• Überwachungsschock und dann… schimpfen?

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    Der jüngste Überwachungsschock hat kaum Konsequenzen. Selbst jene in unserer Gesellschaft, die ihr Leben dem Internet widmen, unternehmen nichts. Oder nicht genug, wie eine prominente Rede zur Lage der Nation auf der größten europäischen Netz-Konferenz gestern erbost anmahnte. Die Bloggerin Patricia Cammarata hält dagegen: Zwar ist keine Ad-hoc-Bewegung entstanden, doch wird langfristig an Veränderungen gearbeitet. Ein Kommentar.

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    Auch mich bedrückt die Situation. Die Überwachungssituation als solches, die Untätigkeit der Politik und die Unbesorgtheit der Masse. Ich fühle mich auch unverstanden und machtlos. Auch ich habe das Gefühl, man müsste alle so lange durchrütteln, bis sie ENDLICH verstanden haben, dass das so nicht geht, das wir was tun müssen.

    Deswegen bin ich auf Demos gegangen und habe schon vor längerer Zeit einen Dauerauftrag eingerichtet, der monatlich etwas auf ein Konto eines netzpolitischen Projekts überweist, das ich gut und wichtig finde.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten im Publikum irgendwas getan haben, seit wir durch Snowden eine vage Vorstellung davon haben welches Ausmaß die (Internet)-Überwachung hat und sei es am Ende, dass gebloggt wurde, Petitionen initiiert und/oder gezeichnet oder einfach nur Zeitung gelesen wurde. Es ist egal. Ich bin mir sicher, wir alle haben wenigstens im kleinen etwas getan.

    Lobo addressiert die Falschen

    Deswegen war Sascha Lobos Rede falsch adressiert und tatsächlich klang sie in meinen Ohren eher nach Rede vor uninformierten Abgeordneten, die sich mit zahlreichen Themen beschäftigen, zu denen unter anderen das Thema Überwachung gehört und nicht wie eine Rede, die zur re:publica und deren Besucher passt. Wir, die Internetgemeinde, wir kennen uns aber aus mit dem Thema Überwachung und sind bereits wach gerüttelt.

    Es mag vielleicht blöd klingen, aber ich musste wirklich die ganze Zeit an meine Kinder denken. Es gibt diese Situationen als Mutter, in denen ich genau weiß, was passieren wird, in denen ich genau weiß, was das Richtige ist und trotzdem tun meine Kinder nicht das was ich ihnen sage. Ich sage es freundlich, ich argumentiere, ich wiederhole, ich wiederhole, ich schimpfe, ich erkläre, ich bitte, ich bettle, ich werde wütend, ich versuche am Ende sogar zu befehlen, immer und immer wieder: aber diese widerspenstigen Kinder tun nicht was ICH möchte und richtig finde und zwar obwohl ich Recht habe.

    Zehn Jahre mit Kindern haben mir gezeigt, es wird niemals irgendwas bringen immer und immer weiter auf genau dieser Schiene zu bleiben. Immer mehr vom Gleichen hilft einfach nicht mehr. Es hilft nicht, egal wie gerne ich das möchte. Egal, wie sehr ich im Recht bin.

    Festgefahren: Was hilft?

    Wenn ich also nicht weiter komme, muss ich darüber nachdenken, welche Wege es außerdem gibt. Wege, die ich noch nicht gegangen bin. Paradoxe Intervention vielleicht, umgekehrte Psychologie, am Ende vielleicht Liebe und Wertschätzung statt Schimpfe und Druck.

    Mich in die Kinder hineinversetzen, ihre Perspektive einnehmen, uns alle irgendwie dazu zu bekommen darüber zu lachen, die Situation eben auflösen mit dem Ziel Energien zu mobilisieren, Energien zu neuem Handeln und nicht Energien, die dazu führen, dass wir uns reiben, dass wir die Fronten verhärten, dass beide Seiten trotzig werden und sich keinen Millimeter mehr bewegen. Wir müssen Partner bleiben. Wir dürfen keine Feinde sein.

    Das ist alles leichter gesagt als getan. Auch das weiß ich aus meinem Leben mit Kindern. Manchmal hilft nämlich gar nichts. Da kann ich mir noch so viele Gedanken machen. Dann hilft vielleicht nur noch selbst ein gutes Vorbild zu sein und zu hoffen, dass das irgendwie mitreißt. Aber schimpfen hilft nicht. Schimpfen hilft nicht. Schimpfen zeigt nur die Ohnmacht des Schimpfenden.

    Ersatz für den Aluhut

    Außerdem, um nochmal auf die Adressaten zurück zu kommen. Man kann ins Lächerliche ziehen, was wir, die jämmerliche Internetgemeinde tun. Petitionen zeichnen. Buh! Schilder für Demos malen. Buhhhuuuuuhu! Aber ganz ehrlich. Wenigstens ein kleines bisschen machen wir doch. Nicht genug, ok. Mehr geht immer. Aber jemanden, der bereits aktiv ist, nicht aufzubauen und zu sagen: “Ja, das ist super was du machst!” sondern “Na großartig, was ist das für ein jämmerliches Engagement!”, das ist psychologisch einfach unklug.

    Das hemmt Handlungsimpulse statt sie zu fördern. Ihr verschlüsselt Emails, ihr benutzt Threema? LÄCHERLICH! Ganz ehrlich. So geht das nicht. Das weiß jede/r, der mal Kind war.

    Wenn man mit dem Start eines Meetings 30 Minuten wartet und dann die Person schimpft, die zu spät kommt, straft man jene, die pünktlich waren. Wenn man ein Kind schimpft, weil die Spülmaschine nicht normgemäß und/oder vollständig eingeräumt ist, wird man nicht erreichen, dass das Kind die Spülmaschine das nächste mal besser oder gar lieber einräumt. Ich hätte da noch drölfzig Analogien, die zum Thema passen.

    Jedenfalls. Ich möchte nicht geschimpft werden. Niemand möchte das. Ich hab gut verstanden, was da vor sich geht. Ich bin nur hilflos. Ich brauche einen Weg. Ich brauche Gelegenheiten. Ich brauche Anleitung, Ermunterung. Ach und übrigens, ich bin faul. Ich brauche technische Weiterentwicklungen, die mir das alles (das nicht überwacht werden) einfach und bequem machen. Ich brauche Ersatz für Kupferverkleidung meiner Wände und den Aluhut auf dem Kopf.

    Sascha Lobos Rede zum Selbstanschauen:

    Anm. d. Red.: Der Text steht unter einer Creative Commons-Lizenz, mehr Texte von Patricia Cammarate gibt es in ihrem Blog Das Nuf Advanced. Das Foto stammt von Masayuki Takaku und steht unter einer Creative Commons Lizenz.


6 Kommentare zu Überwachungsschock und dann… schimpfen?

  • Hybrid77 am 07.05.2014 11:48
    Das Gejammere ödet mich an. Alle entscheidenden Antworten wurden von den wirklichen Kompetenzen (damit meine ich nicht Lobo, sondern Snowden, Assange, Levison, Schneier...) längst gegeben: US-basierte Webdienste meiden!

    Das hat zwei Gründe. Erstens können alle US-basierten Webdienste von der NSA zum Schnüffeln gezwungen oder missbraucht werden. Zweitens wird nur der Kampf ums Geld etwas bewirken - wenn die großen Netzdienste (Google, Facebook & Co) merken, dass ihnen die Nutzer abhanden kommen, werden sie garantiert aktiv und Auswege suchen.

    Alles andere - jammern nach der Netzgemeinde oder nach politischen Lösungen (was bitte genau sollte denn Merkel zu Obama sagen und dieser antworten, damit wir zufrieden sein könnten?) sind lediglich Alibi, in der Hoffnung unsere Internetgewohnheiten nicht ändern zu müssen, nämlich: US-basierte Webdienste meiden!

    So verraten auch diese Website genauso wie saschalobo.com ihre Leser unfreiwillig an die Handlanger der NSA (Facebook Connect, Google Anlaytics etc.). Dabei hat Heise schon vor Jahren gezeigt wie man Soziales Netzwerken ermöglichen kann und trotzdem die Daten seiner Leser nicht veruntreut.
  • Robert F. am 07.05.2014 16:19
    das Publikum beschimpft hat auch kürzlich Bruce Sterling bei einer Veranstaltung in Berlin. Tenor: Ihr habt schon einmal die Mauer niedergerissen (1989), warum versucht ihr es nicht noch einmal? Das ist als Provokation etwas weitergefasst, zielt nicht nur auf die "Netz-Gemeinde", sondern auf die Mehrheitsbevölkerung, und bedient sich einer historischen Referenz: learning from history. Das vermisse ich Lobo, da dreht sich alles um sich und ihn selbst.
  • @#1: wird es langfristig reichen, die US-Dienste zu meiden? geht es einerseits nicht eher darum, zentralisierte Dienste zu meiden und andererseits Dienste, die einer Kultur der Entblössung Vorschub leisten?
  • Hybrid77 am 09.05.2014 08:02
    @zk
    Wir werden sehen müssen. Die "Kultur der Entblößung" ist mir wurscht, Lemminge soll man ziehen lassen.

    Mir ging es in meinem Beitrag primär um Lobo's Ruf nach Rettung durch die Politik. Lobo sollte den Gedanken einfach mal zuende denken und dann erst anfangen zu reden. Gleichgültig wieviel Geld die "Netzgemeinde" für Lobbyismus aufbringen würde, es würde nie zu einer weltweiten Abschaffung und Ächtung der Geheimdienste führen. Politische Lösungen könnten lediglich Alibis sein, wie es zum Beispiel Safe Harbor seit jeher ist.

    Dann schon lieber für die Bekassine spenden. Das erklärte Ziel der Vogelschützer ist wenigstens realistisch.
  • @#1: "nur der Kampf ums Geld wird etwas bewirken" das ist ein sehr guter Punkt. Und wenn Leute wie Shoana Zuboff recht haben, die sagen, die Nutzer sind nicht froh daraüber, wie mit ihnen, ihren Rechten und ihren Daten umgegangen wird, dann ziehen sie davon -- dann wird sich wirklich was tun. Nur die Frage ist: ist diese Prognose realistisch? Eigentlich sind die User viel zu faul!
  • @#4: wer aber bitte, wenn nicht die Politik kann den Wilden Westen regulieren?

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