• Schule des Ausbrechens

    Ich bin Vorsitzender und Gründer eines kleinen Instituts in London mit dem Namen The School of Life. Ich glaube leidenschaftlich an das Ziel, Lernen wieder relevant zu machen – und daher bietet die Schule Kurse zu den wichtigen Fragen des Alltags an. Während die meisten Hochschulen und Universitäten das Lernen in abstrakte Kategorien zerhacken („Die Geschichte der Landwirtschaft“, „Der englische Roman des 18. Jahrhunderts“), beschäftigen sich die Kurse der School of Life mit Dingen, die uns alle angehen: Karriere, Beziehungen, Politik, Reisen, Familie.

    Ein Abend oder ein Wochenende in einem unserer Kurse wird oft damit verbracht, über ganz lebensnahe Dinge nachzudenken. Zum Beispiel die moralische Verantwortung, die man gegenüber Ex-Partnern hat oder wie man eine Karrierekrise bewältigt.

    Unsere Schule hat auch eine Abteilung, die Psychotherapien für Einzelpersonen, Paare oder Familien anbietet – und das ohne Stigmata. Im eher reservierten England ist es das erste Mal, dass ein mitten im Stadtzentrum gelegenes Institut Therapiemöglichkeiten anbietet. Wir betrachten Therapien als so gewöhnlich wie einen Friseurbesuch oder eine Pediküre – mit dem Unterschied, dass die Therapie vielleicht nützlicher ist.

    Ich bin schockiert, wenn ich merke, wie schlecht die meisten meiner Lehrer in Schule und Universität waren. Selbst an sogenannten „Eliteschulen“ wie Cambridge war niemand in der Lage, Enthusiasmus auszustrahlen oder zu verbreiten. Sie behandelten Studenten als Hindernis auf dem Weg zu ihrem eigentlichen Ziel: Bücher schreiben.

    Mir sind aber auch einige wenige großartige Lehrer begegnet. Der beste zwar zweifellos Prof. Quentin Skinner, ein intellektueller Historiker in Cambridge, ein wunderbarer Führer in die tieferen Ebenen der Gedankenwelt von Machiavelli.

    Traurigerweise habe ich mit vielen meiner Lehrer keinen Kontakt mehr. Ich war ein echter Streber und habe immer nur mit den besten Noten abgeschlossen – aber dann habe ich alle Hoffnungen, die man in mich gesetzt hatte, enttäuscht, weil ich nicht-akademische Bücher geschrieben habe. Heute sagen viele meiner ehemaligen Lehrer Dinge wie: „Dieser de Botton, mit 19 mochten wir ihn, aber es ist eine Schande, was mit ihm passiert ist – er tritt im Fernsehen auf!“ In akademischen Kreisen erholt sich der Ruf nie so ganz, wenn man mal im Fernsehen war.

    Als ich Student war, entdeckte ich viele Autoren und Künstler, die mich beeinflussten, obwohl sie nicht Teil des Kanons waren. Ich fing an, Roland Barthes, den großen französischen Essayisten zu lesen. Seinen Scharfsinn bewundere ich sehr. Ich las auch Virginia Woolfs Essays, Milan Kunderas Romane und die Fotogeschichten von Sophie Calle.

    Intellektuelle sollten mit Würde anerkennen, dass im Kampf um die Zeit und die Aufmerksamkeit der Menschen viel Wettbewerb herrscht. Ich stelle mir immer vor, dass ich für einen viel beschäftigten Arzt schreibe – also einen gebildeten, berufstätigen Menschen, der einen unglaublich anspruchsvollen Beruf hat und vermutlich nicht weiterliest, wenn ich ihm nicht dauernd Anreize liefere. Sich solchen Begrenzungen zu unterwerfen hat nichts damit zu tun, sich dem Markt zu ergeben, sondern ist nur ein Versuch, innerhalb von Grenzen zu arbeiten, wie Künstler es immer tun müssen. Man denke nur an Dichter.

    In der Welt der digitalen Medien herrscht eine starke Spannung: Einerseits gibt es so viel neues und interessantes Wissen – wir können so viel lernen. Andererseits erschwert das die Konzentrationen unglaublich. Es ist zu einfach geworden, ganze Tage damit zu verbringen, sich nur im Internet rumzutreiben und wissenswerte Dinge zu lesen. Mentale Disziplin, Ruhe, Fokus, das sind die neuen Errungenschaften und vielleicht auch die wahren Luxusgüter des digitalen Zeitalters.

    (Anm. d. Red.: Der Verfasser dieses Protokolls ist Autor der Bestseller Glück und Architektur, StatusAngst, Kunst des Reisens.)


8 Kommentare zu Schule des Ausbrechens

  • Wurden Schulen nicht zur gleichen Zeit erfunden wie Gefängnisse?
  • Marti Hinrichs am 04.02.2010 10:35
    zu:
    Intellektuelle sollten mit Würde anerkennen, dass im Kampf um die Zeit und die Aufmerksamkeit der Menschen viel Wettbewerb herrscht. Ich stelle mir immer vor, dass ich für einen viel beschäftigten Arzt schreibe – also einen gebildeten, berufstätigen Menschen, der einen unglaublich anspruchsvollen Beruf hat und vermutlich nicht weiterliest, wenn ich ihm nicht dauernd Anreize liefere.


    das mag sein, und vielleicht zähle ich auch zu Ihrer Zielgruppe, aber es ist doch immer ein sehr schmaler Grat zwischen "eingänglich schreiben" und "den Leser vor keine Herausforderungen stellen" - oder?
  • Darf ein Akademiker in den Massenmedien auftreten? Ausgeschlossen meinte eine junge Kunsthistorikerin aus Japan neulich zu mir. Ich war schockiert, wie unerbittlich sie ihre Position vertrat.
  • Stephan Schmitt am 04.02.2010 11:33
    @Marti Hinrichs

    Stimmt. Allerdings sollte die Herausforderung des Lesers kein Selbstzweck sein. Der Schreibende mag den Wettbewerb um Aufmerksamkeit ignorieren und so einen Teil der Leser mit schwer Verdaulichem abschrecken. Das gibt ihm vielleicht die Möglichkeit, komplexere Gedankengänge zu verfolgen, ist aber nicht per se besser. Es sollte die Herausforderung des Schreibenden sein, sowohl eingängig als auch tiefgründig zu schreiben.
  • Soul Surfer am 04.02.2010 14:49
    Schule = Gefängnis, okay. Gesellschaft = Gefängnis, deshalb fahren alle in den Urlaub, oder? Meine eigentliche Frage: Was ist Freiheit heute? Was ist die Freiheit zur Bildung?
  • @SoulSurfer: vielleicht die Freiheit, die sich jemand nimmt, um auszubrechen
  • Joerg Offer am 04.02.2010 16:39
    Der Vergleich mit dem vielbeschäftigten Arzt als Adressaten eines Textes, ist sehr interessant. Es gibt in letzter Zeit viele Hinweise darauf, wie gerade diese, ja eigentlich geistig ambitionierte und von starker Selektion in der Ausbildung betroffene Berufsgruppe, zunehmend in Hinsicht auf allgemeine Bildung, verblödet. Habe dazu selbst schon direkte Beobachtungen im Umfeld machen dürfen. Es gibt auch eine anonyme, ironische Kolumne eines jungen Arztes in der Neon, der beschreibt die Gründe recht anschaulich...
  • Sabine Waffender am 04.02.2010 20:54
    Ich arbeite zur Zeit an einem "Till Eulenspiegel"Projekt mit Grundschulkindern. Die Ideen Alain de Botton's finde ich dabei sehr inspirierend. Es ist schön, wenn man etwas bestätigt bekommt von einer bisher unbekannten Seite.

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