• Risse aus Licht

    Die Fingerspitzen der ausgestreckten Hand sind fast nicht zu sehen. Alles dahinter verschwindet in Dunkelheit. So duerfte ein Mensch die Welt wahrnehmen, der gerade erblindet. Die Sinne entfalten sich im Feld des Hoerbaren: Stimmen, ein rauschender Fluss, emsige Insekten, schleichende Tiere, der atmende Wald, der ruhelose Wolkenhimmel.

    Die Ohren haben Augen, denen nichts entgeht. Joseph Conrad beschreibt in seinem zweiten Roman die Nacht in Borneo als Grenzerfahrung. Doch nicht nur Finsternis fordert das Subjekt heraus, sondern auch ein nahendes Morgengrauen. Bald wird es hell – wie wird die Welt aussehen? Wie wird das Auge der Ohren, das die Fantasie ist, mit der Konkretion klarkommen?

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    Laengst hat man sich an die Dunkelheit gewoehnt. Nun kommt aber troepfchenweise Licht ins Spiel. Wie ein unendlich zart gepixelter Regen, der in ewiger Verzoegerung auf die Welt niederprasselt, unsichtbar, selbst nur Traeger einer Energie, die unter den Oberflaechen der Objekte Leuchtkoerper aus dem Schlaf erweckt, welche verpennt und gaehnend erste Risse auf den Oberflaechen erzeugen – Risse aus Licht. Dieser Uebergangszustand ist von Dauer. Nicht die bevorstehende Helligkeit, sondern dieses Dazwischen will der literarische Text erkunden, scheint es doch wie nichts anderes die Verfasstheit seiner Welt zu spiegeln, einer Welt, die Fragment ist und bleiben will. In aller Totalitaet.

    Wer die Fingerspitzen der zum Schreibgeraet ausgestreckten Hand nicht sieht, weiss: Alles kann so oder auch anders aussehen – die Risse aus Licht verweisen in unendlich viele Richtungen. Dieser Schwebezustand artikuliert das Unfertige nicht als das Ungeborene. Auch nicht als etwas, das auf halbem Wege seiner Entstehung fallen gelassen wurde. Vielmehr ist das Fragment das grosse Ganze, welches seine Vollendung im Werden findet. Ein (literarischer) Text, der das Fragmentarische atmet, ist abgeschlossen nur insofern er diese spezifische Dynamik zu entfalten vermag. Dies waere uebrigens auch die Literarizitaet von Texten, die dem Selbstverstaendnis nach etwas anderes sind als Literatur.


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