• Renaissance der Novelle: Hat die Gegenwart einen neuen Auftrag für „die Schwester des Dramas“?

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    ‚Die Marquise von O…‘, ‚Schachnovelle‘ oder ‚Leutnant Gustl‘ – alles Novellen, die zur Zeit ihrer Veröffentlichung ordentlich für Furore sorgten. Daran können Novellen der heutigen Zeit nicht mehr anknüpfen. Schlimmer noch: Novellen finden kaum Beachtung. Der Autor und Schriftsteller Maik Gerecke erkundet, ob die Gegenwart dennoch einen neuen Auftrag für „die Schwester des Dramas“ hat.

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    Als Arthur Schnitzler vor 115 Jahren seinen Leutnant Gustl veröffentlichte, verursachte er damit einen Skandal, der sich bis in die Politik zog. Mit dieser kurzen Novelle kritisierte er nicht nur den damaligen Militarismus Östereich-Ungarns und damit eine von zwei Säulen, auf denen die Monarchie fußte, sondern er tat es auch auf eine ganz und gar unerhörte Weise.

    Man nannte ihn einen Staatsfeind, sein Werk der „Judenpresse“ zugehörig und obendrein verlor er sogar seinen Rang als Reserveoffizier. Schnitzler selbst gab sich eher gelassen und reagierte darauf mit der Veröffentlichung einer zweiten Fassung der Schrift, in der er nun den Antisemitismus seiner Kritiker parodierte.

    „Unerhörte Begebenheit“

    Eine derartige Wirkungsgeschichte ist alles andere als ungewöhnlich für eine Novelle, viel mehr ist es ihr erklärtes Ziel, dreht sich bei ihr doch, laut Goethe, alles um eine „unerhörte Begebenheit“. Sie soll nicht nur kurz, knackig und in einem Rutsch zu lesen sein, sondern auch starken Gegenwarts- und Realitätsbezug haben und dabei Themen ansprechen, über die man eigentlich nicht spricht.

    Ihrem Auftreten nach könnte man sie daher beinahe als den rebellischen Jüngling der Prosawelt bezeichnen, wobei sie gattungsgeschichtlich eigentlich nur etwa zwei Jahrhunderte jünger ist als ihr großer Bruder, der Roman. Und trotzdem: Mit einer Novelle heute Furore zu machen, scheint beinahe unmöglich.

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    Ebenfalls ein Jüngling, jedoch in der Berliner Verlagslandschaft, ist der Verlag ‚Das Beben‚. 2013 von Markolf Hoffmann, Jasper Nicolaisen, Jakob Schmidt, Karla Schmidt und Simon Weinert gegründet, hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Novelle aus dem Schatten zu zerren und ins rechte Rampenlicht zu rücken. Er will 70 bis 150 Seiten lange Bücher zum kleinen Preis machen, die es in sich haben, so dass kein Stein auf dem anderen bleibt.

    Zu diesem Zweck müsse die Novelle auch digitalisiert, also als eBook verlegt werden. Benannt ist der Verlag nach Kleists berühmtem Erdbeben von Chili. Zwei Hände voll Bücher sind auch schon online und zu den Beben-Autoren zählen inzwischen sogar Tobias Hülswitt und Marcus Hammerschmitt, die ihrerseits auch schon Bücher bei den ganz Großen untergebracht haben, namentlich KiWi und Suhrkamp.

    Nur ein kurzer Roman?

    Seit einigen Jahren schon avanciert im Literaturbetrieb die Kurzgeschichte wieder zu einer nicht ungern verlegten Gattung, mit der man ganze Anthologien füllt. In der heute gern kritisierten deutschen Gegenwartsliteratur ist der Roman jedoch noch immer der Souverän unter den belletristischen Neuerscheinungen.

    Bei all der Langeweile und Borniertheit, die man ihm vorwirft, kann man sich fragen, ob nicht vielleicht ganz einfach eine Verwechselung der Gattungen seitens der Kritiker vorliegt. Oder ob der Roman sich nicht einfach ein paar Scheiben von seinem jüngeren Geschwisterchen abschneiden könnte. Vielleicht sollte er aber auch aufpassen, dass es ihm nicht den Thron streitig macht.

    Woran liegt es, dass dieses doch eigentlich innovative Format so wenig Beachtung findet? Vielleicht sieht der deutsche Leser darin einfach nichts weiter, als einen „kurzen Roman“ und sagt sich: Wieso nur 100, wenn ich auch 300 oder mehr Seiten zum mehr oder weniger gleichen Preis haben kann? Ein solcher Mengenkauf wäre jedoch voreilig und würde die technischen und inhaltlichen Vorzüge der Novelle gegenüber dem Roman völlig außer Acht lassen.

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    Viele bekannte deutschsprachige Autoren schrieben Novellen. Für Schriftsteller wie Stefan Zweig ist sie sogar die Gattung seiner berühmtesten Werke. An Zweig erkennt man dann auch deutlich das tatsächliche Potential der Novelle. Nicht nur die Schachnovelle, auch die Phantastische Nacht, Amok, Brennendes Geheimnis und viele andere lesen sich auch hundert Jahre später noch, als hätte man es tatsächlich mit einem Novum zu tun.

    Renaissance der Novelle

    Aber auch andere Autoren, wie E.T.A. Hoffmann, Gottfried Keller, Theodor Storm, Franz Kafka oder Thomas Mann schrieben Novellen, sogar solche, die es zu großem Ruhm gebracht haben. Wer sich also von dem Potential der Novelle einmal selbst überzeugen will, dem seien diese und viele andere Klassiker wärmstens ans Herz gelegt.

    Wahrscheinlich muss man die Novelle endlich erwachsen werden lassen und ihr ein eigenes Regal mit der Aufschrift „Novellen A – Z“ in die Buchhandlungen stellen, um so ihre Individualität akzeptieren zu lernen. Vielleicht wird es uns so auch möglich, sie, trotz geringer Größe, als eigenständige literarische Gattung zu respektieren.

    Der Verlag Das Beben meint, dass gerade sie, die Novelle, sich ideal dazu eignet, eben nicht nur zu Hause im Ohrensessel gelesen zu werden und daher das perfekte Stückchen Literatur für den Alltagsgebrauch darstellt. Gerade wegen ihrer Kürze macht sich die „Schwester des Dramas“, wie Theodor Storm sie einst bezeichnete, auch gut als Unterwegs-Literatur, die einem Wartezeiten und Phasen der Langeweile außer Haus versüßen kann. Sie auf diesen Gebrauch zu beschränken wäre allerdings zu wenig.

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    Eine umfassende Wiederbelebung des Ansehens der Novelle und ihre Emanzipation gegenüber dem Roman und der Kurzgeschichte wären in jedem Fall äußerst löblich und zu begrüßen. Momentan erleidet sie gewissermaßen das Schicksal des mittleren Kindes zwischen Erst- und Letztgeborenem. Man darf hoffen, dass die Nachfrage wieder steigt und die Novelle in Zukunft sowohl auf e-Readern, als auch in Bücherregalen reichlich vertreten sein wird. Denn momentan bekommt sie, so scheint es, nicht die nötige Anerkennung, die ihr fraglos gebührt.

    Anm.d.Red.: Die beiden Fotos (ganz oben und ganz unten) stammen von Pedro Ribeiro Simões. Das zweite Foto stammt von Peter Werkman (www.peterwerkman.nl) und das dritte Foto (jeweils von oben) stammt von Magdalena Roeseler. Alle Fotos stehen unter einer Creative Commons Lizenz.


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