• Steht der Hype um die „Schlandkette“ für die Verflachung der politischen Debatte?

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    Kurz vor der Wahl trafen sich Bundeskanzlerin Merkel und ihr Herausforderer Steinbrück zum TV-Duell – die einzige direkte Begegnung der beiden in der heißen Phase des Wahlkampfs. Auch hier zeigte sich: Nicht die Inhalte stehen im Vordergrund, sondern Äußerlichkeiten wie die „Schlandkette“. Drohen politische Debatten zu verflachen wie in den USA? Der Politikwissenschaftler und Berliner Gazette-Autor Christoph Bieber kommentiert.

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    Die Kette, die Angela Merkel während des TV-Duells trug, hatte binnen kurzer Zeit einen eigenen Twitter-Kanal (@schlandkette) und selbstredend ein eigenes Hashtag (#schlandkette). Es gab Neuigkeiten im Minutentakt. Ein Mem war geboren.

    Dabei fiel auch der immer gerne bemühte Vergleich zu den (vermeintlich) flachen und nichtssagenden TV-Debatten in den USA, die ja immer gerne für eine (scheinbare) Verflachung des hiesigen Formates herhalten müssen. Auf den ersten Blick scheint die Aufregung um die rot-gold-schwarze Kette am Hals der Kanzlerin auch ganz gut in diese Amerikanisierungslogik zu passen, doch wenn man etwas genauer hinschaut, sieht es etwas anders aus.

    Die @schlandkette und ihre US-amerikanischen Verwandten

    Zunächst einmal ist die Aufmerksamkeitslenkung auf ein bestimmtes Detail der Debatte ganz und gar nichts untypisches für das TV-Format, das haben wir in den USA zuletzt etwa entlang der Hashtags #bindersfullofwomen oder #horseswithbayonets gelernt. In beiden Fällen haben die Begriffe eine große Online-Verbreitung noch während des jeweiligen Duells gefunden, entweder als Textbeitrag oder Bildcollage in den diversen sozialen Netzwerken.

    Von dort aus sprang das Interesse zurück in Richtung der “alten Medien”, die bei der Nachberichterstattung eifrig auf diese Netz-Eigentümlichkeiten hingewiesen hatten. Auch in 2008 hatte es ein solches Duell-Mem bereits gegeben, damals war ein (scheinbarer) Durchschnittsbürger unter dem Label Joe, the plumber in den Fokus geraten und hatte weite Teile der post-debate-debate auf sich vereinigt.

    Hinter allen drei US-Memen stand aber jeweils der Verweis auf bestimmte Einstellungen oder Themen eines der Kandidaten – die Aktenordner voller Frauen verwiesen auf die Versuche, weibliches Personal für das Wahlkampf-Team von Mitt Romney zu rekrutieren. Die spöttische Erwähnung von Pferden und Bajonetten diente Barack Obama zu einer Unterstreichung seiner modernen Militärpolitik und der Bloßstellung des Gegners. Joe, der Klempner stand schließlich als rethorisches Hinweisschild zum Narrativ des “einfachen Mannes” im Debattenraum, John McCain konnte damit gegen Obams Steuerpläne punkten.

    Wofür aber steht nun die @schlandkette?

    Sie ist nicht in erster Linie und konkret an eine bestimmte Erzählstrategie der Kanzlerin gekoppelt, die Kette ist formal zunächst einmal die vorauseilende Antwort auf die üblicherweise “staatstragende” Krawatte männlicher Duell-Teilnehmer (die wir zumindest bislang aber noch nicht in den Landesfarben gesichtet haben). Insofern ziehen solche Amerikanisierungs-Hinweise an dieser Stelle nicht, denn die @schlandkette ist im Vergleich zu #bindersfullofwomen, #horseswithbayonets und auch “Joe, the Plumber” noch das am wenigsten genau zuzuordnende Element in der Reihe.

    Sie ist allerdings auch nicht fehl am Platz und die durchaus starken Reaktionen im Netz zeigen, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlt hat. Die nationalfarbige Halskette war Teil der staatstragenden Inszenierung der Kanzlerin, die sie in vielen Fällen wortreich während des Duells wiederholt hat, etwa bei den zahlreichen Verweisen auf ihre Gespräche mit Politikern von Welt oder der wichtigen Rolle Deutschlands in Europa. Damit wird die @schlandkette zum Gegenstück der flagpins, den Anstecknadeln in Gestalt des Star-Spangled Banner am Revers männlicher Debattenteilnehmer in den USA.

    Anm.d.Red.: Foto von Christian Straub, cc by 2.0.


4 Kommentare zu Steht der Hype um die „Schlandkette“ für die Verflachung der politischen Debatte?

  • norbert am 06.09.2013 09:14
    den besten Kommentar auf diese Ketten-Sache hatte die BZ, der geht auf dem Cover ungefähr so: links die Schlagworte von NSU-Prozess bis NSA-Nethüllungen (insg. natürlich emotionalisierter) und man denkt, es ist die Inhaltsangabe der aktuellen BZ, ein echtes Stand-der-Dinge-Heft :) dann aber rechts ein Bild von Merkel und ihrer Kette und die Schlagzeile "...aber alle reden darüber"

    Will sagen: es gibt wichtige Themen, aber alle reden über eine Kette.

    Brauchen wir die BZ, um das auf den Punkt zu bringen?
  • norbert am 06.09.2013 09:15
    wer die BZ nicht kennt, ist eine Boulevardzeitung aus Berlin, die in der B.Z. Ullstein GmbH, einem 100%igen Tochterunternehmen der Axel Springer AG, :

    http://de.wikipedia.org/wiki/B.Z.
  • @norbert: aber ist das nicht heuchlerisch? ist die bz nicht genau so ein organ, dass sich lieber den dingen widmet, die uns ablenken, anstatt den wirklich kernigen problemen?
  • Julia Müller am 10.09.2013 10:31
    Besonders interessant finde ich, dass Merkel die Kette beim Duell nicht zum ersten Mal getragen hat, sondern auch schon zum Beispiel bei einer Gedenkfeier der Opfer der NSU.
    Vielleicht kann man die Kette als Symbol dafür sehen, dass sowohl Merkel als auch Steinbrück daran arbeiten sollten, solche Duelle oder auch andere Auftritte interessanter zu gestalten.

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