• Street View Fuck Off

    In den “Tim und Struppi”-Heften aus der öffentlichen Bücherei am Kottbusser Tor hat jemand alle Flüche mit einem satten Kugelschreiber übergekriggelt. Recht so. Mein Vorsatz für das neue Jahr heißt: Positiv Denken, und schlechte Laune, böse Einflüsse und das gemeine Negative aus meinem Gehirn verbannen. Das funktioniert mittels kräftiger Anspannung und Abschaltens aller kritischer Denkvorrichtungen ganz gut. So freuten mich die Auslassungen des wichtigen Medienautors Jaron Lanier in FAZ und SZ, weil da mal ne echte Wahrheit rüberkam: “mitm Internet ist das ja so, dass die Kreativen ausgenommen werden”. Das wusste Lanier vor fünf Jahren noch nicht, aber jetzt, und das steht in seinem neuen Buch.

    Gleichsam verstörend: Die plötzlichen Attacken deutscher Journalisten auf Google, den Weltbösen des WWW. Waren das dieselben Spiegel-Online-Schreiberlinge, die unlängst noch Bücher und Magazinstrecken für das weltwichtige WWW-3D-Netzwerk Second Life aufwendeten? Ein Hoch auf den sinnentleerten Digitaleweltenjournalismus. Positiv denken: Die Prämisse meines Spiels “Street View Fuck Off” ähnelt dem Strassentheater. Wenn die Googlekameraautos, -radfahrer, -fussgänger vorbeikommen, macht man Faxen, baut Barrikaden und verfolgt diese Strassenpaparazzis ebenso paparrazzihaft für eine noch einzurichtende Online-Googlepaparazzi-Datenbank. Hoch lebe falsche Googlerealität.

    Nochmal Lanier: hat natürlich recht, aber das war auch schon vor fünf Jahren so – nur seinerzeit war es opportun, alles an der digitalen Revolution hochzureden. Schliesslich verhinderten soziale Netzwerke bekanntermassen den zweiten Irakkrieg. Positiv denken: Für das Kunstwerk bietet das Internet weiterhin genügend Platz zur Entfaltung, es kann sich an den Maschinen abarbeiten, in den Netzwerken räubern, und in der Unübersichtlichkeit verschwinden. Noch nie war es für ein ephemeres Kunstwerk so einfach und gleichzeitig so aufwendig, zu existieren. Und ganz im Geiste des Neoliberalismus muss auch nicht mehr die Gesellschaft mit teuren Museen für den Erhalt sorgen, sondern das digitale Gerät von Einzelnen.


10 Kommentare zu Street View Fuck Off

  • Ich will auch kein Google-(Sex-)Objekt sein
  • Silvia am 06.02.2010 08:46
    Dein Spiel würde ich gerne mal spielen. Vielleicht kannst Du uns Karten mit den genauen Routen der Google-Autos zur Verfügung stellen. Sonst werde ich wohl nicht so bald in den Genuss kommen. So ein Auto ist mir nämlich noch nie begegnet.
  • Da fällt mir ein Zitat von Timothy Moore ein, dass ich letzten September in Palanga, Litauen gehört habe:
    The Power of negative Thinking: Say Yes to No.

    Das positivste, was du tun kannst: Think negative!

    http://www.mediamatic.net/page/81065/nl
  • Joachim G. Ugel am 06.02.2010 13:03
    Hat man sich das so vorzustellen?
    http://pwnage.ro/wp-content/uploads/2009/12/warriors-fail-googl-steet-bomb.jpg
  • Krystian Woznicki am 06.02.2010 20:47
    auch der Juckreiz der Dekade führt zur Kehre. Die vergangenen zehn Jahre wollen abgehängt werden, wie eine lästig gewordene Ex.
  • Peter am 09.02.2010 10:30
    Langweilig, inkohärent. abgedroschen.
  • Andreas am 09.02.2010 23:27
    @ Peter: stream of consciousness oder montage-stil würde ich das eher nennen
  • Peter Ausländer am 10.02.2010 00:53
    @ Andreas: Danke für den Hinweis, aber das war mir schon klar.
    Leider macht die stilistische Perspektive es zumindest nicht kurzweiliger oder neuartiger. So, genug gemäkelt. :-)
  • [...] Internet-Konzern Widerspruch ein. Ich wollte verhindern, dass Fotos meines Wohnhauses in Google Street View verwendet werden. Daraufhin erhielt ich die schwammige Antwort, die Fotos seien noch nicht [...]
  • [...] dislocated sein. Ausgehend vom digitalen Raum sind die roten Markierungsnadeln (graphische Icons) der Geo-Suchmaschine Google Maps als Objekte in städtischen Raum wieder zu [...]

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