• Im Schatten des Kulturinfarkts

    Der Staat sollte sich zurückziehen, der Markt regelt alles – dieser neoliberale Grundsatz wird in dem vielfach diskutierten Pamphlet Der Kulturinfarkt nun auch auf die Kultur übertragen. Wieso sollte der Staat Kultur fördern, die die Gesellschaft nicht will? Wie frei bleibt Kreativarbeit mit staatlicher Förderung? Und aus welchen Motiven treten KünstlerInnen mit der Bitte um Unterstützung an den Staat heran? Politikwissenschaftler und Berliner Gazette-Autor Chris Piallat fordert eine Selbstverortung.

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    Ein Appell von “Kreativen” macht die feuilletonistische Runde. Stein des Anstoßes ist das Pamphlet Der Kulturinfarkt. Die aufreizend gemeinte, aber an sich wenig provokante These, dass zu viel Geld der Kultur schade, taugt nicht so recht als wirklich neuer Erregungsauslöser. Doch fassen wir kurz zusammen: Staatlicher Kulturförderung wird quasi jegliche Legitimität abgesprochen. In das Schema der reduzierten Kausallogik gepresst, impliziert das: Zuspruch der Masse ist Ausdruck guter Kultur. Doch das Kulturinfarkt-Argument geht weiter: Kultur, die nicht marktgerecht eine konstruierte Nachfrage bedient, also nicht einer quantifizierten Erfolgsmessung standhält, sei wegen dem mangelnden gesellschaftlichen Beitrag obsolet.

    Diese stumpfe Doktrin ist dermaßen selbstdiskreditierend, dass sie kaum einer Erwiderung bedarf. Dennoch sehen sich prominente “Kreative” genötigt, mit dem Appell zur Verteidigung der Kultur sich ihrer förderungswürdigen Daseinsberechtigung zu vergewissern. Ihre Position: Kulturliebe ist kein Selbstzweck. Der Staat wird in Anschlag genommen, er müsse aus eigenem Interesse heraus das meritorische Gut Kultur im Sinne des demokratischen Seins der Gesellschaft unterstützen. Die viel zitierten positiven externen Effekte, die von einer ausgeprägten und staatlich geförderten Kulturlandschaft ausgehen, werden zu Felde gezogen.

    Legitimation staatlicher Kulturförderung?

    Dies stark zu machen ist allerdings notwendig. Denn in letzter Konsequenz bedeutet Der Kulturinfarkt dies: Eine Gesellschaft kann sich keine Kultur leisten, die widerspricht, die agitiert, die in Frage stellt und es somit vermag, den eigenen Ernährer an den Pranger zu stellen. Unverkennbar ist die unausgesprochene Sehnsucht der Kulturinfarkt-Autoren nach der Fügung unter klaren Bedingungen, getreu dem Motto „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“.

    Es stimmt, die Frage muss immer wieder gestellt werden: Wer legitimiert wie staatliche Kulturförderung? Allerdings wird diese uniforme Diskussion um das Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Kultur kaum der realen gegenseitigen Durchdringung gerecht. Die hier eingenommene Institutionenperspektive greift zu kurz. Für die Betroffenen, für die “Kreativen“, gestaltet sich das Verhältnis zu staatlicher Förderung weitaus differenzierter, wenn sie ein gespaltenes Selbstverständnis zwischen freiheitlichem Künstlerethos und Selbstgouvernmentalität aushalten müssen.

    Regierbarkeit von Kreativität und Selbstverständnis

    Nehmen wir beispielsweise das in den letzten Jahren politisch vielfach reproduzierte Paradigma, attraktive Bedingungen für Kreativmilieus als weichen Standortfaktor zu schaffen. Oder den  Versuch, das Dogma des freien Künstlers hin zum wertschöpfenden Kreativarbeiter, beziehungsweise zum entgrenzten und subjektivierten Selbstunternehmer als Arbeitsideal der Dienstleistungsgesellschaft zu etablieren.

    All das zeigt: Staatliche Kulturförderung steht längst nicht mehr isoliert als finanzpolitisches Thema im Raum. Fragen nach der richtigen Kultursubvention werden der komplexen Situation nicht gerecht. Spannend ist nicht mehr, wie die staatliche Kulturpolitik als finanzielle Gießkanne der Kultur funktioniert, sondern mit welchem Selbstverständnis KünstlerInnen an den Staat herantreten und umgekehrt. Die berühmt gewordene These, nach welcher der Geist des Kapitalismus die künstlerische Kritik stets inkorporiert und durch diese Vereinnahmung entschärft, lohnt sich auch hinsichtlich der Beziehung zwischen KünstlerInnen und Staat zu überprüfen.

    Handeln selbsternannte Avandgardisten wirkich frei? Handeln sie überhaupt? Machen sich kritikfreudige KünstlerInnen nicht zu einem Teil jedweden City Marketings? Und wie ist es um das Verhältnis zum Staat bestellt, wenn Berliner Politiker einen Rettungsschirm für den Standortfaktor hippe Clubszene fordern und sich im gleichen Atemzug die Betreiber selbst eine Planungspolitik wünschen, die ihren eigenen Subkulturanspruch ins politische Stammbuch schreibt? Drückt das Begehren der freien Theaterszene, nicht nur eine Standbein-, sondern auch eine Spielbeinförderung zu erhalten, tatsächlich den Wunsch aus, vom Staat als saturierter dissidenter Biedermeier alimentiert zu werden?

    Besteht nicht gerade in der Bereitschaft, sich in die chronische Abhängigkeit von staatlicher und damit prosperitätsabhängiger Protektion zu begeben, die Gefahr, sich einem Wettbewerb um Anerkennung auszusetzen? Einem Wettbewerb, der in einer sich selbst limitierenden Reproduktion des (staatlich) Gewollten mündet? Macht sich damit (gesellschaftskritische) Kultur regierbar? Höchste Zeit für eine Selbstverortung.

    Anm.d.Red.: Chris Piallat moderiert am 9. Juni im BQV den Workshop Was wollen wir vom Staat? mit Beiträgen der Künstlerin Alice Creischer, des Kulturkritikers Diedrich Diederichsen und der Kulturmanagerin Inga Wellmann. Foto oben: Florian Reischauer (piecesofberlin.com).


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