• Im Hype-Museum: Sarrazin, Street View, WikiLeaks

    „Back / Caught you lookin‘ for the same thing / It’s a new thing – check out this I bring“, beginnen Public Enemy ihren Track „Don’t Believe The Hype“ von 1988. Es ist eine Warnung vor dem Mainstream. Vom Hype soll man sich fern halten, er gilt als Missstand. Und trotzdem folgt ein Hype auf den anderen. Zu dieser Jahreszeit kann man das gut nachvollziehen: Jahresrückblicke sind Hype-Museen.

    Sarrazin, Street View, Wikileaks. Alles interessante und (nach den zur Verfügung stehenden Kriterien) wichtige Themen. Dementsprechend aufgeregt und überschwänglich werden sie diskutiert, schnell haben sie sich überhitzt und wurden hysterisch – und den besten Nährboden bietet das Internet. Markus Spath meint sogar: „Vor allem das deutsche Web kann man mehr oder weniger vollständig als gigantische Disseminationsmaschine für Skandale/Aufregungen beschreiben.“

    Seltsam hat sich beispielsweise die Street-View-Debatte aufgeschaukelt. Befürworter und Neutrale haben sich erst nur gewundert über die Aufregung gegenüber dem Bilderdienst, sich dann aber doch auch aufgeregt über die Aufregung der Kritiker. Hype completed. Herm sagt: „Und so läuft das jedes Mal. Fernab von der gesellschaftlichen Allgemeinheit wird dann erstmal schön am Rad gedreht. Bevor sich einer die Zeit nimmt, das vernünftig zu erklären und die Vorzüge zu nennen, so dass es auch ein Normalsterblicher ohne statische IP-Adressen im Kopf versteht, werden komplett wirre Sachen ausgeheckt.“

    Informiertheit über Informiertheit

    Wie kann das sein? Vielleicht weil die vielen neuen, kleinen Sender, also wir mit unseren Updates und Blogs, so ausdifferenziert voneinander kommunizieren, dass man nie so genau weiß, was die anderen schon wissen. Lange bleibt undurchsichtig, wen man noch informiert und wen schon langweilt.

    „Die Anderen“ sind immer weniger eine homogene Gruppe. Die Tagesschau ist für jeden dieselbe, die Timeline aber für jeden eine andere. „Unterscheidungsroutinen, die Grade des Informiertseins beobachtbar machen, werden invisibilisiert“, schreibt Kusanowsky. Und so senden alle wie verrückt die „Neuigkeit“ bis es quasi schon zu spät ist und sich die News in ihr hässliches Gegenteil verkehrt hat und zum Hype geworden ist.

    Was hat uns der Hype zu sagen? Es steht und fällt mit der Frage, wer was weiß. Es geht um Informiertheit über Informiertheit. So gesehen ergänzt der Hype die Liste der Phänomene, die sich die Gesellschaft mit dem Internet zumutet. Im Gegensatz aber zu Datenschutz, Privatsphäre und Urheberrecht geht es nicht nur um die Unkontrollierbarkeit von Daten, sondern mehr noch um eine neue Unsicherheit darüber, wo welche Information schon sind. So funktioniert der Hype am Ende wenigstens als Indikator für Informiertheit und vielleicht auch als heilendes Fieber.

    Meine Top of the Pops der Alben 2010

    The Internal Tulips – Mislead Into A Field By A Deformed Deer
    Gonjasufi – A Sufi and a Killer
    Darkstar – North
    James Pants – Seven Seals
    Autechre – Oversteps


4 Kommentare zu Im Hype-Museum: Sarrazin, Street View, WikiLeaks

  • pokaface am 23.12.2010 12:04
    kluge worte! nur eines verstehe ich nicht, zum zweiten, oder zum dritten mal lese ich eine bestenliste der tollen musikalben aus 2010 und keine spur von stereolabs "not music"...
    http://pitchfork.com/reviews/albums/14838-not-music/
  • Krystian Woznicki am 23.12.2010 13:59
    @pokaface: ich kann mir das auch nicht erklären! aber du hast vollkommen recht! das album gehört in den top 5 olymp
  • Norma am 26.12.2010 17:30
    stereolab for president! und "no music" als soundtrack für allen künftigen paraden!
  • Jerome Kaiser am 27.12.2010 17:18
    Thumbs up für GONJASUFI, mein TopAlbum in 2010. Vom Hype verschon geblieben!

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