• Sind Sie wasserscheu, Herr Diederichsen?

    In seinem Buch Eigenblutdoping notiert Diedrich Diederichsen: „Und vor mir, aber nur vor mir, liegt so offen wie die See, über die wir zu fremden Kontinenten fahren, der Markt. Eine endlose und formlose, doch lebendige und bewegte Ebene mit sanften Dünungen und gekräuselten Wellen.“ Seine Aussage und unser WASSERWISSEN-Jahr im Rückspiegel, stellte ich dem wohl einflussreichsten Poptheoretiker Deutschlands ein paar Fragen.

    Wann hatten Sie Ihre erste ästhetische Erfahrung mit Wasser und wie kam es dazu?

    DD: Meine erste ästhetische Erfahrung mit Wasser hatte ich vermutlich in der Badewanne. Die Erfahrung hat wahrscheinlich darin bestanden, dass das schöne Grün des „Badedas“-Wassers nicht so schön schmeckte, wie es aussah. Am Anfang denkt man, dass die Schönheit des Wassers ein Grund ist, es sich einzuverleiben, eben weil man ja auch gelernt hat, dass besser aussehendes Wasser (Coca Cola) besser schmeckt als schlechter aussehendes Wasser (Wasser). Dann lernt man, dass Untertauchen, Sich Umgeben Lassen etc. der „Badedas“-Schönheit eher entspricht. Von da an geht es beim Wasser darum, dass Einverleiben und Einverleibt-Werden nahe bei einander liegen, in einander übergehen; auch in der Musik, die eventuell vom angenehmen und unangenehmen Varianten des Untergehens und Ersaufens handelt: “Drowning in Wine” vs. “I’ll Drown In My Own Tears”.

    Bringt Wasser einen für Sie beachtenswerten Klang hervor?

    DD: Der Klang des Wassers interessiert mich nicht so. Was mich interessiert ist, ist Wasser als Metapher für Musik, nicht für Klang an sich. Musik verbreitet sich wie Wasser in der Welt ohne an einer klar definierten Stelle abrupt aufzuhören, sondern sie versickert. Viele ihrer Bewegungseigenschaften (Anschwellen, Prasseln, Rieseln, Murmeln, Plätschern etc.) sind mit Wasser verglichen worden, weil sie ähnliche Formen des Verlaufs kennen und selten abrupt sind. Schließlich ist Wasser auch eine Metapher für die Distribution von Musik, der gerade die Netz-Kultur wieder nahekommt. Ich fand, dass es eine Errungenschaft, gerade von Pop-Musik, aber generell von reproduzierter Musik war, dass sie kleine Objekte hinterließ, die Menschen erst wieder in Bewegung bringen mussten (z.B. DJs); jetzt fließt die Musik tatsächlich als ungehinderter Datenstrom durch die Welt und lässt sich immer weniger als Objekt bändigen und definieren. Das verfügende Hören der Fans und KennerInnen verschwindet zugunsten eines irgendwie einbezogenen Hörens – das aber Kritik und Reflexion eher wegdrängt. Vermute ich mal.

    Was verstehen Sie unter Wassermusik?

    DD: Am Wort der “Wassermusik” interessiert mich, wie es in der Aufklärung für Zivilisation steht – gebändigtes Wasser als Höhepunkt der Naturbeherrschung, Musik, die das nachstellt -, hundert Jahre später steht das Wasser in der Musik für Naturgewalt und antizivilisatorisches Über-die-Ufer-Treten (Hegel, Schopenhauer und vor allem die Romantiker).

    Sie haben zu Spuren von Körperlichkeit in aufgezeichneter Musik geforscht und zu dem besonderen Mangel, den diese Spuren generieren – gibt es “Wassermusik” (ich muss spontan ab Soundtracks denken, in denen Nachtwanderungen im Schnee solche akustischen Spuren hinterlassen), die einen solchen Mangel aufweist?

    DD: Diesen Mangel gibt es, weil die Spur nie die ganze Person wiedergibt, sondern nur deren Stimme. Oder eine Bewegung mit einem Instrument. Man denkt sich dann den Rest der Person dazu; und die Kulturindustrie hilft einem, indem sie Bilder der Person auf Plattenhüllen druckt und an geeigneten Orten im Netz und sonstwo veröffentlicht. Ich muss das dann zusammensetzen, habe aber auch einen immensen Spielraum, wie ich das mache.

    Ich wandere selten nachts im Schnee und wenn man irgendwo in der Natur mit derselben allein ist, sind es weniger wasserartige als diskrete, einzelne und lokal bestimmte Sounds, die einen faszinieren. Während ich dies schreibe, geht ein Wolkenbruch über mir nieder. Dieser besteht aus einem fernen grummelnden Bass, einzelnen diskreten Wasserpercussions auf dem Dach, vor allem aber aus dem Zusammenfließen der verschiedenen Regenrinnen, deren Summe als kleiner Sturzbach ins Tal runterpladdert. Das ist schon Einiges an akustischen Wassernsensationen, dennoch ziehe ich den gestrigen Tag hier auf dem Land vor, mit seinen irren Vogelstimmen und der Räumlichkeit eines Hochsommertages und seiner Wiesen mit ihren unklaren Klangrändern.

    (Anm. d.Red.: Diedrich Diederichsen (Jahrgang 1957) ist Autor, Kurator und Hochschullehrer. Derzeit ist er Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Wien.)


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