• Weltwirtschaft nachhaltig ändern: Gleichheit neu denken, Erben besteuern und nicht lamentieren

    Kritik an Weltwirtschaft und Finanzkrise kommt vielen heute leicht von den Lippen – nicht nur den Linken. Doch wie können wir die ökonomische Situation tatsächlich verändern? Der Blogger, Journalist und Aktivist Robert Misik weiß weiter. Nachdem er in seinem aktuellen Buch „Anleitung zur Weltverbesserung“ einen pragmatischen Ansatz entwickelt hat, erläutert er jetzt im Videointerview Maßnahmen. Auf die Frage WAS BLEIBT? antwortet Misik mit drei ganz konkreten Vorschlägen: Die Idee der Gleichheit muss wieder aufgewertet werden, geerbtes Geld muss radikal besteuert werden und last but not least: die Linken dürfen nicht ins Lamentieren verfallen.


33 Kommentare zu Weltwirtschaft nachhaltig ändern: Gleichheit neu denken, Erben besteuern und nicht lamentieren

  • die kritische Analyse des Begriffs "Gleichheit" finde ich besonders inpirirend. Dass Linke die Idee der Gleichheit nicht unbedingt verteidigen ist auf den ersten Blick verständlich (so dachte ich auch), auf den zweiten Blick kann man sich aber schon fragen: Wie sieht ein modernes Verständnis von Gleichheit aus?
  • Lieber Robert,

    ein Erbe ist ein Wert, der bereits besteuert ist. Das ist ein fiskal-ökonomische Tatsache. Etwas, was bereits besteuert ist noch einmal strafzubesteuern, hat nichts mit Gleicheit zu tun. Es ist schlicht und einfach Enteignung. Finden Salon-Sozialisten vielleicht toll. Ist aber in jeder Hinsicht ungerecht. In den kommunistischen Ländern waren solche Enteignungen an der Tagesordnung, aber diese Tagesordnung darf es nie mehr geben.

    Falk Madeja
  • Samson am 03.05.2011 18:58
    danke für diese Radikalität!
  • David Knoblich am 03.05.2011 19:37
    Sehr interessanter Beitrag, kann mich da aber nur Falk Madeja anschließen. Weiter stellt sich mir die Frage, wie die steuerlichen Mehreinnahmen gerecht verteilt werden können? ... Leistungsbezug? In Kombination mit dem bedingungslosen Grundeinkommen?
  • nadja f. am 03.05.2011 19:41
    schönes, hoffnungsvolles Schlusswort: Menschen, die bescheiden sind und glücklich. Das hat Zukunft!
  • Die Erbschaftsteuer ist eine der ältesten in der Geschichte nachweisbare Steuer. Sie wird anlässlich des Todes einer Person (des Erblassers) entweder unmittelbar vom Nachlass oder beim Erben von seinem Erwerb erhoben. In Deutschland wurde die Erbschaftsteuer einheitlich im Jahr 1906 eingeführt.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Erbschaftsteuer_%28Geschichte%29
  • @Falk Madeja #2: Kommunismus muss nicht Enteignung bedeuten, sondern zum Beispiel Teilen von allem was da ist. Warum sollte das nicht für die Erbe-Berge gelten? Warum nicht Umverteilung an alle, die es brauchen?
  • Xóchil A. Schütz via facebook am 03.05.2011 23:07
    Mir hat der kleine Vortrag von Robert Misik gefallen. Viele Thesen kenne ich bereits, einige seiner Gedanken waren neu für mich und interessant - dass eine Gesellschaft, die Freiheit postuliert, bestimmte Bevölkerungsgruppen gerade unfrei macht zum Beispiel. Danke für den Link zum Video & das Video selbst. Lasst euch nicht irritieren von den Ewiggestrigen.
  • Ben Blume via facebook am 03.05.2011 23:08
    Warum sollte ausgerechnet das Kind eines Reichen einen solchen Vorteil bekommen. Es hat nichts geleistet und nach dem Prinzip soll man ja angeblich Kohle haben. Letztendlich kann man nichts mit ins Jenseits nehmen. Man wird also vom Tod zwa...ngsenteignet, wenn man überhaupt von Enteignung sprechen will. Von da an gehen die materiellen Güter dann selbstverständlich an die Gesellschaft zurück. Und die 70% Erbschaftssteuer sollte man dann so sehen, dass die Gesellschaft großzügigerweise 30% den Nachkommen schenkt.
  • Frederic Valin am 04.05.2011 06:38
    Bei aller Sympathie für eine "kommunistische" (Misik) Erbschaftssteuer: was das für kleine und mittelgroße BEtriebe heißen würde, wäre das Aus nach einer Generation. Gleiches gilt für Hauseigentümer: wer eine Bäckerei oder ein Mehrfamilienhaus erbt, wird danach Reparaturen oder Neuanschaffungen nicht tätigen können, weil alles Kapital direkt in die Steuer fließt. Das heißt, diese Werte werden so schnell wie möglich in riesiger Zahl veräußert werden: Häuser an Investmentfonds, Bäckereien und ähnliches an Ketten, sowas wie Bauernhöfe wird es anschließend nicht mehr geben. Das tut sich doch keiner an. Wenn man sich erben leisten können muss, dann hört das bald auf, dass das mittlere Drittel noch "a bissl was" (wieder Misik) hat. Das heißt, die Gleichheit würde da dergestalt wachsen, dass jener mittlere Teil sich finanziell nach unten orientiert. Das ist auch politisch eine falsche, kontraproduktive Maßnahme, denn wenn man mehr Gleichheit propagieren will, wird es unermässlich sein, auch den mittelständischen Teil der Bevölkerung miteinzubeziehen und zu mobilisieren, um eine Veränderung jenseits von Heugabeln und brennenden Bergfrieden zu erwirken.
  • @Frédéric Valin: ist es wirklich ein Determinismus oder doch eher eine Frage der RICHTIGEN Gesetzgebung eben den mittelständischen Teil der Bevölkerung miteinzubeziehen? und nicht nach unten abrutschen zu lassen durch eine verschärfte Erbschaftssteuer?
  • Frobin Jojo am 04.05.2011 11:22
    @Falk Madeja: Ein schönes Beispiel für die kommunistische Variante von Godwin's law. Nur eben immer gleich mit der Totalitarismuskeule kommen, macht das Argument trotzdem nicht richiger ... es gibt Argumente für und gegen Erbschaftsbesteuerung ... aber eines ist blosse Besteuerung von ererbten Vermögen sicher nicht: kommunistisch!

    Kommunismus ist nämlich - genau wie Faschismus/Nationalsozialismus - von Grund auf eine totalitäre Ideologie, die keineswegs auf der Besteuerung oder Enteignung von Vermögen oder Eigentum basiert (das ist nicht originär kommunistisch) ... Kommunismus bedeutet Anti-Humanismus genau wie Faschismus ... Kommunismus ist nicht gescheitert, wurde nicht schlecht umgesetzt, ist nicht dumm gelaufen ... sondern war von Anfang an totalität und anti-humanistisch (zugegeben: besser "humanistisch" getarnt als faschistischer Totalitarismus).

    Fazit: Die Kommunismus-Keule im Zusammenhang mit der Erbschaftssteuer zu schwingen ist völlig unangebracht, pathetisch und kontraproduktiv für eine sachlichen Diskussion.
  • Frobin Jojo am 04.05.2011 11:39
    @DieRedaktion:
    ad "Kommunismus muss nicht Enteignung bedeuten, sondern zum Beispiel Teilen von allem was da ist."

    Kommunismus bedeutet genau das nicht - Kommunismus ist die Bezeichnung für eine totalitäre Ideologie. Und es wurde bereits vor über 20 Jahren in zahlreichen Debatten festgestellt (z.B. Francois Furet - "Das Ende der Illusion" - würde ich in diesem Zusammenhang wärmstens ans Herz legen), dass Kommunismus von Anfang an totalität war und ebenso eine anit-humanistische Bewegung ist wie der Nationalsozialismus/Faschismus. Die kommunistische Idee ist totalitär, nicht humanistisch ... war sie von allem Anfang an, sie ist nicht falsch/schlecht umgesetzt worden, nicht erst durch Stalin und den real existierenden Sozialismus "beschädigt" worden ... Kommunismus ist Totalitarismus (schön verpackt). Kommunismus ist nicht im Grunde ja eh humanistisch - ein linker Mythos!
  • Frédéric Valin via facebook am 04.05.2011 12:28
    Ist die Erbschaftssteuer nicht Gesetzgebung? Doch, wohl schon. In dem Sinn ist eine flächendeckende Erbschaftssteuer nicht der richtige Weg zu mehr Gleichheit.
  • @Frederic Valin: Gesetz ist nicht gleich Gesetz... es geht um die Inhalte von Gesetzgebungen... und über diese können wir streiten... debattieren...
  • @Frobin Jojo: es sollte doch möglich sein, alles erdenklich Gegebene so anzupacken, dass man sich die guten Seiten rausnimmt und die schlechten Seiten weglässt: das gilt auch für Kommunismus. Warum sollte man an einer Idee von Kommunismus festhalten, die mit Totalitarismus gleichzusetzen wäre?
  • @#13+16: Ganz unabhängig von Aneignungs- und Umdeutungsprozessen, ich frage mich und frage Euch, es gibt immer verschiedene Ideen von einer Sache, so gab es auch schon immer verschiedene Ideen von Kommunismus... oder? Nicht nur DIE EINE IDEE VON KOMMUNISMUS...
  • Mallbert van Torff am 04.05.2011 12:42
    Sobald irgendjemand auch nur die Idee einer Erbschaftssteuer in den politischen Diskurs einwirft, kommen postwendend schon die düsteren Prophezeiungen vom Ende der klein- und mittelbetrieblichen Wirtschaft retour. Einmal mehr wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Eine progressiv angelegte Erbschaftssteuer, die sich primär an privat angehäufte Vermögen richtet, sich also nicht an aktiv im wirtschaftlichen Kreislauf befindlichen (Anlage-)Vermögen vergreift, hätte ganz und gar keine Folgen für jenen Wirtschaftsbereich. Ist man so wie ich ein Anhänger der keynesianischen Nachfrageökonomie, dann sieht man hier eine Umwälzung, die der Kaufkraft in einem Land und damit seiner Wirtschaft wiederum nur zugute kommen wird. Der rooseveltsche New Deal, den Robert hier herangezogen hat, dient als eindrucksvolles Beispiel. Man kann allerdings auch einmal mehr dem jetzt schon 30 Jahre anhaltenden Irrwitz der Angebotsökonomie verfallen und glauben, angehäufte Vermögen würden ja ohnehin nur in neue Investitionen (ergo mehr Arbeit, mehr Wohlstand) fließen. Wenn dies denn tatsächlich der richtigere Ansatz wäre, warum sprechen die harten Daten (Arbeitslosigkeit, Reallöhne, Vermögensverteilung) seit 30 Jahren dagegen? Die Frage der Erbschaftssteuer ist nicht also nicht in ihrem Prinzip zu diskutieren. Sie ist in ihrem Design, an ihrer konkreten Ausformung, an ihrer Treffsicherheit (Stichwort: betriebliches und privates Vermögen) zu diskutieren.

    Selbiges gilt übrigens auch für eine Vermögenssteuer. Ich erinnere mich da ganz gut an die österreichischen Budgetdiskussionen in den letzten beiden Jahren, wo die Idee einer bescheidenen Vermögenssteuer (die gar keinen unähnlichen Effekt wie die Erbschaftssteuer hätte) ab etwa €300.000 seitens der Schwarzen als Existenzkiller für sämtliche Klein-Häuslebauer am Land dargestellt wurde. Dass es sich in diesem Bereich um marginalste Beträge gehandelt, eine progressive Steuer also erst bei weit höheren Vermögen gezogen hätte, wurde bei aller Angstmache schnell unter den Teppich gekehrt.
  • Robert Misik via facebook am 04.05.2011 16:11
    ich hab ja nirgendwo für eine erbschaftssteuersatz von 70% plädiert, sondern nur darauf hingewiesen, dass es einen in den USA in dieser höhe einmal gab. und das war nicht kommunismus, sondern kapitalismus, lieber falk. USA! Die kommunisten waren anderswo. Das hieß Sowjetunion. Würde man mich also fragen, würde ich für eine Erbschaftssteuer irgendwo zwischen 0 und 70 Prozent plädieren, da ist ja bissi Luft dazwischen. Und gern auch different zwischen Finanzvermögen und Immobilienvermögen und Anlagevermögen, und auch nur über einer freigrenze von, sagen wir, 500.000 Euro.

    das argument, steuern auf erben wären enteignung, ist ziemlich wahnwitzig. weil, ein arbeitnehmer, der 50 Prozent SPitzensteuersatz zahlt, ist ja auch "Besitzer" dieses Einkommens und das wird ihm "enteignet". Also, das Enteignen des Gehaltsbeziehers ist schon okay, aber das des Erben nicht? Sehr eigentümliche Logik. also, dieses argument geht nur, wenn man insgesamt für einen minimalsstaat plädiert, der KEINE steuern einhebt.

    dass geerbtes geld vermögen ist, das ja schon mal besteuert wurde - ja, und? ein lohnempfänger, der einkaufen geht, zahlt jeden Tag Umsatzsteuer, also, er zahlt Steuer mit seinem Geld, das schon einmal besteuert wurde. Warum ist es in dem Fall okay, in einem anderen aber nicht?
  • Miran Alic ‎via facebook am 04.05.2011 16:13
    1. Weil wenn ich mit dem Geld welches besteuert an mich verebt und dann nochmal besteuert wird für den Fall eines Einkaufs ein drittes Mal Steuern zahle. (gut reicht vll nicht aus).

    2. Weil ich im Falle eines Einkaufs einen Tausch eingehe ...der versteuert wird und dafür etwas bekomme. Warum muss ich für etwas wofür der Tote (also sein Wille) nichts mehr bekommt (also sein Wille nicht gänzlich erfüllt wird) Steuern zahlen? Es ist ja kein Tausch vollzogen worden sondern nur ein Transfer von sauberem, versteuertem Geld.

    3. Ich meine auch Schenkungssteuer ist meiner Meinung nach schwer nachzuvollziehen. Wenn ich meinem Bruder/schwester/Typen von neben an mein Geld schenken will, dann soll er es auch bekommen und fertig und nicht nochmal versteuert werden.
  • sven pape am 05.05.2011 07:23
    @Frederic Valin

    Hey Frederic,

    deine Aussage stimmt nicht so ganz, da du nicht berücksichtigst, wie (!) eine Erbschaftssteuer erhoben wird.

    Man kann ja analog zur ehemaligen, nicht-einheitlichen Körperschaftssteuer bei Betrieben z.B. zwischen thesaurierten (im U. verbleibende Gewinne) und nicht-thesaurierten Gewinnen (Barauszahlungen)unterscheiden, und das durch unterschiedliche Steuersätze lenken. Ist auch gar nicht so lange her, dass Gewinne, die im U. verblieben, deutlich niedriger besteuert wurden. Warum sollte das bei einer Erbschaft nicht gehen? Man könnte es sogar auf die Spitze treiben, indem man bei Betriebsvermögen überhaupt nicht besteuert und sehr hohe Steuern beim privaten Vermögen erhebt. Immobilien genau dasselbe; dazu müsste man das aktuelle Erbschaftsrecht wahrscheinlich nur geringfügig ändern, indem man einfach unterscheidet zwischen privatem und gewerblichen Immobilienvermögen, und diese auch wieder unterschiedlich besteuert. Die unterschiedliche Besteuerung macht es nicht einfacher, aber - richtig durchgeführt - deutlich gerechter...

    Richtig ist auf jeden Fall, dass die Kapitalakkumulation (!) das Hauptproblem darstellt. Genau dadurch entsteht die Schere: Reiche werden immer reicher, Arme immer ärmer. Und genau da muss man ansetzen. Eine zweite, nicht erwähnte Möglichkeit wäre übrigens die automatische Entwertung von nicht investiertem Kapital - soz. Negativzinsen. Statt Zinsen für Erspartes zu kassieren würden die Sparvermögen dann an Wert verlieren... Auch ne nette Idee.
  • Liebe Frau Taube,
    die Idee der Gleichheit haben wir vor ein paar Wochen aufgegriffen und sind dabei eine Genossenschaft zu gründen, die sich Nachhaltigkeit und neue Lernformen auf die Fahne geschrieben hat. Wir bieten noch vielen Menschen die Möglichkeit zur Mitwirkung.
    Zu erben gibt es später nichts, weil ich irgendwann tot bin, aber die Genossenschaft weiterlebt.
    Wir nennen uns übrigens "Allmende2" in Anspielung an das Gemeinschaftsland eines Dorfes in Verbindung mit den neuen Möglichkeiten des Web 2.0. Klingt nicht nur spannend - ist auch so!

    Liebe Grüße

    Udo Lindner
  • ... Da hatte sich wohl ein falscher Buchstabe eingeschlichen. Der Zugang zur Website läuft über www.allmende2.de

    UL
  • Magdalena Taube am 06.05.2011 16:10
    @Udo Lindner: Vielen Dank für den Hinweis! Schau ich mir gleich mal an.
    Was denken Sie persönlich über den von Misik angesprochenen Punkt, dass die Idee der Gleichheit bei den Linken etwas in Verruf geraten ist?
  • Liebe Frau Taube,

    es fällt mir schwer, "die Linke" zu beurteilen, allerdings glaube ich, dass es eine allgemeine Sehnsucht nach "Gerechtigkeit" gibt. Für mich (und andere) bedeutet Gerechtigkeit, nicht alles gleich, sondern gleiches gleich und ungleiches ungleich zu behandeln! Auch in den Schulen (oder wie ich in der Erwachsenenbildung) geht es verstärkt um einen Abschied vom "Lernen im Gleichschritt" zu einer Individualisierung der Lernprozesse (und letztendlich der Lebensentwürfe). Ich vermute, dass sich auch Linke der Tatsache von "Diversity" nicht verschließen können.
    Die Welt ist komplexer geworden und die Einsicht ist gewachsen, dass wir auf Komplexität nicht mit Vereinfachung antworten sollten, sondern dass komplexe Probleme auch komplexe Lösungen verlangen. Das ist - leider - Wählern nicht so gut zu verkaufen...

    Liebe Grüße

    Udo Lindner
  • Ein Gedanke zur zur Erbschaftssteuer: Der Grundgedanke des Steuersystems ist die Besteuerung der Leistungsfähigkeit des Besteuerten. Je höher das Einkommen, umso geringer der notwendige prozentuale Anteil für die Grundversorgung, also umso mehr Geld ist übrig, eine höhere Steuer verkraften zu können. Jemand mit einem großen Erbe kann auch mehr "verkraften". Die Gesellschaft muss das aber nicht notwendigerweise auf einen Schlag "einheimsen", könnte ja auch mit einem fiktiven Zuschlag auf zukünftige Einkommen reagieren. Das würde die zukünftige Leistungsfähigkeit mit berücksichtigen...
    Mich stört übrigens immer diese fatale Vermischung der Begriffe. Kapitalismus, Marktwirtschaft, Neoliberalismus wird so gerne gleich gesetzt. Eine soziale Marktwirtschaft wird sehr wohl gesteuert, Ordoliberalismus hat sehr wohl gesellschaftliche Ziele und ist weit von Turbokapitalismus entfernt. Die Frage ist doch: haben wir überhaupt eine vernünftige Definition für Wohlstand und hat der Staat eine Zielvorstellung, ein Konzept? Anscheinend nicht, und daher ist auch nicht klar, wohin gesteuert werden sollte - und wie. In Deutschland werden doch immer wieder sinnvolle Marktmechanismen aus opportunistischen kurzfristigen Zielen (Wahlen) ignoriert. Schade, könnte man besser machen.
  • @Udo Lindner: "es fällt mir schwer, "die Linke" zu beurteilen,"

    ganz recht "DIE LINKE" ist eine Partei und was aber hier damit gemeint ist, das ist was ganze anderes und NICHT homogen wie eine Partei, wenn eine Partei überhaupt homogen sein kann, in Wahrheit wird das doch nach aussen hin nur vorgetäuscht, damit man eine Linie hat und sich abgrenzen kann gegen+ber anderen Parteien: Identität!
  • @Udo Lindner Kommentar#25: Die Frage nach Gleichheit und Gerechtigkeit ist sehr grundlegend, da stimme ich mit Ihnen überein. Das Thema Bildung, dass sie in diesem Zusammenhang aufbringen, ist enorm wichtig - ich finde es auch spannender als über Erbschaftssteuer zu diskutieren :)
    Was nun die Bildung angeht: Wie kann Bildungsgerechtigkeit in unserer Gesellschaft hergestellt werden? Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt hat aber eklatante Probleme damit, diese Gerechtigkeit (oder Gleichheit) herzustellen. Ihr Vorschlag, auf komplexe Probleme mit komplexen Lösungen zu antworten, kann ich nur zustimmen. Andererseits tut sich auch hier wieder das Problem auf: Wir wollen die Lernenden individuell behandeln - das verstehe ich. Aber kommt man nicht auch ganz schnell in eine Argumentation, die aus der Wirtschaft nur allzuvertraut ist: "JedeR ist seines/ihres Glückes Schmied?"
    Wie schaffen Sie es in Ihrer Arbeit in der Erwachsenenbildung diese Gratwanderung zu meistern?
  • @all: ein Aspekt, der am Ende des Videos kommt, ist auch interessant und diskutierenswert: Wie sieht es eigentlich mit der so genannten "kreativen Klasse" in diesem Zusammenhang aus? Was kann diese Klasse dazu zu mehr Gleichheit beitragen?
  • Frobin am 10.05.2011 09:47
    @Die Redaktion: Also lieeeebe Redaktion, sorry jetzt mal ... aber die Antwort da drauf ist ja wohl noch schlimmer ... auch wenn ich schon weiß, wie ihr das meint (nämlich hoffentlich eh nicht so schlimm), aber trotzdem ein wenig nachdenken und sich doch ein wenig mit Ideengeschichte und Geschichte an sich beschäftigen (das kann man von einer Redaktion einer Zeitung wie dieser doch erwarten, oder?) ...

    denn folgende Antwort der Redaktion:

    "es sollte doch möglich sein, alles erdenklich Gegebene so anzupacken, dass man sich die guten Seiten rausnimmt und die schlechten Seiten weglässt: das gilt auch für Kommunismus. Warum sollte man an einer Idee von Kommunismus festhalten, die mit Totalitarismus gleichzusetzen wäre?"

    ... also diese Antwort ist sowas von blauaäugig und naiv ... aber vor allem: genau DAS ist die Argumentation von EWIGGESTRIGEN aus dem rechtsextremistischen und rechtsradikalen und rechtspopulistischen Lager, die immer wieder betonen ... der Nationalsozialismus war ja gar nicht so schlecht ... ja gut, der Krieg und der Holocaust war halt blöd ... aber den Holocaust blendet man aus ... also die ganzen schlechten Dinge ... dann war's eh ok.

    Das gilt auch für den Kommunismus ... ebenso totalitär, ebenso von Grund auf schlecht ...

    Vielmehr geht es darum, nicht ständig Ideen, die genausogut "sozialistisch", "sozialdemokratisch", "kommunitaristisch" oder wie auch immer bezeichnet werden könnten dem Kommunismus zuzuschreiben (nur weil der sich diese Ideen pseudo-mäßig als Feigenblatt auf sein totalitäres Programm geheftet hat) ... es geht darum diesen alten (nicht originär kommunistischen) Ideen ein neues Label zu verpassen ... nicht dauernd den Kommunismus, der historisch und von der Idee her ganz klar totalitär ist, versuchen neu zu positionieren ... und damit zu verharmlosen!



    Wohlgemerkt hat das nichts mit dem ursprünglichen Kommentar zu tun ... in dem ich eigentlich angemerkt habe, dass eben eine Besteuerung von Erbsschaft und Vermögen eben nicht mit Kommunismus gleichzusetzen ist!!!
  • Rainald Krome am 10.05.2011 10:30
    @Frobin: ich habe das ganz anders verstanden, da ich auch die unterschiedlichen Diskussionen verfolgt habe, die in der Berliner Gazette zum Thema Gemeinschaft und dem Gemeinsamen gelaufen sind. Es gibt eine Reihe von Denkern, die in diesem Zusammenhang Reibungsflächen bieten für eine Renaissance des Kommunismus: Slavoi Zizek, Alain Badiou, Jean-Luc Nancy, Roberto Esposito, Toni Negri, etc.

    Und es geht dabei eben nicht um Kommunitarismus --- sondern vielmehr um eine starke, harsche Kritik daran.
  • @Frobin & Rainald: Wenn wir von "Kommunismus" sprechen, dann geht es tatsächlich auf unser Jahresthema "minimum" zurück:

    ( http://berlinergazette.de/feuilleton/protokolle/minimum/ )

    und insgesamt einen philosophischen Ausgangspunkt für Beschäftigung damit, die eine Neubestimmung initiieren will, davon was darunter verstanden werden könnte - in Zukunft.

    Wir haben kürzlich auch einen Beitrag veröffentlicht, der von einem Philosophen aus Japan stammt, geschrieben unter dem Eindruck der Folgen von "3/11", auch hier wird die Idee des Kommunismus ins Spiel gebracht und meint tatsächlich auch nicht ein historisches Gesellschaftssystem, das restauriert werden soll, sondern eine Idee von Gesellschaft, die mal angedacht wurde, aber so noch nicht verwirklicht werden konnte. Hier geht es zum Text:

    http://berlinergazette.de/karatani-kapitalismus-katastrophe-neubeginn/
  • Frobin am 13.05.2011 12:37
    @Die Redaktion & Rainald:
    Grundsätzlich verstehe ich den Gedanken durchaus (hab ja oben eh erwähnt, dass ich schon ... in etwa ... weiß wie ihr das meint). Es ging mir im Wesentlichen um diese "Romantisierung" des Kommunismus, die schon sehr früh bei westlichen "linken Intellektuellen" vorherrschend war (schon während des Kalten Krieges), wonach der Kommunismus eben ein gescheitertes Experiment sei ... im Grunde eine gute Idee, aber eben korrumpiert durch Stalin etc. - die Totalitarismusforschung hat diese Sichtweise mehrfach falsifiziert ... Kommunismus war schon immer von Grund auf totalitär.

    Natürlich stimmt es, dass ein neues Gesellschaftssystem, das im Gegensatz zur Ungleichheit des herrschenden Systems steht, dringend angedacht werden muss ... dass dem neoliberalen oder marktextremistischen, rechten Gesellschaftsmodell wieder ein linker, egalitärer Gesellschaftsentwurf entgegengestellt werden muss, der Staat und Politik (also Gesellschaft) wieder ins Zentrum rückt (und den Markt wieder richtig positioniert) ...
    ... nur ist hier eben nach wie vor dieser romantische Blick auf den Kommunismus auch bei den Intellektuellen vorherrschend ... immer wird auf eine totalitäre Ideologie referenziert ...
    ... wäre es nicht auf der anderen Seite sehr, sehr fragwürdig, wenn die Prediger der "Leistungsgesellschaft" plötzlich sagen würden: Der Faschismus ist gescheitert, aber im Sinne einer starken, leistungsfähigen Gesellschaft müsste man ihn neu erfinden? Das wär doch (verständlicherweise) völlig inakzeptabel?

    Was ich hier also aufzeigen wollte, ist diese eigenartige Romantisierung einer totalitären Ideologie durch "die Linken" bzw. durch "linke Intellektuelle" - die gleichzeitig bei viel geringeren Reminiszenzen in Richtung der anderen totalitären Ideologie (Faschismus/Nationalsozialismus) immer sehr aufgeregt sind.

    Warum nicht Bezug nehmen auf Traditionen des Sozialismus oder auf die soziologischen Thesen von Marx (nicht den Marxismus) ... warum auf den Kommunismus (also auf Lenin, Trotzki, ... whoever)?

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