• Sind wir wie Wasser?

    Dass wir Menschen wie Wasser waeren, haetten sich sicher die Fussballfans im Stadion von Sheffield gewuenscht, falls jemand noch etwas so Vermitteltes jenseits eines bildlosen bitte lass mich leben in jener Hoelle haette denken koennen – damals, 1989, als die Bilder um die Welt gingen von den entstellten Gesichtern, die aus den Drahtabsperrungen quollen.

    De facto funktioniert die Analogie zwischen Menschenmeer und Meer nur so lange, wie die Masse pittoresk wogt. Beim Schritt ins Sublime, in das Jenseits der Vorstellung, wie Burke es im unbezaehmbaren Ausbruch von (Natur)gewalt sah, hoert die Gemeinsamkeit auf.

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    Sonst wuerden die Leute bei einer Panik nicht immer so schlimme Verstopfungen an engeren Durchgaengen verursachen. Dies Versagen des Bildes von fluider Masse scheint mir geeignet, den meines Erachtens unzulaessigen Analogieschluss zwischen der Wasserhaftigkeit der Menschen und ihrer fluessigen Vernetztheit im Web zu ziehen, denn immer ist damit mehr oder weniger gemeint, wir alle wuerden mit allen in einem ganz neuen, einzigartigen, unmittelbaren Kontakt miteinander sein. Eine mystische Vereinigung als Nebenwirkung von Kommunikationshard- und -software.

    Kaeme irgendwer auf so ein Bild angesichts einer Menschenmasse, wogend oder nicht wogend, nur weil die Einzelnen im Stadion die gleiche Eintrittskarte haben? Dass sich nun darin Menschen vermischten, weil sie wie Wasser waeren? Mittlerweile scheint es mir allgemein anerkannt, dass die Prozesse, die zu dem fuehren, was das Bild des Vermischens fuer das Vernetzen als entgrenzter Diffusion von Einzelwesen wohl meinen mag, erheblich komplexer sind, als das Zusammenkippen und Aufschlagen einer Essig-Oel-Sauce fuer den Kopfsalat.

    Die Vorstellung, dass wir Wasser waeren, scheint mir im Subtext eine von Angst gepraegte pittoreske Visualisierung, die ein derzeit noch ueberkomplexes System mit einem Bild zu bannen versucht, um der sublimen Vorstellung Herr zu werden, dass tatsaechlich jeder mit jedem kommunizieren kann – ob der sich in der Naehe des Netzes befindet und sich einen Webanschluss leisten kann und dies auch tut. Ueberall und jederzeit. Ein Bild aus einem Alptraum steigt auf, fragmentiert wie die Flocken in dem Wasser, das in ein Haus einzudringen droht, das in einer Schneekugel steht.


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