Für jede Gelegenheit die optimale Bespaßung finden und nebenher neue Leute kennen lernen – das und noch viel mehr verspricht die Verschmelzung von Internet und Fernsehen, genannt Social TV. Berliner Gazette-Autorin Dana Buchzik mag nicht so recht daran glauben und prognostiziert den Trash-Supergau.
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IKEA bietet neuerdings neben standardisiert-beschaulichen Schrankwänden zur TV-Aufbewahrung Uppleva an: eine Kombination aus Soundsystem, Blu-Ray-Player und LED-Fernseher. Das Internet, das ohnehin überall dabei sein will, drängelt sich also auch ins Wohnzimmer und verstärkt den Nervfaktor, der vorher schon vom hektischen Zappen des boyfriends (bitte, wir sprechen hier von IKEA-Schrankwand-Szenarien!) zur Genüge vorhanden war.
Vorreiter, wie so oft: die USA. Knapp vierzig Prozent der Fernsehzuschauer, die über Smartphone oder Tablet verfügen, nutzen ihre so genannten second screens zum Surfen, während die gute alte Flimmerkiste, der first screen, läuft. Die Huffington Post startete sogar einen eigenen Videokanal, um Nachrichtenwillige bald rund um die Uhr unterhalten zu können. Immerhin gilt das Video-Angebot youtube mittlerweile als größte Bühne der Welt.
Endlich auch beim Fernsehen den Like-Button drücken!
Bei den Deutschen läuft das Experiment Social TV teilweise schleppend an, was sicher auch daran liegt, dass alternde Ikonen wie Thomas Gottschalk der ebenfalls alternden Zuschauerschaft Hashtags beibringen sollen. Die aber ist überfordert – und für die Jüngeren TV nur eine untergeordnete Wahloption. Bei Formaten wie „The Voice of Germany“ hingegen funktioniert das Ganze: Das Zusammenspiel aus eigener App, Einblendungen von Tweets und Chatmöglichkeit mit Jury und Kandidaten bescherten der Sendung binnen kürzester Zeit enorme Resonanz.
Und genau hier liegt das Problem. Medienberater Bertram Gugel behauptet zwar, Sender seien durch Social TV gezwungen, bessere Inhalte zu liefern – jedoch zeigt eine aktuelle Studie, dass eher Zuschauer (mithilfe) von Spiel-, Casting- und Reality-Shows dazu neigen, Social-TV zu nutzen.
„Bauer sucht Frau“ war erst der Anfang
Kulturpessimistisch formuliert: Die Masse, der wir schon jetzt ein Überangebot geistloser Formate wie Bauer sucht Frau und We love Lloret zu verdanken haben, kann uns den Trash-Supergau bescheren. Meine persönliche Horror-Version: Eine Version von „Deutschland sucht den Superstar“, wo permanent Links eingeblendet werden, Amazon-Links zu den Schuhen von Dieter Bohlen, zur Unterwäsche der Mädchenkandidaten, zum „geheimen“ Lieblingsbuch der Jungs – ein einziges Teleshopping.
Dass zwischendurch Tweets den Bildschirm entlang stolpern, ist kaum mehr als Tarnung. Schauen wir uns das Programm des ersten deutschen Social-TV-Summit an: Mächtige Medienunternehmen wie Google, Yahoo, Premiere, RTL & Co. haben 19 Männer und eine Quotenfrau damit beauftragt, über Möglichkeiten und Perspektiven von Social TV zu sprechen. Im Klartext: über Gewinnpotenziale und Markttreiber.
Social TV heißt einfach nur: bessere Konsumentenanalyse
Niedliche Apps wie die des Berliner Startups Tweek, die personalisierte TV-Guides aufs iPad liefert, oder das interaktive Spiel Tatort+, bei dem Zuschauer sich (vor wem?) als Kommissare beweisen dürfen, täuschen letztlich nicht darüber hinweg, dass es ganz schlicht um Zuschauerbindung und erfolgreiche Werbung geht.
Social TV soll die Einschaltquoten nach oben treiben und die Zuschauer zusätzlich auf die Sender-Homepages locken. Der Pool aus Facebook- und Twitterkommentaren ermöglicht zum Einen detaillierte Konsumentenanalyse und macht die Sender zum Anderen auch online attraktiver für Werbekunden. Natürlich gewährleisten die neuen Angebote, dass sich im Zweifelsfall für jeden Moment die optimale Bespaßung finden lässt. Aber ist uns bewusst, was wir für diese Praxis der „Medienübernutzung“ (Michal) in Kauf nehmen?
Und: Stellt Social TV in der aktuellen Entwicklungsstufe wirklich einen revolutionären Unterschied zu peinlichen Zuschaueranrufen oder dem guten alten Videotext-Chat dar? Früher konnte man hier gegen horrende Preise Kontakt zu Fremden aufnehmen und kurze Nachrichten hin und her stümpern. Die Internetflatrate kostet heute immerhin fast nichts…
Anm.d.Red.: Mehr zu Social TV in unserem Dossier Fernsehen 2.0. Die Fotos oben (1 & 2) stammen aus Mario Sixtus‘ Reihe monochrome und stehen unter einer Creative Commons-Lizenz.




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8 Kommentare zu
hervorragend! auf den Punkt!
http://www.elektrischer-reporter.de/phase3/video_flash/282
Als kurzen Einstieg ins Thema finde ich den Beitrag inhaltlich gelungen. Tweek finde ich interessant, kannte ich noch nicht.