• Gegen den Stumpfsinn: Was gesprayt werden muss

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    AfD, Trump, Twitter-Trolle: Ins soziale Netz mag man sich als unbescholtener Bürger fast gar nicht mehr trauen. Doch auch im Real Life gibt es viel Stumpfsinn auszuhalten. Der Schriftsteller und Berliner Gazette-Autor Maik Gerecke spaziert durch seinen Berliner Kiez und verfasst eine überlegte Antwort auf stumpfsinnige, antisemitische Graffiti.

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    Die AfD holt aus dem Stand 14 Prozent in Berlin und gleich am nächsten Morgen sehe ich auf meinem täglichen Weg zur S-Bahn drei Wörter, die auf das jüdische Mahnmal am Wullenwebersteg in Berlin-Tiergarten geschmiert wurden. Das Mahnmal erinnert an die Synagogen-Gemeinde Abdass Jisroel, die 1869 gegründet und 1939 von den Nazis zerschlagen wurde. Ihre Mitglieder entrechtete und verschleppte man, viele wurden umgebracht.

    Nun meinte jemand, man müsse dieses Gebilde als Forum nutzen und mit Pinsel und weißer Farbe auf drei sehr, sehr wichtige Dinge hinweisen: „Liebe“, „Wahrheit“ und natürlich – „Jesus“. Gut sichtbar wurden die Wörter auf beide Seiten des Gebildes sowie auf die dazugehörige Gedenktafel geschmiert. Es gibt in meinem Kiez genügend Wände für Schmierereien. Ich sehe das auch eigentlich nicht so eng, aber hier hört für mich der Spaß auf. Dies hier ist meine Antwort an den Stumpfsinn der pinselnden Propheten.

    Das Allheilmittel: Liebe

    Da haben wir es wieder: Das beliebte Wort, mit dessen Inhalt jeder sein Leben erfüllen will, aber das niemand so recht erklären kann. Allheilmittel für jedwedes Problem, würde es nur jeder „richtig“ praktizieren. Ihr Gegenstück – die Logik – ermahnt uns zwar auf geradezu verschwörerische Weise, dass etwas, das alles bedeuten kann, im Grunde nichts bedeutet, aber hey! So what! Ihr habt eine Bedeutung gefunden. Und sogar die „richtige“. Bravo.

    Euer Heiland predigte ja vor allem die Nächstenliebe, aber das wisst ihr natürlich, denn sie ist ein zentrales Motto des Christentums. Er hat sie aus der Tora übernommen, worin es heißt, du sollst deinen nächsten lieben, wie dich selbst. Wenn das also ein Ausdruck eurer Liebe war, dann bitte ich euch, beim nächsten Mal doch einfach ein paar Blumen unter das Mahnmal zu legen. Das macht man hier im Kiez normalerweise so. Wenn auch nicht so oft.

    Da war noch was: Wahrheit

    Wahrlich ein großes Wort. In jahrelangen, philosophischen Studien habe ich versucht, ihm auf die Schliche zu kommen. Ich bin leider gescheitert, quasi wieder zum sokratischen Ausgangspunkt zurückgekehrt, der mir nur eines versichert: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Auf diesem Weg habe ich aber u.a. gelernt, dass man Begriffe wie „Wahrheit“, „Offenbarung“, und „Glaube“ scharf voneinander trennen muss, um sich nicht in Unsinn zu verrennen. Wieder so eine unangenehme Konsequenz meines diabolischen Paktes mit der Logik.

    Die Suche nach Wahrheit führt immer wieder zu bestimmten Glaubenssätzen, sogar in der Wissenschaft. Wer hätte das gedacht! Man nennt sie da auch Prämissen oder Axiome. Das sind unbewiesene Sätze, die man einfach als „wahr“ betrachtet und daraus Folgerungen zieht. Weil manche Menschen die stille Unvollkommenheit dieses Unterfangens, stört, suchen sie nach den „richtigen“ Glaubenssätzen und kommen beizeiten auf die Idee, diese in der „Offenbarung“ einer höheren Macht zu finden. Diese ist auch in Buchform verlegt worden, genau so wie viele andere. Ihr kennt diesen Dauerseller, auf den ich hier referiere.

    Leider hat noch niemand einen Weg gefunden, unwiderlegbar dingfest zu machen, welche Glaubenssätze aus dem riesigen Angebot der Weltgeschichte die unzweifelhaft richtigen sind. Und welche die unzweifelhaft falschen. Sie stehen also alle mehr oder weniger gleichwertig nebeneinander. Auch eure gehören dummerweise dazu.

    Aber was heißt das jetzt für euch? Es heißt, dass ihr euch lediglich für eine bestimmte Wahrheit entschieden habt. Kämpft ihr gegen andere Wahrheiten, also andere Entscheidungen, dann führt ihr nicht mehr, als einen sinnlosen Meinungskrieg, der niemals entschieden werden kann. Naja, sagt zumindest die Logik. Aber gegen die kann man ja bekanntlich auch kämpfen.

    Nummer drei: Jesus

    Eigentlich spricht dieser Eigennahme als Vandalismus-Inhalt für sich selbst. Vor allem in diesem Fall. Ich will dazu nur nochmal an einen alten Hut erinnern: Der Mann, auf den ihr hier referiert, mal angenommen, es hätte ihn gegeben, soll den Quellen zufolge ja selbst Jude gewesen sein. Ein Ausdruck eurer Verachtung gegenüber Juden, schließt somit euren Erlöser mit ein.

    Die Morde, Entrechtungen und die Folterungen, auf die ihr hier spuckt, hätten also den, der euch der höchste ist, mit betroffen. Ich bin mir deshalb nicht so sicher, ob eurer Aktionismus seinen Segen empfangen hätte.

    Ich kann mir vorstellen, was ihr jetzt einwendet: „Stimmt ja gar nicht!“ Nun, da sind wir wieder bei den Glaubenssätzen. Wenn ihr zum Beispiel der Ansicht seid, Jesus sei Galliläer gewesen, dann muss ich euch entgegenhalten, dass diese Glaubenssätze aber erst etwa hundert Jahre alt sind. Eine „Interpretation“ nennt man so etwas. Für den Wahrheitsgehalt einer solchen gilt aber leider dasselbe wie für Glaubenssätze.

    Nicht nur eure „Liebe“, sondern auch eure „Wahrheit“ wird mir somit immer zweifelhafter. Das Gedankengebäude samt seiner Glaubenssätze und Handlungskonsequenzen scheint mir schon in sich selbst ziemlich widersprüchlich zu sein. Und das Problem mit Widersprüchlichkeiten ist, findet man sie innerhalb der Glaubenssätze eines bestimmten Glaubenssystems, disqualifiziert sich das Glaubenssystem damit selbst und wird unglaubwürdig. Wieder die böse Logik. Der Grund dafür ist, dass man aus so einem unlogischen Wust nichts Sinnvolles folgern kann. Und ich fürchte, das habt ihr mit eurer Aktion mehr als deutlich bewiesen.

    Schlumpfhausen – der Aufstieg

    Haben wir es hier wirklich mit christlich orientiertem Antisemitismus zu tun? Antijudaimus, also christlich motivierte Judenfeindlichkeit, findet man in der gesamten Geschichte des Christentums. Einige größere Fälle der jüngeren Geschichte stehen sogar im Zusammenhang mit Deutschlands nationalsozialistischer Vergangenheit. Vorfälle, wie die in meinem Kiez, sind also vor dem Hintergrund unserer Historie nicht überraschend. Dass dieser mit dem Wahlerfolg der AfD so eng beieinander liegt, ist möglicherweise ein Zufall, gibt mir aber zu denken.

    Auch die AfD ist eine Partei, die viele Christen beherbergt und christliche Werte propagiert. An ihrer Fremdenfeindlichkeit kann man nur schwer zweifeln. Wenn Deutschland jetzt also immer blauer wird, stellt sich mir die Frage: Wer ist die nächste Bedrohung in den Schlumpfendörfern? Wann wird das „erste“ Mal Gargamel, der langnasige, bucklige Erzfeind der Schlümpfe, als Bedrohung in irgendeinem Medium auftauchen? Sei es im lokalen Schlumpfen-Net oder in der Schlumpfhausener Allgemeinen. Vielleicht in Form einer Warnung, er versuche wieder zusammen mit Asrael Schlümpfe zu fangen, um sie zu fressen oder Gold aus ihnen zu machen.

    Am Wochenende war ich in Neukölln, da sah das erst noch ganz anders aus. Ich lief morgens in der Weserstraße an einer Wand vorbei, an die jemand in schwarzen Großbuchstaben „Gegen jeden Antisemitismus“ gesprüht hat. Als ich am Abend nochmal an dieser Wand vorbei gehe, hat jemand darunter in rot ergänzt: „Und Zionismus!“.

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    Da konnte es sich jemand offenbar nicht nehmen lassen, die vandalistische Kommentarfunktion zu aktivieren, wie man es schon bei Online-Artikeln zu solchen Themen gerne tut. Vielleicht wollte hier aber jemand auch einfach nur sprayen, was gesprayt werden muss. Aber wichtiger noch, als sich über andere Staaten und ihre Machenschaften zu echauffieren, sind natürlich „unsere Steuern“. Da kennen wir kein Pardon, keine Kompromisse. Denn in Deutschland gilt: „Deutsche Schlumpfbeeren zuerst für Deutsche“. Auch das könnte man an eine Wand pinseln. Vielleicht in blau. Das würde bestimmt viele Likes bekommen. Deutschland hatte ja immer schon Angst um seine Schlumpfbeeren.

    Neue und alte Buhmänner

    Der Blick auf den „anderen“ ist in Deutschland um einiges beliebter, als der in den Spiegel. Dieses Buhmann-Prinzip entbindet erfolgreich von der mühseligen Aufgabe, sich selbst, die eigenen Fehler und vor allem Schuldigkeiten zu reflektieren.

    Der „Islam“ als neuer Buhmann ist im Bewusstsein des Wutbürgers noch relativ unberührt von eigenen geschichtlichen Fehltritten. Im Lichte des Terrorismus fühlt man sich da immer noch der Menge politisch korrekter Kritiker zugehörig. Endlich wieder etwas, wogegen man das Wort erheben darf. Sagen darf, was gesagt werden muss. Der Unmut gegen die politischen Führer und Führerinnen, die das nicht glauben, wächst und im selben Zuge der Drang nach einem neuen, strengeren, einer konservativen Partei, die endlich wieder jene Ordnung schafft, die uns offenbar abhanden gekommen ist.

    Viele möchten zurück. Zurück ins „Früher“, in dem alles besser ist. Aber diese Reise führt uns nicht an neue, nie gesehene Ort, sondern kommt eher einer „Heimkehr“ gleich. Sie führt uns an Orte und zu Menschen, die wir bereits kennen. Die so viele von uns anscheinend vermissen. Es ist ein weiter Weg und auf ihm würde uns noch einiges mehr begegnen. Alte „Probleme“ über die man jetzt noch nicht so laut reden darf. Auch alte Buhmänner und solche, die ihnen den Kampf angesagt haben.

    Wir würden die „Türken“ wiedersehen, die „Russen und Polen“, die „Italiener“ oder Gastarbeiter und schließlich – die „Juden“. Alles Menschen von denen man glaubt, sie seien nur hier, um dem Deutschen seine Schlumpfbeeren zu wegzunehmen. Schlumpfbeeren, die er ganz allein und ohne fremde Hilfe zusammengerafft hat. Wir würden auf Vereinigungen wie das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ oder die protestantische Bewegung der Deutschen Christen stoßen, die sich in den Dreißigern mit der NSDAP verbrüderten.

    Nächstes Jahr im September sind Bundestagswahlen. Man prognostiziert der AfD bereits jetzt einen Stimmenanteil von 10 Prozent, aber ein Jahr ist viel Zeit in der man noch ordentlich Wahlkampf machen kann. Die ersten CDU-Politiker trauen sich bereits, zu sagen, eine Koalition aus CDU und AfD solle man zumindest nicht kategorisch ausschließen. Ich für meinen Teil hätte keine Lust auf eine derartige Reise und kaufe mir deshalb schon mal einen Koffer.

    Anm.d.Red.: Die Fotos stammen von duncan und stehen unter der Creative Commons Lizenz cc by 2.0.


1 Kommentar zu Gegen den Stumpfsinn: Was gesprayt werden muss

  • Andre am 09.10.2016 00:23
    Wieso sollen denn "Juden" keine Deutschen sein? Weiter mag es heute ja komisch klingen, aber waren die meisten Ostjuden, also Aschkenazen, nicht Volksdeutsche?

    Und ist die AfD nicht genau programmatisch das, was früher die CDU-Rechte war? Mehr Fauxpas als Steinbach leisten die sich auch nicht. Wenn man mal die Xenophobie abspaltet, dann sehe ich einen Drall hin zu einem konservativeren Islam in Berlin, der durchaus Sorgen machen kann, auch wenn man die Obsession der "Islamkritiker" nicht teilt. Von der türkischen Gemeinschaft ganz zu schweigen mit ihrem harten Nationalismus und der Mobilisierbarkeit durch das Erdogan-Regime, Bei mir gegenüber lag mal antiarmenische Propaganda aus, der Völkermord wurde geleugnet.--

    Ich finde es ganz gut, das es die AfD als Korrektiv gibt. Nicht weil ich sie unterstütze, sondern weil es eine Bereicherung für die Demokratie ist in einer Zeit, in der eine supergroße Koalition Deutschland beherrscht (denn nicht nur Union-SPD in der Regierung, sondern auch die parlamentarische Opposition im BT, Linke und Grüne, mischt über ihre Länderbeteiligungen im Bundesrat mit. Die FDP ist ja rausgeflogen. Wenn dann die CDU-Kanzlerin gegen ihre Basis hart nach links steuert, die Opposition umarmt und ihre Politiken als alternativlos präsentiert, entsteht ein Mangel an Angeboten und Debatte für die Wähler. Gefährlich für die Demokratie, und sicher mitverantwortlich für die Radikalisierungen.)

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