• Stadt der falschen Erinnerungen

    Sie ist eine fremde Stadt, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Seit bald einem Jahrzehnt war ich nicht dort und bin nun erstmals wieder dahin gefahren, genauer: geflogen. Obwohl ich am Flughafen alle meine Ausweispapiere vergessen hatte, liess man mich freundlicherweise auch ohne diese innerdeutsch reisen.

    Es war befremdlich, in einer Stadt zu landen, in die ich frueher nur mit dem Auto oder Zug eingefahren bin. Der Zubringerbus karrte uns durch die engen Straesschen der Doerfer und Industriegebiete, bis wir schliesslich an dem Haus angekommen waren, in dem ich die ersten beiden Jahrzehnte meines Lebens verbracht hatte.

    .

    Mir wurde etwas schwindelig. Mit meinen Augen sah ich natuerlich die Gebaeude und Strassen und Bepflanzungen und werbenden Zeichen, wie sie sich heuer zeigten; doch es fiel mir schwer, die inneren Bilder abzuweisen und wegzuwischen, die sich in den letzten Jahren in mir verfestigt hatten. Es kam mir wie ein unwirklicher, merkwuerdiger Traum vor, dass diese Stadt nicht so aussah, wie von mir erinnert. Ich meinte zu stolpern, leicht uebel konnte mir werden. Es brauchte Stunden und Tage. Ich sass bei meiner Familie auf dem Sofa, gemeinsam mit meiner Frau, und es schien mir als waere ich in eine ziemlich gut gemachte, wenn auch offensichtlich nicht originale Simulation geraten.

    Obwohl sich gerade hier, in der Wohnung unter dem Dach, kaum etwas geaendert hatte. Die gleichen Kupferstiche und Sammelteller aus Dresden (Heimatstadt meiner Mutter); die gleichen grossen Schraenke und weichlichen Tischdeckchen; die gleichen Farben und Tapeten an den Waenden. Wenn auch mit dem zarten, bitteren Geruch eines leichten, aber strengen Alterns. Am kommenden Morgen ging ich mit meiner Frau in die Stadt und Baden-Baden zeigte sich unveraendert. Beklem- mung und Bedrueckung schlichen durch die gewellten, gruen- huegeligen Alleen und Anhoehen.

    Die enge Ueberhebung und Bedraengnis kleinster Staedtchen, knapp in Schranken. Isolationshaft. Sinnesdeprivation. Ich zeigte meiner Frau die Orte meiner Kindheit und Jugend. Wir sassen in Etablissements, die ich damals nur selten, meist von aussen nur sehen wollte. Schliesslich standen wir vor der oertlichen, auch ueberregional beworbenen Museum direkt daneben. Ich wunderte mich, dass ein Gebaeude zum Ruhme eines Verlegerssohnsammlers dann doch soviel Eintritt verlangen wollte.

    Wir zoegerten. War frueher der Besuch an diesen Staetten der Kunst noch einer der wenigen anregenden Hoehepunkte gewesen, den ich mir nie wegnehmen liess, selbst bei kuerzesten Besuchen, so reizte mich nichts jetzt daran (nicht mal G. Richters Bilder). Ich hatte die Sehnsucht, meinen Koerper und seine Rhythmen anders zur Ruhe kommen zu lassen. Wir besuchten das Friedrichsbad, das ich in den ersten beiden Jahrzehnten meines Lebens in dieser Baederstadt abstruserweise tatsaechlich kein einziges Mal besucht hatte.

    Meiner Familie fehlte die Gewohnheit – und das Tourismusfremdeln der Ortsansaessigen verstaerkte dies noch. Am naechsten Morgen schlenderten wir ein weiteres Mal durch den Ort, mussten bald schon anders umkehren und nach familiaerem Mittagsmahl zogen wir von dannen. Wir suchten den Ueberfuehrungsbus zum nahen Flugplatz (in bezeichnend geltungssuechtiger Ueberhebung Airpark gennant). Ich fuehlte mich sicher hinter den selbst hier rechtschaffen aberglaeubischen Sicherheitskontrollen. So bald musste ich hier aber nicht mehr zurueckkehren.


1 Kommentar zu Stadt der falschen Erinnerungen

  • sebastian am 11.04.2008 11:14
    Oh Mann.. abgesehen davon, dass es profunde persönliche Gründe für so ein Fremdheitsgefühl geben kann.. hart; will ich nie nicht erleben.

Kommentar hinterlassen