• Horzon und Lobo: Ernsthaftigkeit, Eigenwerbung und andere ironische Gebrechen

    Der SPIEGEL feierte Rafael Horzon und Sascha Lobo kürzlich als die „Erfinder von Mitte“. Abgesehen davon gibt es noch andere Gemeinsamkeiten: In ihrer Eigenschaft als Unternehmer sind sie beide Komiker mit ausdruckslosem Gesicht. Und bei der Werbung, die sie für sich selbst und ihre Unternehmungen machen, gehen sie so ernsthaft und professionell wie ein Chirurg bei der OP vor. Kann man sich bei so viel Theater überhaupt noch auf die Debüt-Romane konzentrieren, die sie gerade veröffentlicht haben?

    Ich hatte etwas Mühe die Kunststofffolie zu öffnen, die sich hauteng um den Buchblock im Format von einundzwanzig mal dreizehn Komma zwei mal zwei Komma vier Zentimetern gelegt hatte. Dann lag es vor mir. Es roch gut und frisch, Autorenname und Buchtitel waren lochkartenhaft ausgestanzt: ganz weiss und rein und sehr diskret. Und ausgesprochen modern. Das weisse Buch von Rafael Horzon.

    Ich begann zu lesen und musste schmunzeln über die unübersehbaren cut & paste-Passagen, die mit anekdotischen Zuspitzungen amalgamiert sind wie sie Rafael Horzon seit 1998 wiederholt erzählte: mit ausdruckslos-todernster Miene – oder, wie er selbst einmal all seine Unternehmungen und Manifeste, Bildmarken und Weltveränderungssysteme umschrieb: „Praktizierter Quatsch“. Wieso nicht einfach wirklich tun, was stets alle behaupten, tun zu wollen?

    Das weisse Buch: Ein Berliner Schelmenroman

    Das erste Buch von Horzon war dies natürlich nicht gewesen; im Eigenverlag waren von ihm „Modern sein. Fit im Kopf ins 3. Jahrtausend“ (1998) erschienen, im Jahr darauf „Modern sein: Fit im Kopf ins 3. Jahrtausend – Vol.2“ (1999) und schließlich, unverkennbar in der Titelästhetik: „Der dritte Weg“ (2002).

    Nicht wenige Passagen sind identisch in allen seinen Büchern; doch wie eine befreundete Jungverlegerin „Das weisse Buch“ treffend zusammenfasste, ist es nicht Manifest oder Bekenntnisschrift, sondern ein „Berliner Schelmenroman mit Goethe und Mann-Anleihen (wer weiß, wer noch alles).“

    Und Helene Hegemann soll all dies also geschrieben haben? Diese Behauptung in die Welt zu setzen, entspricht ganz den Pressemitteilungen von Modocom, der Dachmarke, unter der Horzon handelt. Jede Produktvorstellung, Vernissagenparty, jede namhafte Person, die in der Wissenschaftsakademie aus ihrem Leben und Tun erzählte, wurde am Ende (online schon am Tag davor) gerühmt als: „war ein großer Erfolg.“ Entsprechend berichtet Horzon im „weissen Buch“ auch nur von kompletten Mißerfolgen oder riesigem Lebensglück.

    Unvermutete Zwillinge, nicht nur wegen dem doppelten „O“

    Diese frohe Ignoranz gegenüber Bewertungskriterien und Pflichtübungen der Branche ist es, die ihn (und auch seinen ersten Roman) zum unvermuteten Zwilling Sascha Lobos (und dessen erstem Roman Strohfeuer, den die Übersetzerin Isabel Bogdan lobend & ganz zurecht als Frohsteuer rebrandete/verkalauerte) macht.

    Lobo und Horzon sind nicht nur Brüder im Geiste des Doppel-O-Vokals, in Eloquenz, Sprachwitz, Menschenfreundlichkeit und schnellem Gelangweiltsein – sondern vor allem in der Übersteigerung dessen, was jede Pressemitteilung zwischen Plattenfirma, mittelständischer IT, Dreipersonen-P.R. Agentur und Bundesregierung permanent in die Welt sendet: bei Horzon und Lobo aber um einiges glaubwürdiger, da jederzeit als großsprecherische Erfindung erkennbar. Wer Wort für Wort glaubt, was sie sagen, ist selbst schuld. Wer aber alles für erlogen und erdichtet hält, ist weltfremd.

    Sie sind nicht nur Komiker mit ausdruckslosem Gesicht, sondern zeigen die größtmögliche Entschiedenheit zum gelebten Unsinn. Ihre Romane sind darum ganz selbstverständlich auch Beispiele von lakonisch daherkommender und dennoch rauschhaft und chemisch unterstützter Literatur (was beide kaum bestreiten würden – selbst wenn die Niederschrift insgesamt eher wenig chemisch unterstützt stattgefunden haben mag) – in gleichem Maße wie der gesamte Medien-, Kunst- und Politikbetrieb gegenwärtig nicht arbeitsfähig wäre ohne beträchtlichen Drogengenuss und Rauschbegehren.

    Fazit: Zwei wirklich lustige Romane, die sich auf zwei längeren Stadtbahnfahrten durch Großberlin mit höchstem Gewinn lesen lassen – und dabei mehr Wissen über die Welt versammeln als alle Produkte einer beliebigen SPIEGEL-Bestsellerliste; womöglich mehr noch als alle Publikationen aller namentlich bekannten Nobelpreisträger des laufenden Jahres – oder seit Bestehen des Nobelpreises überhaupt!


13 Kommentare zu Horzon und Lobo: Ernsthaftigkeit, Eigenwerbung und andere ironische Gebrechen

  • Hallo,

    vielleicht habe ich den Artikel auch nicht ganz so aufmerksam gelesen, aber worum geht es in dem Buch?
  • Madison am 29.11.2010 12:26
    Eine wirklich gelungene Rezension! So kann man es auch machen :) Habe das weisse Buch auch gelesen, auch vornehmlich in Bus und Bahn und innerhalb von 3 Tagen – selten fesselte mich ein Buch so. Es ist kein Krimi, keine Liebesgeschichte, aber es ist kurzweilig und spannend. Nur eine Sache: Hab ich es überlesen oder wurde im Text der Titel des Lobobuches tatsächlich nicht erwähnt?
  • Salvy Ungemach am 29.11.2010 12:48
    "Oder seit Bestehen des Nobelpreises überhaupt!" Wie sagt man doch: Are fucking kidding me? Schon mal was von Faulkner und Singer gehört?
  • Wobei ja Strohfeuer ganz eindeutig kein Taschenbuch ist.
  • solfrank am 29.11.2010 13:10
    @andi: es sind beides geschichten, die den weg eines unternehmers/unternehmens schildern, ups and downs, etc.
  • das ist ein starker Punkt:

    "Wer Wort für Wort glaubt, was sie sagen, ist selbst schuld. Wer aber alles für erlogen und erdichtet hält, ist weltfremd."
  • Die Redaktion am 29.11.2010 13:29
    @madison und bosch: richtig, der Titel des Lobo-Buches fiel unter den Tisch und wurde jetzt nachgetragen und ebenfalls richtig, dass es sich bei dem Lobo-Buch keinesfalls um ein Taschenbuch handelt, sondern um ein broschiertes Hardcover. Entsprechend korrigiert bzw. entfernt.
  • @ Salvy: Faulkner und Singer spielen allerdings in einer Liga, in der “Praktizierter Quatsch” eben kein Qualitätskriterium ist, insofern dürfte des Autors Verweis auf den Nobelpreis eine Lustigmachung über denselben sein, sofern er nicht in der Lage zu sein scheint, sein sich Ernstnehmen zu hinterfragen und Werke, die eine solche Haltung an den Tag legen entsprechend zu würdigen.

    Hier ist ja auch passenderweise von einer frohen "Ignoranz gegenüber Bewertungskriterien" die Rede!
  • Salvy Ungemach am 29.11.2010 13:43
    Und es ist auch die Rede vom "Wissen über die Welt" - das war das, woran ich mich stoße.
  • Moritz Metz via facebook am 29.11.2010 17:33
    Beide gelesen, der Text triffts.
  • Madison am 29.11.2010 17:53
    Ich find das Bild zum Text auch irgendwie irre. Man könte fast meinen, Herr Schulze verstecke sich da, aber es ist doch Horzon oder?
  • Besten Dank für das schöne Feedback!

    Ganz am Rande möchte ich doch noch einmal eine Lanze brechen für das von mir ursprünglich im letzten Absatz erwähnte Lustige Taschenbuch!

    *

    Wer sich darüber hinaus noch etwas mehr für Horzon, die Wissenschaftsakademie & Möbel Horzon interessiert, kann dies gerne in einer Studie aus dem Jahr 2005 nachlesen, unter dem Titel: Heuristik.

    Ein Kapitel mit einer etwas ausführlicheren Passage zur Wissenschaftsakademie als hier ist auch online (S.59-61).
  • (ich korrigiere: das erwähnte Kapitel ist hier online)

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