• Die „Viewser“ kommen: Social TV, HbbTV und das Fernsehen von Morgen

    Fernsehen liefert Gesprächsstoff. In Zeiten von Sozialen Medien findet der Austausch über das TV-Programm vermehrt im Netz statt. Diese Entwicklung greifen Start-up-Unternehmen und Hersteller von Fernsehgeräten auf: Social-TV-Applikation bringen Zuschauer auf Plattformen zusammen, HbbTV ermöglicht es ihnen per Fernbedienung in das TV-Geschehen einzugreifen. So entsteht eine neue Zielgruppe: die „Viewser“. Berliner Gazette-Autorin Miriam Belling erklärt, wie das Fernsehen von Morgen funktioniert.

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    Sonntagabend ist traditionell Tatort-Zeit. Das merkt man nicht nur am TV-Programm, sondern vor allem an den vielen Twitter-Feeds und Facebook-Diskussionen: Krimi-Fans tauschen sich in den sozialen Netzwerken über die erste heiße Szene mit TV-Kommissarin Charlotte Lindholm aus, bewerten die schauspielerische Leistung der Akteure und spekulieren zusammen über den neuen Mörder. Heiß geht es da her in den sozialen Netzwerken, ein regelrechtes Blitzlichtgewitter von Mutmaßungen, Bewertungen und Vergleichen kommt auf zur „Prime-Time“.

    Soziale Netzwerke durchdringen das Fernsehen

    Soziale Netzwerke entwickeln sich immer stärker zur Austauschplattform für TV-Gossip. Die virtuellen TV-Kritiker wollen offenbar dasselbe: Man schaut nicht mehr nur zum privaten Vergnügen in die Röhre, sondern zum öffentlichen Meinungsaustausch. So werden Daily Soap-Protagonisten und Action-Helden aus dem heimischen Wohnzimmer ins World Wide Web katapultiert und innig mit anderen Fans diskutiert. Wenn ein Shah Rukh Khan- oder Vin Diesel-Film auf der aktuellen TV-Playlist steht, wird deshalb auch auf Twitter und Facebook darüber gelästert und geschwärmt.

    Aber nicht nur Mainstream-Filme und –serien werden da aufs Korn genommen, auch Sparten- oder Kunstfilme werden in den regen Diskussionen thematisiert. Dieses hohe Maß an Interaktivität bietet nun auch Ansatzpunkte für die Wirtschaft: Genau dort wollen so genannte „Second Screen Approaches“ ihre Fernsehzuschauer abholen. Sie wollen Fernsehen sozial machen. Das nennt sich dann Social TV und ist praktisch Facebook fürs Fernsehen.

    In den USA und Großbritannien existiert diese Verknüpfung zwischen „social media“ und TV schon länger. Anwendungen wie gomiso.com oder tunerfish.com machen das TV-Programm für den User zu einem interaktiven Mitmach-Erlebnis: Er kann dabei etwa online voten, diskutieren und vielleicht sogar live ins Fernsehgeschehen eingreifen. So werden die Second Screen Approaches synchron zum Geschehen auf dem Fernsehbildschirm, dem First Screen, genutzt und sind in Zeiten, in denen fast jeder mit Laptop, Smartphone oder Tablet-PC vor der Röhre – oder vielmehr dem Flat Screen – sitzt, der ideale Ansatzpunkt. Das haben sogar Studien erwiesen.

    Auch in Deutschland haben „Viewser“ eine Zukunft

    Die Fernsehrevolution soll nun auch in Deutschland ihren Lauf nehmen. Wie Martin Weigert bei netzwertig meldet, ist soeben myTVLink an den Start gegangen. Das Hamburger Portal bringt über eine TV-taugliche Benutzeroberfläche zusammen, was im Internet frei verfügbar ist: Das abrufbare Angebot speist sich aus den Online-Archiven von ARD und ZDF sowie aus populären YouTube-Channels und Video-Podcasts.

    Ein anderer Newcomer ist Zapitano, die auf ihrer Website ankündigen, das deutsche Fernsehen bald sozial und mitbestimmbar zu machen. Außerdem versprechen sie noch ein persönliches TV-Programm. Die rasante Entwicklung und sehr gute Annahme solcher Anwendungen durch die Zuschauer in den USA und in Großbritannien zeigen, dass sich auch die deutsche Fernsehlandschaft bald völlig verändern könnte.

    Fest steht zumindest bislang: Die Entwickler des sozialen Fernsehens haben eine große Marktlücke entdeckt, die die Synthese zwischen „Viewer“ und „User“ generiert und eine neue Gruppe – die „Viewser“ – hervorbringt. Ob diese nun eine Bedrohung des klassischen Fernsehens darstellt oder einfach nur einen neuen Impuls gibt, bleibt abzuwarten. Zumindest treffen sie den Nerv der Zeit ziemlich genau. Leben wir doch momentan in einer Gesellschaft, in der jeder über alles mitbestimmen und mitreden will, in der sogar Politik mithilfe von Sozialen Medien gemacht wird – und das wird auch beim Fernsehabend auf der heimischen Couch nicht aufhören.

    HbbTV macht TV-Geräte zum neuen Browser

    Doch nicht nur Social-TV-Experten haben sich Gedanken gemacht. Auch die Hersteller von Fernsehgeräten warten mit einer neuen Technik auf: dem sogenannten HbbTV. Das steht für „Hybrid broadcast broadband TV“ und macht aus einem einfachen Fernseher einen überdimensionalen Computer und aus der Fernbedienung die Tastatur. Herkömmliches Fernsehen verschmilzt mit dem Internet. Die Grenzen zwischen First und Second Screen verwischen.

    Darauf reagierte sogar schon die ARD und hat Inhalte aus dem Internet mit TV-Inhalten verknüpft. Scheinbar möchte man hier zeitig mit dem Trend gehen, um in dieser Sparte ganz vorn dabei zu sein. Immer mehr Geräte mit dem neuen HbbTV-Standard werden verkauft – auch wenn sie ihren Preis haben, der im Vergleich zu herkömmlichen TV-Geräten noch überdurchschnittlich hoch ist. Der Gedanke an gemütliches Surfen vom Sofa aus scheint jedoch zu verlockend. So fanden die Marktforscher der GfK heraus, dass bereits jeder zweite TV-Begeisterte davon träumt, auch interaktiv mit dem Fernseher verfahren zu können.

    Zwei Screens verschmelzen zu einem

    Social TV und HbbTV sind zwei Entwicklungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern voneinander profitieren können. Statt die Augen vom Fernseher abzuwenden, während man mit anderen Usern über die Serienhandlung diskutiert, können sie nun sogar auf ein und demselben Screen ruhen. Somit sind Hbb-fähige Geräte der ideale Anlaufpunkt für Social-TV-User.

    Doch schnell hat man das Bild der faulen „Couch-Potato“ vor Augen, der sich nicht einmal mehr in der Werbepause für das obligatorische Facebook-Status-Update erheben muss. Andererseits sind die Zeiten passé, in denen wir eine Nackenstarre bekommen, weil wir gleichzeitig Kommentare von Freunden auf dem Laptopbildschirm lesen und nebenbei die Thriller-Handlung mitbekommen wollen.

    Wer gern mit seinen Freunden über Dschungelcamp & Co diskutiert, wird den Entwicklern der neuen Techniken danken, die mithilfe von Social-TV-Apps und internetfähigen Fernsehern aus dem Internet ein virtuelles, öffentliches Wohnzimmer gemacht haben. Fernsehen ist auf jeden Fall jetzt schon nicht mehr, was es einmal war. Diese Entwicklung hat so rasant an Fahrt aufgenommen, dass 2012 wohl ein revolutionäres Jahr für unsere Fernsehgewohnheiten wird.

    Anm.d.Red.: Mercedes Bunz schrieb hier kürzlich über die Zukunft des Fernsehens. Krystian Woznicki wiederum forderte ARD und ZDF mögen Mitmach-Medien werden. Die Fotos hat Mario Sixtus aufgenommen. Sie stehen unter einer Creative Commons Lizenz (by-nc-sa).


8 Kommentare zu Die „Viewser“ kommen: Social TV, HbbTV und das Fernsehen von Morgen

  • Marissa am 28.02.2012 11:01
    Spannend! Die TV-Inhalte an sich werden ja (zumindest auf den Privaten) immer schlechter. Irgendwas muss ja passieren, damit wir weiterhin dranbleiben und nicht gänzlich auf Youtube und Rapidshare umsteigen.

    Wenn jetzt noch Netflix in Deutschland nutzbar wäre, wären die Tage von Film-Tauschbörsen vielleicht endgültig passé. Damit kann man jeden Film, jede Serie schauen, für einen geringen monatlichen Beitrag.

    https://signup.netflix.com/global
  • Guillermo Sati am 28.02.2012 11:31
    danke!
  • (...) Fernsehen liefert Gesprächsstoff. In Zeiten von Sozialen Medien findet auch der Austausch über TV-Gossip vermehrt im Netz statt. Diese Entwicklung greifen Start-up-Unternehmen und Hersteller von Fernsehgeräten auf: Social-TV-Applikation bringen Zuschauer auf Plattformen zusammen, HbbTV ermöglicht es ihnen per Fernbedienung in das TV-Geschehen einzugreifen. So entsteht eine neue Zielgruppe: die “Viewser”. Miriam Belling schreibt darüber in der Berliner Gazette. (...)
  • bazilo fis am 28.02.2012 15:37
    also das kann ich mir gut vorstellen: mit der Ferbedienung vom Sofa aus durch das Internet, flat screen, HD.
  • VW hatte gerade erst eine laut INTERNET WORLD BUSINESS sehr erfolgreiche Kampagne für den neuen Beetle über HbbTV laufen lassen bei der man während der Werbung auf den roten Knopf drückt und dann seinen Beetle konfigurieren kann und sogar einen Termin für eine Probefahrt vereinbaren konnte. Das geht schon ganz schön schnell alles. Neben ARD und ZDF haben auch alle anderen großen deutschen Sender mittlerweile HbbTV angebote. Wer sich das mal in seinem Browser anschauen will findet die Links zu den HbbTV Oberflächen zum Beispiel hier: http://hbbtv.tumblr.com/day/2012/02/05
  • Bernd am 21.03.2012 15:05
    NUTZE ... seit Monaten VIDEOWEB TV die Box ist super und HBBTV macht ne Menge Spasssss
  • Bernd am 21.03.2012 15:13
    videoweb.de auch in der schweiz videoweb.ch
  • Das Versagen der deutschen Fernsehkultur gründet in der geistigen Verfassung des Landes: Individualität ist verdächtig, wer herausragt, wird einen Kopf kürzer gemacht. Eine Abrechnung.

    http://www.berliner-zeitung.de/magazin/essay-zum-deutschen-fernsehen-stirbt-das-land-vor-langeweile-,10809156,11953168.html

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