Arbeiten zu Grunde liegende Freiheit zum Glänzen zu bringen.

    Einige Mitstreiter*Innen der Gruppe „Was tun?!“ setzten sich mit der Einladung von Marc Jongen (AFD) in das Theater Gessnerallee in Zürich, der dort unter dem unsäglichen Titel „Die neue Avantgarde“ diskutieren sollte, auseinander und veröffentlichten einen wiederum viel diskutierten offenen Brief an die Gessnerallee. Damit im Hinterkopf marschierten „Die Vielen“ mit einem Banner „Keine Bühne für Nazis“ auf der Demo in Rudow am 25.3. im Rahmen der Aktionswoche Kein Ort für Nazis! – Neuköllner Aktionswoche gegen Nazigewalt und Rassismus mit.

    Gegen Nazis Glanz!

    Für ausgerechnet den 17. Juni nun hatte sich die „Identitäre Bewegung“ für einen Marsch durch Berlin angesagt. Dem wollten „Die Vielen“ ein Gegenbild liefern und die Umdeutung und Aneignung des Gedenktages an den Aufstand in der DDR 1953 nicht zulassen. Schnell wurde auf Basis unserer Gespräche und unseres Positionspapiers ein Motto gefunden: „Gegen Nazis Glanz!“

    Es gelang der Gruppe den Ort des historischen „17. Juni“ mit ihrer Demonstration zu kreuzen. Das Motto der Demonstration wurde mit einem aus goldglänzenden Überlebensdecken geschaffenen schillernden Fahnenmeer sowie einem fliegenden Theaterportal aus demselben Material adäquat visuell umgesetzt, so dass sich diese Demonstration von anderen glänzend unterschied.

    Zeitweilig liefen bis zu 600 Mit-Demonstranten mit uns durch Berlin. Beginnend am Molkenmarkt zog „Gegen Nazis Glanz!“ bis zur Invalidenstraße, wo die Demonstration enden musste, ohne sich den anderen Demonstranten, die die Bernauer Strasse blockierten, anschließen zu können. Nur in Kleingruppen konnten sich die Teilnehmer von „Gegen Nazis Glanz!“ dorthin aufmachen.

    Die Blockade der Bernauer Strasse durch das „Bündnis gegen Rechts“ war schließlich erfolgreich und es gelang den „Identitären“, die mit nicht mehr als 600 Teilnehmern demonstrierten, nicht, weiter in die Stadt zu kommen. Ihr Frust war deshalb so groß, dass es zu gewalttätigen Ausschreitungen kam und die identitären Organisatoren damit scheiterten, den friedlich-hippen Anschein dieser Demonstration zu wahren. „Identitäre“ keilten gegen die Polizei und Umstehende. Zudem wurden wieder Anhänger der AfD bei den „Identitären“ gesichtet, und freimütig bekannten sich die Teilnehmer des Aufmarsches zur Mitgliedschaft in dieser Partei.

    Ein weiteres Mal zeigte sich also, dass die AfD keineswegs schlicht eine bürgerlich demokratische Partei ist, sondern vielmehr eine, die sich nicht von Gewalt und Rassismus extremer Gruppen distanzieren vermag und die zahlreiche Verbindungen zu den „Identitären“ hat.

    Sinkende Umfragewerte der rechten Parteien stimmen angesichts der eingangs genannten „beunruhigenden Nachrichten“ hoffnungsvoll. Ein aktiver Einsatz gegen Rechts durch die Theatermacher wird zum Niedergang der neuen rechten Bewegung beitragen und gleichzeitig den sich nun solidarisierenden Künstler*Innen helfen, neue Formate zu entwickeln, Profile zu schärfen und sich so auf den Kern ihrer politischen Theaterkunst zu besinnen. Gegen Nazis Glanz!

    Anm. d. Red.: Die Fotos sind während der Demo am 17. Juni entstanden und wurden von Krystian Woznicki aufgenommen, sie stehen unter CC-Lizenz.


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