• Subjekt des Aussen

    Warum sollten wir eine Theorie ersinnen, die vorgibt alles zu erklaeren und die in sich so geschlossen ist, dass sie dem Subjekt, das diese Theorie ersinnen, denken und installieren hilft, nur als Insasse, ja: als Inhaftierter dieses grossen Ganzen begreifen kann? Warum den Preis der Gefangennahme zahlen dafuer, dass die Ordnung in dieser Welt absolut ist? Ich meine damit theoretische Ansaetze, die aus der Systemtheorie von Niklas Luhmann geboren werden.

    Ansaetze, die sie weiterdenken und weiterentwicklen, die sie verwandeln und vermaehlen mit Denkstilen anderer, etwa Michel Foucaults. Ein konkretes Beispiel: Mattias Eckholds prekaere Studie >Medien der Macht – Macht der Medien<.

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    Eva Grubingers Spartacus-Projekt

    Sollten wir nicht stattdessen eine Theorie ersinnen, die das Unerklaerliche weder verschleiert noch ausblendet, die das Unerklaerliche vielmehr zu einem sinntragenden Element macht, um das die Gedanken kreisen, auf dem die Welt quasi fusst, beziehungsweise sich begruendet, und somit ein Aussen mitgedacht wird, welches das Subjekt, das dies an-erkennt, schwaecher als die eingangs erwaehnte Theorie macht, weil es sich eingesteht nicht alles erklaeren zu koennen, ein Aussen ferner, welches das Subjekt aber auch staerker macht, weil es sich einen Spielraum einraeumt und einen Horizont eroeffnet, den es versuchen kann zu beruehren?

    Die Beruehrung dieses Horizonts – fuer Marcus Steinweg moeglicherweise ein Moment der Wahrheit. Fuer mich: Ein Moment der Erschuetterung sowohl des Subjekts als auch der Welt, weil Welt und Subjekt korrelativ sind, sich gegenseitig bedingend konstituieren und damit genau genommen ein Moment, in dem die Ordnung des Seins, der Welt und des In-der-Welt-Seins ueberhaupt erst sichtbar wird: das Unerklaerliche als Kontingenz des Zusammenhangs bzw. Zusammenhang des Zusammenhanglosen und das grosse Ganze als Fragment sowie System des Unsystematisierbaren, nur insofern ein Organismus, als das es offen ist.


6 Kommentare zu Subjekt des Aussen

  • ah, hier bin ich richtig. toll.

    du hast ja geschrieben, "Ansaetze, die aus der Systemtheorie von Niklas Luhmann geboren werden" und meinst damit vielleicht nicht luhmanns theorie selbst?

    denn: der universlitätsanspruch der theorie ist da, ja. aber dieser anspruch ist nur durchzuhalten, gerade weil hier das nicht-sehen immer mitbedacht und als unverzichtbar anerkannt wird. systemtheorie nach luhmann kann und will niemals alles auf einmal erklären, und erklärt auch warum jedes sehen (inklusive das der theorie) immer auch ein nicht-sehen sein muss.

    systemtheorie ist also eine theorie, "die das Unerklaerliche weder verschleiert noch ausblendet, die das Unerklaerliche vielmehr zu einem sinntragenden Element macht".

    den eckoldt kenn ich allerdings nicht, drum klär mich auf, wenn ich vorbei kommentiert hab...
  • ich bin keine systemtheoretikerin, aber ich glaube, dass diese theorie für leute wie den autoren eckhold so fruchtbar, um nicht zu sagen sexy ist, weil sie in ihrer erweiterung/ausweitung diesen universalismus verspricht, oder?
  • sebastian am 30.11.2007 01:45
    Zwei Fragen:
    Das Unerklärliche macht offen für was?
    Was bewirkt oder bedeutet die Berührung des Horizontes?

    Und: abstrahieren und theoretisieren ist eine gute Sache, solange dasselbe zum Verständnis der Realität hilft; wenn sich die Theoretisierung der Welt zu der eigenen abstrahierten Realität macht, ist für den Menschen wenig bis garnichts gewonnen.

    P.S.: Theorien in der Unerklärliches weder verschleiert noch ausgeblendet wird und sinntragendes Element sind, gibt es bereits massig: Religionen. ;D
  • krystian am 30.11.2007 19:26
    @pi: sorry, dass ich etwas verspätet reagiere, aber ich war mit meinen gedanken woanders. na ja, wann geht es denn um diese theorie und wann um theorien anderer, die darauf aufbauen, etc.? das ist nicht so einfach zu unterscheiden, unter den bedingungen der zeitgenössischen theorie-produktion zumal im akademischen feld, und überhaupt: was luhmann theorie "ist", ist eine frage der interpretation, nicht umsonst gibt es in regelmässigen abständen luhmann-tagungen, etc. es ist ja ein wenig, wie mit den theater-aufführungen klassischer stoffe, wie derzeit döblins alexanderplatz an der berliner volksbühne von frank castorf...

    luhmann ging es ja nicht zuletzt darum, eine theorie zu ersinnen, mit der er alles ordnen kann, mit der er alles einordnen kann, und so verstehe ich dann auch die option auch das nicht erklärbare diesem system, dieser theorie, unter zu ordnen, also eben als system-imanentes aussen, wovon ich aber spreche wäre wohl ein aussen, dass nicht system-imanent ist. ich halte es für sinnvoller das aussen unter der bedingung einer solchen un-ordnung anzusiedeln, was das system als solches ja immer in frage stellen würde, weil es eben kein aussen wäre, über das sich das system von vornherein stabilisieren würde. und ist es nicht das, was luhmann suchte?

    @magddalena: gut möglich. es ist ja auch genau der reiz an dieser theorie für nicht-denker, ich meine damit leute, die diesnicht professionell tun, also in erster linie rezipienten sind, und im zuge dessen bzw. unter diesen bedingungen natürlich auch selbst produzieren etc.
    aber genau das ist in meinen augen der haken, der doppelte haken, wenn man so will, denn es ist genau der moment, in dem man "ja" sagt zum totalen system, dass man auch ja sagt zu einer form der kognitiven o. metaphysischen gefangennahme..

    @sebastian: wenn man an-erkennt, dass es das unerklärliche gibt, dann macht dieser zug offen für eben all das, was wir (uns) nicht erklären können. umgekehrt bleibt das unerklärbare ein dosen-produkt.

    zu deinem zweiten punkt: ich bin mir nicht ganz sicher, ob da nicht das verhältnis von theorie und realität ein wenig ... in die schieflage geraten ist. realität ist immer theoretisch. theorie schafft realität. natürlich gibt es theorien, die sehr elitär sind, weil wenigen zugänglich, aber dann machen sie unverhofft karierre, werden weltbrühmt, und affizieren im zuge menschen unglaubvlich viele menschen, die wiederum andere affizieren, etc.

    und last but not least: religion ist in erster linie keine theorie, sondern eine praxis! es ist ein ritual, mit dem man versucht, sich dem heiligen zu nähern.
  • krystian am 30.11.2007 19:28
    @sebastian: hatte noch die eine frage überlesen "Was bewirkt oder bedeutet die Berührung des Horizontes?" du meinst, die berührung des aussen? ich denke, eine art klarheit im hinblick auf die un-ordnung.
  • sebastian am 01.12.2007 03:48
    @krystian: ich gerate leicht in Rage bei elitären Theorien. Entschuldige. Für eine solche halte ich die von dir vorgestellte, auch wenn mir die Anregung das Unerklärbare anzuerkennen sehr gefällt. Hat was von einer gewissen Gelassenheit und einer Aufforderung durch Akzeptanz auch mit dem umzugehen, was sich einem (vorerst) verschließt. Zeigt zugleich auch die Schwäche von Systemtheorien, die versuchen radikal alles zu erklären und an ihrem eigenen Anspruch scheitern.
    Wie neu ist denn dieser Ansatz? Interessiert mich.

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