• Steinmeier und die Cyborgs von Donezk: Der Krieg in der Ostukraine geht in eine neue Runde

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    Seit knapp einer Woche sind die Kämpfe in der Ostukraine wieder ausgebrochen. Schlimmer als je zuvor. Das Pochen auf Einhalten der Waffenruhe erscheint unter diesen Umständen realitätsfern. Berliner Gazette-Autorin Rebecca Barth kommentiert.

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    Die Geschehnisse der letzten Tage machen wenig Hoffnung auf Besserung. Während Politiker reden und verhandeln sterben in der Ostukraine täglich Menschen. Vor etwas mehr als einer Woche wurde ein Bus mit Zivilisten an einem ukrainischen Kontrollpunkt beschossen. 12 Menschen starben. In der Ukraine reagierte man mit Entsetzen. Wenige Tage später findet ein Friedensmarsch in Kiew und anderen Städten statt. In der Hauptstadt demonstrieren mehrere Tausende. Auch Poroschenko sprach vor der Demonstration auf dem Maidan. Schön sprach er, von der Einheit der Ukraine, die es so stark noch nie gegeben hätte.

    Währenddessen ist die Lage im umkämpften Flughafen in Donezk unübersichtlich. Seit einigen Tagen wird wieder heftig gekämpft. Russische Medien und pro-russische Kämpfer berichten, der Flughafen sei eingenommen. In ihm verschanzt sich seit Monaten eine kleine Gruppe ukrainischer Soldaten, die dort eingeschlossen ist. Der bunt gemischte Haufen aus verschiedenen Einheiten und freiwilligen Bataillonen wird Cyborgs genannt. Sie genießen mittlerweile Heldenstatus. Auf die Hilferufe, die vereinzelt von einigen eingeschlossenen Soldaten an die Öffentlichkeit gelangen, scheint im besten Fall ungenügend reagiert worden zu sein. Man habe alles unter Kontrolle. Der Flughafen – oder zumindest ein Teil – befinde sich nach wie vor in Hand der ukrainischen Streitkräfte.

    Frieden und Stabilität?

    In Kiew sind die Menschen missmutig. Während Poroschenko redet, hat sich seit dem Maidan vor einem Jahr wenig zum Guten verändert. Das System wird weitergeführt nur mit neuen Gesichtern und einem brutalen Krieg im Osten. In der Hauptstadt wollen die Leute Reformen, ein funktionierendes Justizsystem und den Kampf gegen Korruption. Dafür standen sie auf dem Maidan. Am Wichtigsten heutzutage ist allerdings Frieden und Stabilität. Jegliche Hoffnung auf Veränderung in diesen Bereichen wurde bisher enttäuscht.

    Stattdessen betrauern sie ihre Gefallenen. Auf dem Maidan finden regelmäßig Trauerkundgebungen für getötete Soldaten statt. Der Friedensmarsch endet auf der Institutska-Straße, wo vor knapp einem Jahr Scharfschützen auf Demonstranten schossen. Die Demonstranten knien nieder, halten inne. Viele weinen. Nachdem sich die Demonstration auflöst legen einige Blumen nieder, andere erörtern die Schusslöcher in den Laternenpfählen.

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    Einige Tage danach treffen sich die Außenminister Deutschlands, Frankreichs, Russlands und der Ukraine in Berlin. Frank-Walter Steinmeier lässt nach dem Treffen Hoffnung aufkommen, man habe kleine Fortschritte gemacht. Wenige Stunden später sickert die Nachricht von einem erneuten Beschuss eines Trolleybusses in Donezk durch. Acht bis dreizehn Zivilisten sterben. Wer geschossen hat ist unklar. Beide Seiten schieben sich die Verantwortung zu.

    Cyborgs und Töchter

    Wenig später gibt auch die Ukrainische Seite an, man habe sich aus dem Flughafen zurückgezogen. Es dauert nicht lange, bis Reporter des russischen Fernsehsenders LifeNews die Szenerie ausschlachten. Waffentrophäen werden gezeigt, von Leichenhaufen ist die Rede. Fotos von eben diesen lädt der Pseudo-Journalist Graham Phillips, der unter anderem für den russischen Nachrichtensender Russia Today arbeitete, auf seiner Facebook-Seite hoch. Auf einem Bild ist das Foto drei kleiner Mädchen, im Hintergrund liegt ein Toter. „Ein toter ukrainischer Cyborg und das Foto seiner drei Töchter, die er nie wiedersehen wird. Donezker Flughafen heute, neuer Terminal“, schreibt Philipps dazu.

    Während dies alles passiert, wird im Fernsehen die Rede von Poroschenko aus Davos vom gestrigen Tag erneut gesendet. Wieder redet er schön. Er sei ein Präsident des Friedens, nicht des Krieges. Es wirkt surreal angesichts der Ereignisse in Donezk. Noch surrealer wirkt der Hoffnungsschimmer des Frank-Walter Steinmeiers, als am Nachmittag Videos von ukrainischen Kriegsgefangenen auftauchen.

    Sie werden in einer Parade, wie bereits einige Monate zuvor, zu der Stelle des beschossenen Trolleybusses geführt und dabei von russischen Journalisten interviewt und gefilmt. Ein einzelner Gefangener wird dabei gefilmt, wie er von Separatisten vorgeführt und anschließend von Umherstehenden geschlagen und beleidigt wird. Ein anderes Video kursiert, in dem ein russischer Journalist einen Kriegsgefangenen im Tonfall eines Verhörs interviewt. Angesichts dieser Grausamkeiten und Kriegsverbrechen an einem Tag stellt sich die Frage nach dem Hoffnungsschimmer. Gibt es einen?

    Der Krieg geht in eine neue Runde

    Die Ukrainer sind typischerweise zuversichtlich. Seit einem Jahr geben sie die Hoffnung nicht auf. Die letzten Tage zeigen jedoch, dass der Krieg in eine neue Runde geht. Mit einer Intensität und Brutalität, die es bisher nicht gegeben hat. Da werden wahrscheinlich auch die Bemühungen und Reden von Politikern und Diplomaten nicht viel ändern.

    Separatistenführer Sachartschenko kündigte eine Ausweitung des Territoriums der sogenannten Volksrepublik an. Laut Berichten von RIA Novosti wollen die Separatisten weiter in Richtung ukrainisches Territorium vorstoßen, „um den Beschuss von Donezk zu verhindern“. Die Ereignisse der letzten Tage sprechen dafür.
    Im russischen Fernsehen sind auf Bildern aus dem umkämpften Flughafen Soldaten mit russischen Marineabzeichen zu erkennen. Gleichzeitig spricht die Regierung in Kiew und die NATO von weiteren Waffenlieferungen durch Russland an die Separatisten.

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    Darüber hinaus sollen mehrere russische Kampfeinheiten die Grenzen überquert haben. Am Abend twittert das russische Außenministerium, die Antiterroroperation (ATO) der Kiewer Regierung „sei in Wahrheit eine terroristische Operation“. Ukrainische Journalisten zeigen sich verdutzt über derart deutliche Anfeindungen. Ein Hack? Aber im Endeffekt ist es auch egal, was irgendwelche Politiker und Diplomaten sagen. Aus ukrainischer Sicht besonders wenn es sich um russische Politiker handelt. Man lebt in zwei verschiedenen Realitäten. Und ändern wird das Gerede auch nichts.

    Ein OSZE-Bericht von vor zwei Tagen berichtet von 80 ukrainischen Soldaten die am Flughafen Donezk alle die gleichen Verletzungssymptome gezeigt hätten: Erbrechen, Atemnot und unkontrollierbare Muskelkrämpfe. Die Frage kommt auf, welche Waffen verursachen derartige Symptome? Der Kampf um den Flughafen, aus ukrainischer Sicht, ist er verloren. Die zu Helden mutierten Cyborgs geschlagen.

    „Mut, Patriotismus und Heldentum“

    Der Flughafen hatte anfangs strategische Bedeutung. Das übriggebliebene Gerippe aus Stahlträgern nur noch eine symbolische. Es symbolisierte den hartnäckigen Kampf einer kleinen Gruppe ukrainischer Kämpfer gegen die schiere Übermacht der Separatisten. Laut Poroschenko: Mut, Patriotismus und Heldentum. Letztendlich mussten sich die Cyborgs geschlagen geben. Viele sind vermutlich tot oder verstümmelt. Die Überlebenden werden von Separatisten in einer demütigenden Parade durch Donezk getrieben.

    Politiker reden von Frieden, Verhandlungen und kleinen Fortschritten. Aus heutiger Sicht nicht mehr als ein Witz. Der symbolische Kampf des ukrainischen Widerstands wurde verloren.

    Anm.d.Red.: Die Fotos oben stammen von Ivan Bandura und stehen unter einer Creative Commons Lizenz.


3 Kommentare zu Steinmeier und die Cyborgs von Donezk: Der Krieg in der Ostukraine geht in eine neue Runde

  • einmal mehr ja,
    es ist aus der ferne schlimm, was dort passiert
    und egal wer da wen tötet,
    jeder tote ist einer zuviel,
    soweit ist das klar,
    aber was mehr sagt dieser artikel aus?
    das die mediale aufmerksamkeit mehr und mehr gewichen ist
    und ukrainische tote nicht gegen
    chalie
    ankamen?
    aber woran liegt das,
    sind wir also deutschland doch ganz dicke mit der neuen ukrainischen regierung, die ja mit faschisten paktiert und progrome...aber das nehmen wir einfach nicht so genau, fernsehbilder...ja...die werden dann einfach mal andersrum interpretiert, damals in odessa...wolfgang borcherts geist ist....nun ja nicht mehr erwünscht...

    so und nun hier, die berliner gazette, macht da keine ausnahme, redet von seperatisten und regierung, die nun ja ihr volk abschiessen lässt, renten einfriert und aktuell gerne noch einige waffen hätte aus dem kleinen natoschrank, ja was wollen die damit wohl machen?

    aber egal, die bösen russen! mischen die sich da ein... würde die nato ja nie drauf kommen, c i a nee, die waren zwar mal da, kurz vorm maidankanll, aber das is was anderes,m die ham da nur, äh brot verteilt, genau, baracke hat sich auch nur versprochen, als er sagte man habe russland überrascht... und auch sonst sind die russen wirklich die einzigen die sich da einmischen...

    die sogenannten sepratisten sind in erster linie ukrainer! bestimt auch russischstämmig aber eben dort geboren.

    warum liest man das nur in kommentarspalten? warum werden die faschistischen aktionen der kiewer regierung nur von linken im bundestag angsprochen oder um mittwernacht bei monitor gezeigt?

    weil es nicht passt, ins bild: böser iwan!!!

    welches warum auch immer überall erzeugt wird, das nervt, nicht nur mich, auch den programmrat der ard, aber ja der hat wie ich zwar was zu sagen, aber kein gewicht, und selbst die berliner gazette...macht mit...

    in diesem krieg nach wie vor einen bösen zu suchen und zu finden ist schlichtweg naiv, immer nur rt bashen sehr simpel, zumal fox und cnn ja ohne makel durchlaufen oder was?

    ich weiss niocht wo sich die autorin mal bewerben will, aber massenkompatibel ist sie allemal, alles gute im simplen medienkosmos, wo man schön am compi recherchierte berichte schreibt in dem man sich mal nebenbei noch über die reporter vor ort luistig macht, echt spitze

    gazette
    ich erwartete mehr voin euch
    best
    mark
  • Jessiqa am 03.02.2015 15:30
    @Mark: Soweit ich weiß, ist die Autorin vor Ort (in Kiew und in Moskau) - das kann man auch ihren anderen Artikeln entnehmen. Und in der BG kommen durchaus auch andere Stimmen zu Wort bspw. Texte von Yana Milev, die einen völlig entgegengesetzten Standpunkt vertreten. Ich finde also, du hast nicht wirklich einen Punkt.
  • "Der symbolische Kampf des ukrainischen Widerstands wurde verloren."
    Wenn die Autorin vor Ort ist, dann ist ihr abschliessender Satz doch sehr interessant. Die (arme) ukrainische Armee als Widerstndskämpfer gegen...?
    Gegen Seperatisten. Allein dieser Ausdruck spricht nicht dafür das die Autorin in der ukraine ist, denn seperieren wollen die sich soweit mir bekannt ist nicht, sondern föderalisieren. Es sind Ukrainer, die unter anderem das Recht auf ihre Sprache erhalten wollen, die in Mehrvölkerstaaten einmal mehr wichtig ist. Das sollte einem klar sein wenn man sich mit der geschichte der Ukraine beschäftigt.
    Das wäre vielleicht vergleichbar wenn die Schweizer mal eben französisch als Amtssprache abschaffen. Die teilweise radikalen Ansichten der ukrainischen Regierung über Russland und Russen tragen ihr übriges dazu bei, das sich ein Teil der ukrainer in Kiew nicht vertreten oder sogar bedroht fühlt.
    Also was ist das für ein Argument, es gibt ja auch andere Meinungen, wenn Artikel über einen Krtieg einseitig und mit tendenziösen Begriffen geschrieben sind?
    Wieso muss ein Bericht zwangsläufig sich auf eine Seite schlagen?
    Ach ja und einen Punkt wollte ich auch gar nicht, für was auch? Ich würde mir einen gut recherchierten Bericht wünschen...die bedeuten halt mehr Arbeit, mehr Zeit und das sind ja knappe Güter, ich weiss, aber beispielsweise die deutsche Ausgabe von le monde diplomatique bemüht sich darum, dort hat man verstanden das Geschehnisse eben nicht nur im 2 wochen rhythmus passieren sondern historische Ursachen haben, das es immer mehr als eine Interessenspartei gibt und GUT und BÖSE zwar einfach zu etablieren sind, mit Wahrheitsfindung aber nichts zu tun haben.
    Der Block facesofucraine geht da viel weiter, er lässt eben eine Vuielzahl von Stimmen zu, ohne sich auf eine Seite zu schlagen.

    Eine solche Betrachtungsweise, ja vielleicht gar ein journalistischer Ansatz ist meines erachtens sinnvoller, als dieses einseitige Meinungsgeschwafle, und ja du hast Recht, im Grunde ist es egal wo die Autorin dafür ist.

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