• Dreckige Netzwerk-Techno-Welt

    Unsere Kultur ist digital. Das wird leider immer vergessen, wenn Forderungen nach „mehr Kultur“ oder „mehr Geld für Geisteswis- senschaften“ laut werden. Jüngstes Beispiel für diese Amnesie ist Martha Nussbaums Manifest für die „liberal arts“. Technik kommt in ihrem Kulturbegriff nicht vor.

    Es ist leicht, Martha Nussbaums neuem Manifest-Essay Not for Profit zuzustimmen. Ja, eine Demokratie braucht die Geisteswissenschaften. In unserer Gesellschaft wird zu viel Wert auf wirtschaftliches Wachstum gelegt, und das Bildungssystem ist nicht in der Lage, diesen Trend auszugleichen. Wir brauchen mehr Musikunterricht, Theaterkurse, Literatur, Fremdsprachen (wenigstens in Ländern wie den USA oder Japan) in Grund- und Oberschulen.

    Durch die New Media-Brille betrachtet

    Aber aus einer kritischen New Media-Perspektive betrachtet, bin ich nicht sehr angetan von diesem liberal arts-Modell. Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass holistische All-Rounder mit vielen Betätigungsfeldern unsere schwächsten Studenten sind. Wieso? Wieso führt so eine allgemein ausgerichtete Erziehung dazu, dass Kinder überhaupt nicht mehr wissen, was abläuft?

    Die Verfechter des besagten Modells behaupten, dass ihre Studenten keine Studienabbrecher und Abstürzler sind und bessere Menschen werden. Das könnte sein. Aber was ihnen fehlt ist ein grundsätzliches Interesse daran, was in dieser Gesellschaft passiert. Ihnen fehlt die Leidenschaft für die Politik und die Kultur dieser verschissenen technoiden Gesellschaft. Viele von ihnen sind gegenüber Programmiersprachen und Code gleichgültig eingestellt, wenn nicht gar feindselig. Respekt.

    Und was ihnen fehlt ist ein Projekt. Natürlich möchten sie keine altmodischen Aktivisten sein. Kunststudenten können aber auch nicht einfach „kreativ“ sein, weil das zu kommerziell wäre. Bestenfalls sind sie für eine Weile „alternativ“, aber niemals direkt offensiv gegen die Autoritäten. Darüber spricht Martha Nussbaum nicht, natürlich.

    Das Technologische in den Geisteswissenschaften herauskehren

    „Not for Profit“ stellt keine strategischen Fragen. Es reicht nicht länger aus, für mehr Kunst und Geisteswissenschaften einzutreten, einfach so, ohne Programm, ohne Seele, ohne Verbindung zu dieser dreckigen Netzwerk-Techno-Welt, in der wir leben.

    Der multidisziplinäre Ansatz, der hier gefeiert wird, ist eine Lüge, denn die Gesellschaft ist nicht multidisziplinär. Die Naturwissenschaften werden nicht kritisiert oder attackiert. Ihre dominante Position, was Fördergelder angeht (85%), wird nicht in Frage gestellt und ihre Verbindung zur Welt der Corporations nicht erwähnt. Stattdessen hören wir nur ein charmantes Plädoyer, den Geisteswissenschaften, doch bitte bitte mehr Geld zu geben. Aus Schwäche, nicht aus Witz oder Ironie.

    Für Martha Nussbaum sind Kunst und Geisteswissenschaften eine Kompensierung für die „Kultivierung von Technik“. Anstatt für die „freien Künste“ zu kämpfen, schlage ich als Gegenmittel vor, das Technologische in den Geisteswissenschaften herauszukehren und damit zu spielen. Und somit Technik und Geisteswissenschaften nicht mehr länger als Oppositionen zu betrachten. Zur Malerei gehört Technik, ebenso zum Tanz. Das sind elementare Einsichten der Medientheorie, die aber offenbar nicht von allen geteilt werden.

    Nachdenkliche Bürger drücken sich in Einsen und Nullen aus

    Wir können Kunst und Geisteswissenschaften nicht länger unkritisch in einer Art Schachspiel benutzen, das wir gegen wirtschaftliche Interessen spielen. Viel von dem, was heute unterrichtet wird, sind staubige Erinnerungen einer vergehenden bourgeoisen Mittelklasse, die bedroht wird von Massenkultur, Konsumismus und Globalisierung.

    Teile dieses Lehrplans sind zutiefst anti-technisch – unbewusst und unausgesprochen, eher dem Gefühl nach, nicht als Programmatik. Martha Nussbaum hat es geschafft, Fernsehen, Computer oder das Internet kein einziges Mal zu erwähnen. Aber was sagen die Geisteswissenschaften zu diesen Entwicklungen?

    Selbstverständlich eine Menge. Unsere Kultur ist digital. Das muss Teil unserer Gleichung sein. Wir dürfen nicht einfach nur niedere profitorientierte Motive für all das Schlechte in der Welt verantwortlich machen. Wir können uns nicht länger nur auf unsere Vorstellungskraft verlassen. Diese Vorstellungskraft has gone technical. Nachdenkliche Bürger drücken sich selbst in Einsen und Nullen aus. Aber diese banale Beobachtung muss immer noch Teil einer Philosophie werden, wie Nussbaum sie vertritt.


5 Kommentare zu Dreckige Netzwerk-Techno-Welt

  • [...] translation of this blog posting here on the Berliner Gazette [...]
  • Thank you for this - as always - precise & adequate critique!

    *

    But:

    Weren't there numerous efforts of the humanities to integrate the so-called >New TechnologiesNew MediaNew Technocultural Practices< into the curriculum? Since the Mid-1980s and 'til the late 2000s?

    In my view all these efforts did perish (or at least fade out into more or less radical-erratic special cases) because they did (again) install a (fruitless) confrontation between Les Anciens et Les Modernes.

    That is futile in my view - if you want to integrate a new curriculum, a reformed syllabus or new strands into an institution (such as the academia).

    *

    Wouldn't it be much more fruitful to addd some of those practices you mentioned or insinuated (science & technology studies, economical analysis, sociological analysis, algorithmic programming etc.pp.) into the classical corpus or canon of the liberal arts?

    Couldn't we just simply *claim* that all these practices and forms of knowledge *are* nowadays actually part of a sincere and profound (if not bourgeois ;) ) knowledge?
  • Yossi Cohen am 05.07.2010 17:24
    Ich sehe das ja auch alles so: Aber wo kann ich als Geisteswissenschaflter Code lernen? Speziell auf meine Bedürfnisse zugeschnitten?
  • richtig, da ist zuviel Nostalgie für eine gestrige Ära in den Köpfen der Pauker, Policy Maker und Pupils. Und sie sehen zu wenig, wie wichtig Technologie, Medien und Computer im Speziellen, natürlich damit auch Massenkultur, für die Gesellschaft schon immer waren.

    Aber:

    Wir haben hier kein Problem mit All-Roundern.

    Es sind doch gerade die All-Rounder, die keine Berührungsängste mit all den gesellschaftlichen Bereichen, die technologisch durchtränkt und verschränkt werden, ja: die im Zuge dessen sich neu definieren.

    Das Ausmaß dieses Prozesses muss man erst fassen können,
    und das können All-Rounder wohl am besten.
  • [...] des alten Geschäftsmodells mit seiner aus den 1990er Jahren stammenden Ideologie eines libertären Technokapitalismus. Der einzige Erkenntnisgewinn liege demnach darin, “dass die Leute nicht wegen E-Commerce ins [...]

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