• Schnack mit Rocko Schamoni: „Ich lebe von der Ausbeutung meines eigenen Elends.“

    Rocko Schamoni ist Pop-Schriftsteller, Clubbesitzer, Theatermacher, Musiker und vieles mehr. Seit einigen Jahren schwimmt er auf der Erfolgswelle – mit Romanen, in denen Loser die Helden sind. Parallelen zu Schamonis Biografie sind kein Zufall. Unser Autor Fritz Habekuß hat ihn bei einer Lesung getroffen und versucht herauszufinden, wie man als Loser erfolgreich sein kann.

    Herr Schamoni, haben Sie sich schon mal aus Frust betrunken?
    Rocko Schamoni: Das kommt vergleichsweise regelmäßig vor. Um mich zu betrinken, finde ich ständig Gründe.

    Und warum zuletzt?
    Schlechte Laune.

    Momentan sind Sie aber doch ziemlich erfolgreich…
    Das sind zwei verschiedene Dinge. Schlechte Laune ist für mich ein koketter Oberbegriff für das, was man schwelende Depression nennt. Die kann man mit Alkohol ganz gut bearbeiten und peripher zur Seite schieben. Allerdings nur so lange, wie die Wirkung des Alkohols anhält. Danach beginnt genau das Gegenteil: Das Jammertal, das genauso tief ist.

    Die Helden in Ihren Büchern scheinen permanent in solchen Jammertälern zu leben. Etwa Sonntag, die Figur aus ihrem aktuellen Roman Sternstunden der Bedeutungslosigkeit. Bei Ihnen sind Loser die Helden.
    Für mich sind das keine Verlierer. Ich wüsste auch nicht, woran man das festmachen könnte. Normale Leute interessieren mich einfach nicht, ihre Erfolgskriterien spielen in meinem Leben keine Rolle.

    Haben diese Helden den „Normalos“ etwas voraus?
    Nach meinen Erfahrungen haben sie häufig einfach mehr zu erzählen, weil bei ihnen mehr Tiefen im Leben zu finden sind. Standard-Karrieren interessieren mich nicht. Mich reizt das Abwegige, das was im Schatten liegt.

    Ist der Schritt in diese Untiefen der Schlüssel zu Ihrem Erfolg?
    Ich lebe ganz eindeutig von der Ausbeutung meines eigenen Elends. Meine Bücher tun immer so, als wären sie autobiografisch. Was sie zum großen Teil auch sind. Dabei geht es mir um die Beschreibung und die Kritik am eigenen Standpunkt. Es geht darum, die eigene Sichtweise in Frage zu stellen.

    Hilft Ihnen das, Erkenntnisse zu gewinnen?
    Man muss sich doch nur mal Leute anschauen, die sich selbst, ihre Haltung und ihre Erfolgskriterien nicht infrage stellen. Ich glaube, die verpassen eine entscheidende Vertiefung der Erkenntnis. Durch die Infragestellung der eigenen Position, besteht die Möglichkeit zu reifen und zu lernen.

    Erweitert Alkohol den Horizont?
    Nein. Alkohol ist komplett erkenntnisfrei. Er ist nur eine Möglichkeit, die Lebenszeit anzuhalten. Das merkt man dann, wenn man sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern kann. Das heißt, dass die Zeit stehen geblieben ist.

    Apropos erinnern: Was war Ihr schönstes Scheitern?
    Ich sollte mal Moderator bei VIVA2 werden. Die haben ein Vierteljahr versucht, mich zu einem zu machen, der alte Videos präsentiert. Das hat nicht funktioniert, also bin ich nach Köln bestellt worden. Man hat mir gesagt, ich würde jetzt gefeuert und mir versprochen, dass ich 10.000 Euro kriege, wenn ich gehe. Ich hab mich total gefreut. Schon während des Castings habe ich mich dafür geschämt, VIVA2-Moderator zu werden.

    Haben Sie das überhaupt als Scheitern empfunden? 10.000 Euro sind doch ein guter Grund, das anders zu sehen…
    Am Anfang hatte ich schon die Hoffnung auf eine Karriere als Moderator mit einer eigenen Sendung und allem. Nach der Kündigung habe ich gedacht: „Weit haste’s ja nicht gerade gebracht.“ Das Schmerzpflaster war dann wirklich ganz okay.

    Gibt es das Glück des Scheiternden?
    Bei mir ist der Begriff nicht so negativ belegt, wie bei vielen anderen. Ich habe Scheitern immer als einen Ausweg gesehen. Während andere nur einem Ziel auf einem bestimmten Weg zusteuern, sehe ich auch die Seitenstraßen, die mich woanders hinführen. Das nennen dann viele Leute scheitern. Für mich ist es ein Weg um den Gipfel herum, den man eigentlich besteigen wollte.

    Woran liegt es, dass viele das Leben als Einbahnstraße ohne Nebenwege sehen?
    Ganz häufig sind Erfolgsmodelle an monetäre Inhalte gebunden. Es geht beim Erfolg häufig darum, in der Hierarchie aufzusteigen, oder viel Geld für irgendetwas zu bekommen. Karriere und Gehalt sind aber keine Inhalte, die mich interessieren.

    Sie interessieren sich aber für Erfolg. Sonst würden Sie doch nicht weiter auf die Geschichten von Gescheiterten setzen.
    Wenn man bei mir von Erfolg sprechen möchte, dann hat das etwas mit der Ehrlichkeit zu tun, sich selbst infrage zu stellen. Ich berichte darüber, dass ich ständig gescheitert bin und auch weiter scheitern werde. Der offene Umgang mit diesem gescheiterten Leben hat vielleicht eine sympathische Aura.

    Lebt es sich leichter mit der Erkenntnis, dass man wieder scheitern wird?
    Ich bin so oft gescheitert, dass ich nicht mehr erwartet habe, dass dabei noch irgendetwas rauskommt. Vom derzeitigen Erfolg bin ich selbst immer wieder überrascht. Deshalb sage ich auch jedes Mal, wenn wir im Kreis von Studio Braun (Schamonis Künstlertruppe, die Redaktion) über die nächsten Ziele sprechen: „Lasst uns mal ganz vorsichtig sein. Es kann jeden Moment dahin zurückgehen, wo wir hergekommen sind – in den roten VW Jetta mit den Beulen an der Seite.“

    Foto oben: Moritz Tschermak


10 Kommentare zu Schnack mit Rocko Schamoni: „Ich lebe von der Ausbeutung meines eigenen Elends.“

  • Frank Reichert am 27.02.2011 12:02
    Ein schönes Interview! Danke dafür. Ich kannte Rocko Schamoni bis jetzt noch gar nicht, wieder was gelernt.
  • Enrico R. am 27.02.2011 13:02
    Ist Rocko Schamoni ein richtiger Name?
  • Frau Marx am 27.02.2011 13:23
    Mir gefällt das auch alles, bis auf eine Sache: Immer geht es um Jungs. Wenn Jungs Loser sind, ist es irgendwie cool. Wäre die Hauptfigur im Roman eine junge Frau, würde es viel schwieriger sein, sie als coole Verliererin darzustelln, Oder?
  • Sanne am 27.02.2011 14:15
    Interessantes Interview, aber etwas kurz. Hätte gern noch mehr gelesen. Rockos Antworten sind auch eher knapp. @Fritz Ist er so ein Typ der kurzen, knappen Antworten oder kann man auch mit ihm plaudern?
    @Frau Marx: Da bin ich ganz Ihrer Meinung!
  • Tolles Bild!
  • Rainald Krome am 27.02.2011 23:23
    ich habe Rocko Schamoni einmal live erlebt, das muss inzwischen gut 20 Jahre her sein.

    Er stand auf der Bühne von irgendeinem Provinz-Klub, die Leute waren da - er, ein guter Entertainer.

    Das wars: Entertainment, ein bisschen labern, ein bisschen Musik machen, alles ganz lässig, scharmant, witzig.

    Seitdem er diese ganzen Bücher macht bin ich etwas überrascht. Aber vielleicht ist es ja eine gute Entwicklung in seinem Leben --- wenn man den Aussagen in diesem Interview trauen darf.
  • pokaface am 27.02.2011 23:27
    "Scheitern als Chance: Helmut Kohl war nicht nur der Kanzler mit der längsten Amtszeit. Er war auch ein Meister in der Kunst des Scheiterns: Seine Karriere begann und endete mit Niederlagen."

    ( http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,472387,00.html )

    "Das Donald Duck-Prinzip: Scheitern als Chance für ein neues Leben.

    Kurzbeschreibung

    Scheitern. Verstehen. Entfalten.

    - Scheitern: ein vielen Menschen vertrautes Lebensgefühl
    - Aus Niederlagen produktive Kraft und Motivation für Neues schöpfen
    - Ein Wegweiser durch die »Kultur des Scheiterns«
    - Eine Anleitung, gerade im Verlieren neue Chancen zu sehen

    Was er auch anpackt - alles geht schief. Hat er dann doch einmal ein bisschen Glück, zerrinnt es ihm schnell wieder zwischen den Schwimmhäuten: Donald Duck lehrt uns, was Scheitern ist. Doch er beherrscht »die Kunst, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird«, wie Winston Churchill es ausdrückte.

    Im Scheitern liegt der Aufbruch: Irmtraud Tarr weiß, welche Chancen und Potentiale im Scheitern liegen. Sie beleuchtet dieses Tabu-Thema und ermutigt, im Scheitern neue Lebensdimensionen zu entdecken. Ein wirklicher Rat-Geber, der sich durch sein fundiertes Konzept von der Masse schneller Versprechungen abhebt."

    ( http://www.amazon.de/Das-Donald-Duck-Prinzip-Scheitern-Chance/dp/3579069357 )
  • gefällt mir!
  • Nadja Zollmann am 02.03.2011 15:57
    Scheitern ist ein großes Thema in unserer Gesellschaft, ich musste sofort an Christoph Schlingensief denken, als ich dieses Interview hier sah (Scheitern als Chance" war doch sogar der Wahlslogan seiner Partei!).

    Doch das ist scheinbar nicht alles. Heute meldet die ZEIT mit der unfassbaren Titelschlagzeile:

    "Scheitern als Geschäftsmodell"

    Aus dem Teaser:

    "Google will wachsen und spuckt unaufhörlich neue Produkte aus. Viele davon sind unausgereift und floppen. Aber der Wahnsinn hat Methode – meistens zumindest."

    http://www.zeit.de/digital/internet/2011-03/google-flops
  • Fritz H. am 02.03.2011 22:41
    Liebe Leser,

    ich hätte auch gerne mehr Zeit mit ihm gehabt, leider waren mehr als 15 Minuten nicht drin. Überraschenderweise hat Schamoni ganz anders agiert, als man es erwartet hätte: Auf der Bühne ist er ein großartiger Entertainer, beim Interview war er ruhig und überlegt. Plaudern war insofern schwierig als dass er sich nicht auf die Definition von Scheitern eingelassen hat, mit der ich mich vorbeireitet hatte. Das ist einerseits eine Hauptaspekt des Interviews, hat es in der Kürze der Zeit aber schwierig gemacht, richtig nachzuhaken.

    In den nächsten Tagen erscheint an gleicher Stelle eine Rezension seines neuen Romans.

    Grüße vom Autor.

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