• Digitale Jagdgründe: Das soziale Netzwerk „Stayalive“ und die Image-Pflege nach dem Tod


    Foto: kodama, cc by-nc-sa
    Was passiert eigentlich mit unseren digitalen Identitäten, wenn wir sterben? Diese Frage hat sich Berliner Gazette-Autor Fritz Habekuss gestellt. Der 20-jährige gehört zu einer Generation, für die mit dem Internet einst schier Unerreichbares zusehends alltäglicher wird. Zum Beispiel: Unsterblichkeit. Durch seine Augen nun also ein Blick auf zwei Dienste für digitale Trauer und Selbstdarstellung nach dem Tod.

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    499 Euro kostet die Unsterblichkeit. Zumindest die digitale Ewigkeit durch ein Profil auf stayalive.com – dem Facebook für Tote. Fotos, Videos und Rezepte kann man auf dem Portal hinterlegen und zwar noch zu Lebzeiten. So kann der Nutzer schon früh genug am postmortalen Image feilen.

    Damit will sich das Portal abheben von ähnlichen Angeboten, die immer erfolgreicher werden. So etwa inFrieden.de, wo Mitglieder sich über Verstorbene austauschen, digitale Trauerkerzen anzünden oder im Gästebuch kondolieren können. Wer sich hier für die Premium-Variante für 39 Euro entscheidet, bekommt für den Verstorbenen das volle Programm: Emotionale Musik spielt im Hintergrund, während Grüße an den Toten vor digitalisiertem Kerzenschein-Geflacker vorbeilaufen. Wo die Grenze der Pietät verläuft, müssen wohl die Hinterbliebenen entscheiden.

    So funktioniert Stayalive

    Anders bei Stayalive: Der Tote in spe kann sich seine Gedenkstätte einrichten wie er möchte und sich seine „persönliche, digitale Ewigkeit erschaffen“, erklärt Mitbegründer Helmut Markwort. Der ehemalige „Fakten, Fakten, Fakten“-Chef vom Focus beschert dem Startup mit seiner Prominenz einiges an Aufmerksamkeit. Sicher nicht zu seinem Nachteil –er hält selbst 16 Prozent an dem Unternehmen.


    Foto: kodama, cc by-nc-sa

    Oder sollte man besser Unternehmung sagen? Wie viele Mitglieder sich anmelden müssen, damit sich das Projekt trägt, mögen die Macher nicht sagen. Fest steht aber, was passiert, wenn Stayalive selbst auf dem Friedhof für gescheiterte Startups landet: Die knapp 500 Euro teure Erinnerung ohne Verfallsdatum ist dann Geschichte.

    Über Anmeldezahlen erfahre ich als Besucher bei Stayalive nichts. Die Suche nach dem häufigsten Nachnamen „Müller“ liefert auch keine weitreichenden Erkenntnisse. Die Datenbank spukt ein paar Ergebnisse aus. Klickt man auf die Gedenkstätte – so heißen die Profile auf stayalive.com – baut sich ein Foto auf: Ein Blick vom Strand auf das Meer ist zu sehen, die Sonne bricht sich dramatisch den Weg durch die Wolken. Daneben blickt den Besucher das Schwarz-Weiß-Foto eines ernsten Mannes in den Vierzigern an. Bilder oder Videos sucht man vergeblich. Vielleicht liegen diese Informationen noch unter Verschluss. Bei Stayalive gibt es die so genannte Tresor-Funktion. Gespeicherte Daten werden nach dem Ableben automatisch an vorher festgelegte Personen versendet. Bis dahin hat der User alleinigen Zugriff darauf.

    Selbstdarstellung auch nach dem Tod

    Stayalive – sollte es sich auf dem Markt behaupten – stellt nicht nur die Frage nach der Vergänglichkeit. Wie bei allen Social Networks geht es auch um Selbstdarstellung. Frei nach dem Motto: „Selbst wenn ich nicht mehr bin, bin ich immer noch hier.“ Das Bild, das wir uns von einem Verstorbenen machen, wird dann nicht nur durch unsere Erinnerung an ihn und seine Taten geprägt, sondern auch maßgeblich davon, wie er sich selbst in ein paar Megabyte verewigt hat. Das ist die eine Seite der Selbstdarstellung. Dann gibt es ja auch noch die Trauernden, die ihre Gefühle öffentlich zur Schau tragen.


    Foto: kodama, cc by-nc-sa

    Diese Form von Entblößung ist nichts anderes als die logische Konsequenz aus dem Leben, das wir auf Facebook und Twitter führen. Unser digitales Leben fordert auch eine digitale Antwort auf den Tod. Stayalive ist einer der ersten Schritte in diese Richtung.

    Öffentlich Trauern: Das kennen wir bis jetzt nur von Torhütern, deren Tod medial inszeniert und ausgeschlachtet wird oder von Pop-Königen. Von nun an geht es um dich und den Nachbarn von gegenüber. Die öffentliche Trauer muss nicht negativ sein, solange es darum geht, Schmerz zu verarbeiten und ein Andenken zu bewahren – nicht um die bloße Selbstdarstellung und Profilierung der Trauernden.

    Öffentlich trauern ist noch immer tabu

    Beim Blick auf die Stayalive-Pinnwand mancher Toten stellt sich ein Gefühl echter Betroffenheit ein. Viele der Grüße, egal wie kitschig oder wie orthografisch abenteuerlich, rühren und machen nachdenklich. Man schluckt beim Lesen der letzten Grüße einer Tochter an ihren Vater – auch wenn sie als Ticker vor einer digitalen Kerze erscheinen.

    Doch schnell fühlt sich der Besucher als Voyeur. Wollte man wirklich das Foto einer aufgebahrten Toten beim Stöbern durch die Profile finden? Wollte man lesen, wie sehr eine Frau nach dem Unfalltod ihres Mannes leidet? Die Profile erlauben Einblick in Gefühle, die zu privat sind, als dass sie auf ewig gespeichert werden sollten.

    Doch die Tabuisierung der Trauer im öffentlichen Diskurs ist allgegenwärtig. Dabei fordert Verlustbewältigung einen offenen Umgang mit belastenden Gefühlen. Trauer und Tod sollten nicht auf den Friedhof und ins Private verdrängt werden. Sie müssen als normaler Prozess und nicht als Funktionsstörung akzeptiert werden. Portale wie Stayalive könnten dabei helfen.


19 Kommentare zu Digitale Jagdgründe: Das soziale Netzwerk „Stayalive“ und die Image-Pflege nach dem Tod

  • martha a. am 05.02.2011 10:43
    "Unser digitales Leben fordert auch eine digitale Antwort auf den Tod."

    guter Punkt!
  • Silvia am 05.02.2011 12:21
    danke!
  • kann ich gut nachvollziehen, als Jugendlicher habe ich mich auch viel mit dem Tod beschäftigt, das ist dann immer weniger geworden, vielleicht kommt es ja mit dem Alter wieder :)

    und die ersten Erlebnisse mit dem Tod anderer Menschen hatte ich auch in der Jugend, na ja: zumindest bewusst, so mit Schmerz und Trauer

    aber mit dem Bild, das sich andere Menschen von mir nach dem Tod machen, das war nicht so sehr Thema.

    Vielleicht nur dann, wenn ich eng und vertraut wurde mit Menschen, die längst gestorben waren, Schriftsteller, Komponisten, Philosophen, etc.

    im Jugendwahn denkt man ja auch mal darüber nach, wie es sein könnte, wenn man irgendwas tolles vollbringt, dass man vielleicht ja auch in das Geschichtsbuch eingeht, also man glaubt ja in Selbstüberschätzung an die Möglichkeit eines Geniestreichs-

    ich habe das Gefühl, dass sich die Dinge in dieser Hinsicht sehr geändert haben!
  • Unser Alltag steht immer stärker im Zeichen des Digitalen. Die Gedanken zur digitalen Trauer sind wichtig, wir müssen uns damit beschäftigen.

    Die Kommerzialisierung von Postmortem-Prominenz finde ich jedoch sehr bedenklick.

    Der Prozess ist, wie so vieles im Kapitalismus, mit der kolonialen Erschließung von Ressourcen vergleichbar:

    Es gilt so viel wie möglich herauszuholen - ohne Rücksicht auf Verluste.

    Wie der Text gut herausarbeitet: Es handelt sich hier schließlich um einen Dienst, um Dienstleistungen, um ein Geschäft.

    So wie auch Geschäfte mit Menschen gemacht werden, die glauben, via YouTube und andere soziale Netzwerke wirklich bekannt zu werden, echte Stars.

    Castingshow-Society.

    Die Maschine der Selbstvermarktung zu Lebzeiten hat ihren Einzugsbereich ausgeweitet und läuft jetzt auch nach dem Tode.

    Was ist die "Final Frontier"?

    Das Innere des Menschen?

    Google hat dazu bereits einen Bodybrowser entwickelt

    http://bodybrowser.googlelabs.com/
  • steffen am 05.02.2011 12:53
    muss grad an zombie-werbung von eastpack denken...

    ( http://images3.wikia.nocookie.net/__cb20090804162335/nonciclopedia/images/b/b7/Pubblicit%C3%A0_Zombie_Eastpak_2.jpg )

    ( http://3.bp.blogspot.com/_S8pix05Q8SY/TIY_PrhUV4I/AAAAAAAAALw/I-B4Tpg4DPM/s1600/eastpak-zombie-violet-20062007.jpg )
  • ich habe schon an anderer Stelle in der Berliner Gazette kommentiert zu diesem Thema, vor drei Wochen ca. ich möchte mich an dieser Stelle wiederholen, weil ich glaube, dass das, was ich gesagt habe damals, noch immer und auch in diesem Zusammenhang stimmt:

    was ist digitale Trauer? und was ist wahre Trauer? ich persönlich bin sehr skeptisch wenn das digitale, virtuelle gegen das wahre, wahrhaftige ausgespielt wird, denn was ist schon das digitale, wenn nicht teil unserer wahren Wirklichkeit und alle digitalen Äußerungen ebenso Teil davon sind oder vielleicht wahrer?

    mag schon sein, dass vieles im Internet sich leichter so hinsagen lässt und Freundschaften schneller und einfacher entstehen und vergehen, nur schneller und einfacher bedeutet nicht notwendigerweise weniger wahr.

    so müssen wir uns auch fragen: was ist Trauer? wann und wie trauern Menschen? was für Rituale, Taboos, etc. gibt es? Wie wollen wir trauern? Wie dürfen wir nicht trauern?

    Wir sollten anhand von unverständlichen Äußerungen eher unsere moralischen Grundlagen hinterfragen und die gesellschaftlichen Standards an sich. Das Internet macht abweichendes Verhalten einfacher einer breiten Öffentlichkeit sichtbar, ohne das wir in der Lage sind, zu wissen, was ein Mensch, der R.I.P. geschrieben hat, damit sagen wollte, wie es in ihm drin aussieht usw.
  • Rainald Krome am 05.02.2011 15:10
    Wie sieht das eigene Image aus, wenn man Tod ist? man stellt sich also vor auf sich selbst zu gucken, wenn man tod ist. Das ist eine Art Sience Fiction Perspektive. Und ich finde das deshalb erwähnenswert, weil die Science Fiction mit dieser Perspektive immer eine Möglichkeit geboten hat, Kritik zu formulieren, an den Verhältnissen.

    Vielleicht kann diese Art von Kritikpotenzial auch hier, bei dem stayalive-Trend, wirksam werden, ich würde es mir zumindest wünschen.
  • solfrank am 05.02.2011 15:10
    ein Medientheoretiker hat mal gesagt: "Das Problem ist immer, dass die Techniker vorausgehen, dann kommen die Unternehmer und die Denker zuletzt. Warum stehen die am Ende einer Entwicklung, wenn achtzig Prozent der Leute das Internet schon benutzen?"

    ich frage mich, ist das bei diesem Thema auch so?
  • Michaela Utting via facebook am 05.02.2011 15:16
    "Unser digitales Leben fordert auch eine digitale Antwort auf den Tod."

    Ja würde mich auch intressieren, was pasiert, vieleicht ausgelöscht wie unser leben, ist ja nur ein knopf druck, das leben scheint sowieso nix mehr wert zu sein,so wie man damit umgeht
  • Martin R. Heydecke via facebook am 05.02.2011 15:16
    Na, denn auf ein rudimentäres "Weiterleben" im Cyberspace - war auch ein Thema im amerikanischen Sci-Fi in den 80er Jahren. Eurer jugendlicher Berliner Gazette-Autor hat also leider nichts Neues gedacht und hier gefragt.
  • als vor 7 Jahren ein guter Freund starb, ein Tänzer und Performer, der viel mit ZUFALL arbeitete, haben wir uns viele Gedanken über einen solarbetriebenen Grabstein gemacht, in dem auf einer Art Flachbildschirm durch zufällige Auswahl Fotos und Gedanken des Verstorbenen gezeigt werden sollten. Leider ist das Projekt an der Entwicklung und Finanzierung gescheitert, obwohl so etwas sicher zeitgemäß wäre. - Daran musste ich denken, als ich den Text las. Der virtuelle Friedhof ist, wenn es so weiter geht, wie es sich andeutet, sicherlich unvermeidbar, und so ist das Anliegen, sich selbst zu Lebzeiten schon virtuelle Unsterblichkeit zu erkaufen, nicht verwunderlich.
  • Juliane Pattschull am 05.02.2011 20:53
    hm, hab ich mich vorher nicht mit beschäftigt. bin mal auf die seiten gegangen, also für mich ist das alles sehr befremdlich. ist schon stress genug, sich über das digitale leben gedanken zu machen, jetzt also auch noch um den digitalen tod... ich bin sehr unsicher.
  • vielleicht wäre es an der zeit nocheinmal neu oder überhaupt mal grundsätzlich über den tod nachzudenken, bevor der tod mit der digitalen revolution komplett zum gadget verkommt.

    ohne ein wahres verhältnis zum tod, kann es kein wahres verhältnis zum leben geben.
  • Zum Suchwort "virtueller friedhof" gibt es bei Google "ungefähr 46.700 Ergebnisse" inklusive Tierhimmel (!!!) z.B.:

    ( http://www.strassederbesten.de )
    ( http://www.geh-den-weg.de )
    ( http://www.internet-friedhof.de )
    ( http://www.memorta.com/internetfriedhof/index.php )
    ( http://www.virtueller-tierfriedhof.de )
    ( http://www.zentralfriedhof.com )
    ( http://www.tierhimmel.org )

    Wie absurd kann es noch werden? - Wie lange wird es wohl dauern, bis in "Digitalen Jagdgründen" die Materie von Mensch und anderen verstorbenen Wesen entsorgt wird?
  • Sebastian Moebius via facebook am 06.02.2011 16:35
    wahhhhhh, gruselig. vor allem der Button "Todesfall melden"
  • Ich habe gehört, dass Facebook auf einem ehemaligen Indianerfriedhof gebaut wurde. Gruselig.
  • ‎@andi: wo kann man das nachlesen?
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