• Tektonik der Eliten

    Ich fuhr gen Sueden und las auf Reisen die Sound Studies- Abschlussarbeit von Christoph Illing (Titel: sinuous – verwi- ckelte wellenformen) sowie den frisch erschienenen Roman Koennte Koeln sein. Staedte. Baustellen. Andreas Neumeister erzaehlt darin die Architektur des Brennero, von der Provinzia Autonoma de Balsan, von Roma, Berlin, Muenchen und New York City.

    Im Bordrestaurant ass ich ein Gericht, das mit der Person eines angeblichen belgischen Sternekochs beworben wurde und hoerte das neue Mini-Album von Frank Black a.k.a Black Francis, SVN FNGRS.

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    Durch Huegel und Taeler des Allgaeus wurde ich gefahren und sah spaet am Nachmittag die erste und zweite Folge der zweiten Staffel meiner Lieblings-HBO-Serie Big Love an. Ein Freund und Soziologe und Nichtwissens-Forscher, Stefan Boeschen, holte mich in Augsburg ab. Wir fuhren weiter zum Haus seiner Familie nach Guenzburg, Offingen und assen dort dem griechischen Landgasthaus Rhodos. Tags drauf fuhren wir tiefer hinein ins Allgaeu, in den sogenannten Pfaffenwinkel der Region Weilheim-Schongau, randvoll mit zahllosen Wallfahrtskirchen und Klostergebaeuden. Beim Kloster Wessobrunn, in dem getagt werden sollte, lag noch Schnee.

    753 soll das Kloster begruendet worden sein, das althoch- deutsche Wessobrunner Gebet soll hier entstanden sein: aeltestes Zeugnis christlicher Dichtung in deutscher Sprache, aufgezeichnet im Jahre 814. Der erste Vortrag des Soziologen Bernhard Gill entfaltete die polito- und soziologischen Weiterungen einer sozialstrukturellen Elite sowie der gegenwaertigen oeffentlichen Aufregung ueber ungeeignete (=raffgierige) Fuehrungskraefte einerseits sowie die staatliche Ernennung bestimmter Hochschulen als exzellente. Immer noch verfolgte mich der keuchende Husten als Rest einer Erkaeltung von vor ein bis zwei Wochen.

    Ich fragte mich: War die derzeit beliebte mediale Erzaehlung, dass eine Entitaet namens Deutschland eindeutig mehr Eliten braeuchte, nicht einerseits ein Me-too-Phaenomen im Benchmark zu vergleichbar grossen europaeischen Nationen? Und andererseits auch ein huebsch (=schickes) Accessoire, um sich moeglichst ueberzeugend eine buergerliche Kostuemierung anzuziehen, bourgeoisen Drag ohne tiefgreifend existenzielle Verbindlichkeiten – wozu auch gerne Familienwerte, Kindschaft, Tischmanieren, Privatschulen und Haushaelterinnen, Opernbesuche und Tafelbildmalerei, der gesamte Manufactum- und Land’s End-Katalog gern angezogen und vorgefuehrt wurden.

    Der zweite Vortrag eines Unternehmers und Mitgliedes im Vorstand von UnternehmensGruen, Andreas Buchner, schaute sich Selbst-, Fremd- und Medienbilder der sogenannten Fuehrungseliten an: 0,1 Prozent aller Unternehmen erscheinen nur im managermagazin, drei Prozent im Wirtschaftsteil der Sueddeutschen Zeitung. Vieldiskutierte Manager sind nicht mehr als Angestellte – alles andere als voll verantwortlich handelnde und unternehmende Persoenlichkeiten.

    Beim Abendessen im einzigen Gasthaus der Gemeinde sprachen wir ueber Klimawandel und acoustic ecology, ueber gruene Landwirtschaft in Deutschland und Oesterreich, den notgedrungen geschaeftstuechtigen Weitblick grosser Versicherungsunternehmen in dieser Angelegenheit und die sozialen Verwerfungen des Klimawandels, die schon an den gegenwaertigen Streiks ablesbar seien.

    Die Grenzen des Wachstums, the Limits to Growth – seit bald dreieinhalb Jahrzehnten schon ueberdeutlich, dringlich und ueberzeugend vorhergesagt – seien nun endlich auch von politischen Entscheidungstraegern ihren Waehlern zu vermitteln.

    Der dritte Vortrag, am folgenden Morgen, oblag mir und ich versuchte anhand eines Vortrages von Jonathan Meese sowie einem Sprechgesang-Gedicht von Tocotronic (Titel: Kapitulation) zu zeigen, wie in den Kuensten und der Popkultur auf durchaus auch anderen Wegen und Weisen Herausragende (sprich: >Exzellente<) oder Ausgewaehlte als Auserwaehlte (lies: >Elite<) bestimmt werden koennen. Die Auserwaehlten: Mediale Personae der Kunst und ihre Erzaehlungen. Erstens: Massstaebe des Handelns. Zweitens: Verdecktheit und unvermutete Offenheit. Drittens: Bewegungsweisen des Sonderbaren. Gross ist nur, was man nicht erkennen kann. Groesser noch, was man nicht begreift (Element of Crime). Uns wurden die Gebets- und Festtagsraeume, auch die Pfarrund Klosterkirche vor Ort gezeigt; wir assen die drei Gaenge der neunzehn Ordensschwestern. Nach einem abschliessenden doppelten Espresso Macchiato im Gasthaus zur Post fuhr mich mein Bekannter zurueck zum Bahnhof meiner Abfahrt. Mit Neumeister besuchte ich Frankfurt am Main, Paris, Tartu und Tallinn und Warschau. Im Zug gen Norden schrieb ich diese Zeilen, neben mir sass ein juengeres Ehepaar, das ueber den hinter ihnen liegenden Besuch bei ihren Freunden sowie den naechsten anstehenden Webdesign-Auftraegen der Frau sprach, sie frotzelten humorvoll ueber die Landschaft hinter den Fenstern. Ich hoerte Sebastian Maetjes Route 206. Кремль, Schwabing, las die Abschlussarbeiten von Julius Stahl (Titel: UMGEBUNG) sowie Max Schneider (Titel: Conceptualization of an Online Database for Medical Fuctional Sounds) und sah die dritte, vierte und fuenfte Folge von Big Loves zweiter Staffel, Reunion, Rock and a Hard Place, Vision Thing.


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