• Mikroentscheidungen: Welche Rolle spielt der Mensch in der digitalen Gegenwart?

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    Niemand kann der digitalen Gegenwart so nah sein, dass er sie als Ganzes erfassen könnte. Daher kann es nur unvollständige Perspektiven und nur unzuverlässige Prognosen geben. Wie entsteht Zukunft unter diesen Bedingungen? Welche Rolle spielen Bewegungen? Der Medienwissenschaftler und Philosoph Florian Sprenger kommentiert.

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    Was ich in dieser beschränkten Perspektive zu beobachten glaube ist die zunehmende Bedeutung von Mikroentscheidungen. Damit meine ich all die kleinen, im Einzelnen kaum bedeutsamen Entscheidungen, die anhand von Protokollen und Algorithmen getroffen werden, damit Datenpakete, aber auch Postpakete und Schiffscontainer ihr Ziel erreichen – und darüber hinaus eben auch Menschen, die in diese logistischen Prozesse eingespeist werden.

    Diese Mikroentscheidungen bilden einen Kern der digitalen Kulturen, in denen wir leben. Sie umfassen die Reihenfolge, die Geschwindigkeit, die Priorität, die Adressierung und die Richtung, in der etwas an einem Knoten im Netz weitergeleitet wird.

    Diese Entscheidungen betreffen, wer mit wem verbunden und wer von wem getrennt ist, also auch, wer Zugang zu welchen Informationen hat und wer nicht, vor allem aber – und dies ist in der momentanen Migrationsphase besonders relevant – wer sich wo aufhalten darf und wer nicht. Diese Entscheidungen umfassen auch, wie soziale Verbindungen hergestellt und wie Menschen im Raum verteilt werden. Zunehmend werden sie von Computern für Computer getroffen.

    Ein epochaler technologischer Wandel

    Darin liegt meines Erachtens eines der Momente des epochalen technologischen Wandels, dem wir uns gegenübersehen. Von der Übertragung digitaler Daten mittels Packet Switching über Tradingalgorithmen an der Börse bis hin zu den location-based services sogenannter Smart Cities, die sich, logistisch gesehen, gar nicht so sehr von den technischen Instrumenten unterscheiden, mit denen Flüchtlingsbewegungen kontrolliert werden, reicht ihr Anwendungsfeld – und mit der Robotik und dem Internet der Dinge wird es sich in Zukunft noch weiter ausdehnen.

    Es handelt sich dabei um Entscheidungsprozesse, die so schnell und in so großer Menge ablaufen, dass sie die Kapazitäten des Menschen bei weitem überschreiten und nur noch von Protokollen und Algorithmen geleistet werden können. Dennoch möchte ich auf das hilfreiche Instrument der Kontraintuition setzen und von Entscheidungen sprechen, obwohl Menschen im Akt der Mikroentscheidung keine Rolle mehr spielen.

    Warum „Mikroentscheidungen“?

    Auf diesem vermeintlich an eine menschliche Instanz gebundenen Konzept zu beharren, ist insofern wichtig, als nur so gewährleistet ist, dass die politische Dimension dieser Prozesse im Fokus bleibt. Sie als unbewusste, vollautomatische Ausführung einer vorab von Menschen getroffenen Entscheidung zu verstehen, also als allenfalls sekundäre Stellvertretung einer übergeordneten Instanz, als Ausführung vorab gegebener Befehle, birgt die Gefahr in sich, dass man ihre politische Tragweite aus dem Blick verliert.

    Doch ist ebenso klar, dass Protokolle, Standards und Algorithmen weiterhin von Menschen geschaffen werden, dass Institutionen über sie entscheiden, und dafür sind oft lange und zähe Verhandlungen nötig. Institutionen wie die International Telecommunication Union oder die eher selbstorganisierte Erstellung von Requests for Comments, die Protokolle für das Internet ausarbeiten, aber auch die Electronic Frontier Foundation oder der Chaos Computer Club spielen heute eine größere institutionelle Rolle als bisher.

    Die Brisanz dieser Mikroentscheidungen wird daran deutlich, dass zwei zentrale Diskussionsfelder der letzten – und sicher auch der nächsten – Jahre zutiefst mit ihnen verbunden sind: die Debatte um Netzneutralität auf der einen und die von Edward Snowden offengelegte Dimension der Überwachung auf der anderen Seite. In beiden Fällen stellen Mikroentscheidungen den Ansatzpunkt dar: Netzneutralität bedeutet nichts anderes als die nachvollziehbare Neutralität dieser Mikroentscheidungen, die an den Internetknoten, die ein Datenpaket passiert, notwendigerweise gefällt werden müssen.

    Genau hier, am Ort und in der Zeit dieser Mikroentscheidungen, setzen auch die Überwachungsmaßnahmen der Geheimdienste an. Es ist also, denke ich, nicht übertrieben, wenn man die Politik der Mikroentscheidungen als Herausforderung ansieht, an der wir entscheiden können, wie wir in digitalen Kulturen leben wollen. Und in dieser Dimension betreffen sie eben auch den logistischen Umgang mit Flüchtlingsbewegungen.

    Die Untrennbarkeit von Sozialität und Technik

    Mikroentscheidungen werden gegenwärtig für uns alle bedeutsam und mächtig. Neben der eben genannten, ganz konkreten politischen Ebene bringen sie eine De-Zentrierung des Menschen als Entscheidungsträger mit sich. Dass menschliche Entscheider auf dieser mikrozeitlichen Ebene keine Rolle mehr spielen, erfordert ein Umdenken und eine Neubestimmung unserer eigenen Position. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir an einem Bild des Menschen und der Technik festhalten, in dem sich beide feindlich gegenüberstehen.

    Mit einer solchen Frontstellung ist es kaum möglich, den aktuellen Herausforderungen zu begegnen. Man übersieht so die Brisanz, die in der Untrennbarkeit von Sozialität und Technik liegt. Man sollte also die Tragweite dieser Mikroentscheidungen – auch wenn sie im Einzelnen eher unbedeutend erscheinen mögen – nicht unterschätzen: Sie bestimmen darüber, wer mit wem verbunden und wer von wem getrennt ist.

    Nun kann man vermuten, dass eine Bürokratie auf diese Abstraktionsleistung immer angewiesen ist, dass in jeder Bürokratie derartige Entscheidungen nach vorab festgelegten Protokollen zwar von Menschen getroffen werden, diese aber hinter das Regelwerk der Entscheidung zurücktreten. Dies betrifft uns alle bei jedem Amtsbesuch, und insbesondere betrifft es heute Flüchtlinge, die mit unserer Bürokratie und der mit ihr verknüpften Logistik in Berührung kommen.

    Deshalb sollten wir uns fragen, was passiert, wenn aus solchen Entscheidungen Mikroentscheidungen werden. Das muss nicht zwangsläufig etwas schlechtes sein, denn diese Entscheidungen müssen getroffen werden – so wie es kein Internet gibt ohne Mikroentscheidungen an Netzwerkknoten, so gibt es keine Bürokratie ohne solche Prozesse. Entsprechend sollte es uns darum gehen, die Entscheidungen offen zu halten, ihrer Vorentscheidung etwas entgegenzuhalten.

    Mitschwimmen ist keine Lösung

    Zunächst eine Einschränkung: Wenn wir uns in einer Gegenwart befinden, die so massiv von Strömen der Distribution umgekrempelt wird, dann ist es schwer, – theoretisch wie praktisch – einen Boden unter den Füßen zu behalten, um diese Bewegungen beobachten zu können. Sie schlicht zu affirmieren und mitzuschwimmen kann aber auch keine Lösung sein. Vielmehr sollte es uns zunächst darum gehen – zumindest sehe ich dies als meine Aufgabe als Medien- und Kulturwissenschaftler –, Begriffe und Konzepte zu erarbeiten, mit denen wir in angemessener Weise über diese Gegenwart sprechen können.

    Wenn ich also sagen soll, von welchen Bewegungen oder Distributionen ich mich am stärksten affiziert fühle, dann kann ich nur sagen: von allen. Ich glaube nicht, dass man die Daten- von den Warenströmen trennen kann, dass man die Verkehrsleitsysteme in smarten oder weniger smarten Städten von den Infrastrukturen der Verteilung digitaler Daten oder Schiffscontainer mit RFID-Chips und das Internet der Dinge von Migrationsströmen abtrennen sollte.

    Sie alle beruhen auf der gleichen technischen Verschiebung, die als Digitalisierung, Miniaturisierung und Mikrotemporalisierung die Grundlage digitaler Kulturen bildet – sie basieren auf Infrastrukturen der Distribution, die wir im Blick behalten sollten. Infrastrukturen wiederum gehören jemandem, sind keine neutralen Transportmittel und ihnen ist eine Biopolitik eingeschrieben – sie sorgen für die Verteilung von Menschen und Dingen im Raum.

    Menschsein in digitalen Kulturen

    Anstatt etwas Verlorenem nachzutrauern, sollte es uns darum gehen, unsere Gegenwart besser zu verstehen. Wenn von einem demokratischen Defizit gesprochen wird, steht dahinter womöglich die Angst vor einem Verlust einer privilegierten Stellung. Vielleicht sollten wir stattdessen darüber nachdenken, was Menschsein in digitalen Kulturen heißt. Mit Hannah Arendt gesprochen: Wie hat sich die Vita Activa, das Ideal eines Lebens in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft, die immer die Keimzelle von Politik bildet, in der letzten Dekade verändert? Was bedeutet heute die Involviertheit eines aktiven Menschen in die politischen Prozesse um ihn herum?

    Anstatt also ein Defizit in diesen Belangen zu unterstellen, könnten wir vielmehr den vielbeschworenen „Einbruch der Dunkelheit“ auch ernstnehmen, indem wir fragen, wie sich Demokratie unter digitalen Bedingungen verändert. Demokratie, das sei angemerkt, unterscheidet sich von Diktaturen ja gerade dadurch, dass sie nicht perfekt ist. Vielleicht ist es gar nicht die schlechteste Lösung, in einer defizitären Demokratie zu leben – denn Defizite können wir verändern.

    Wie gesagt, ich möchte dafür plädieren, auch Demokratie als etwas in Bewegung, in Veränderung zu verstehen, bewegt derzeit von den massiven Veränderungen, die mit digitalen Medien einhergehen und die viel zu lange ignoriert wurden. Auf der einen Seite gibt es eine intensive Auseinandersetzung mit Fragen des Urheberrechts, mit Persönlichkeitsrechten, mit dem Sozialen in sozialen Netzwerken.

    Doch was das alles für unser eigenes Selbstverständnis bedeutet, darüber wird meines Erachtens zu wenig nachgedacht: was bedeutet es für mich, wenn Maschinen mit Maschinen kommunizieren, wenn Computer über Computer entscheiden? Es geht nicht darum, dass ich dadurch verschwinde oder abgelöst werde, sondern einen neuen Ort, eine neue Selbstbeschreibung finden sollte.

    Die Kreuzung, an der Netz- und Migrationspolitik sich treffen

    Ich bin kein Politiker, sondern Wissenschaftler, deshalb tue ich mir naturgemäß schwer mit konkreten Handlungsempfehlungen. Was ich anbieten kann, sind Konzepte, Begriffe und vielleicht eine Beschreibungssprache, so partiell sie auch sein mag. Man sollte diese sehr abstrakte Ebene nicht einfach abtun: unsere Handlungsräume hängen auch von unserer Sprache und unseren Konzepten ab.

    Deshalb möchte ich unterstreichen, dass die Konzepte, mit denen wir digitale Netze beschreiben, spätestens seit dem Internet der Dinge nicht nur virtuelle Räume betreffen – all diese Technologien haben sehr reale Folgen, weil es um die Bewegung von Dingen, Daten und Menschen geht. Dies scheint mir die Kreuzung zu sein, an der Netz- und Migrationspolitik sich treffen.

    Ich weiß nicht, ob es sinnvoll oder überhaupt möglich ist, den Staat als etwas zu verstehen, von dem wir uns lösen können, dass uns gleichsam feindlich ist. Auch ich bin entsetzt von den Defiziten unserer Demokratie, von NSU bis NSA, von TTIP bis LaGeSo, und möchte mich mit aller Macht dafür einsetzen, dass sich daran etwas ändert. Aber kann man deswegen autonom werden vom Staat, kann man einen demokratischen Staat verlassen, rein ideel, ohne also einen anderen Staat zu betreten? Wir sollten uns für unsere Rechte (und Pflichten) einsetzen und uns gegen die Defizite der Demokratie wenden, sie anprangern und zu verbessern suchen.

    Eine perfekte Demokratie sollte das unerreichbare Ziel sein, weil Demokratie nie perfekt, sondern immer Aushandlungssache sein wird. Wenn man sich vom Staat autonom macht, läuft man dann nicht Gefahr, die notwendigen Defizite der Demokratie aufheben zu wollen, einem Idealbild eines perfekten Staates – ob als Negativ- oder als Positivfolie – hinterherzulaufen? Wer will schon in einem perfekten Staat leben, in dem nichts mehr diskutiert, ausgehandelt oder verändert werden kann?

    Anm.d.Red.: Der Beitrag basiert auf einem Interview, das die Redaktion der Berliner Gazette in Vorbereitung auf die BG-Jahreskonferenz TACIT FUTURES an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (27.-29.10.) geführt hat. Florian Sprenger hat jüngst u.a. das Buch „Politik der Mikroentscheidungen: Edward Snowden, Netzneutralität und die Architekturen des Internets“ veröffentlicht, das auch als freier Download verfügbar ist. Das Foto stammt von Krystian Woznicki und steht unter einer Creative-Commons-Lizenz.


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