• Provinzialität vs. Welthaltigkeit: Rechtspopulismus, Volksbühnen-Debatte und die Krise des Westens

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    Fremde und Einheimische, Innen und Außen: Der rechtspopulistische Diskurs überformt auch die Debatte um die Volksbühne. Neue Sprachfiguren wie “Welthaltigkeit” könnten aus der Sackgasse führen. Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki kommentiert.

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    Die “Provinz” und das “Provinzielle” sind zentrale Motive in einer Debatte, die seit geraumer Zeit in den Kulturmagazinen und Feuilletons geführt wird, den meisten ist sie als “Volksbühnen”-Debatte bekannt. Seit Neustem bezeichnet man sie auch als Weltanschauungskrieg. Es dürfte nicht überraschen, dass in diesem Kontext die eingangs genannten Begriffe negativ konnotiert sind. Die “Provinz” firmiert hier als Unort. Die Frage, die er evoziert, lautet: “Wie komme ich hier raus?”

    So brachte es jedenfalls Kolja Mensing mal treffend auf den Punkt. Er meinte damit: Wer in der Provinz ist, guckt in Richtung Stadt. Dort ist alles, was das Herz begehrt. In der Provinz hingegen sind nur Dinge, die man hinter sich lassen will. Neuerdings ist eine weitere Ebene hinzugekommen. Das rechtspopulistische Begehren hat die Provinz vereinnahmt, etwa mit dem prä-globalisierten Idyll “Sachsen” als Projektionsfläche. Und so will man dort noch dringender raus als jemals zuvor. Jedenfalls wenn man sich als weltoffenen Geist begreift.

    Doch wer wird in der Volksbühnen-Debatte eigentlich als provinziell bezeichnet? Mal ist es Deutschland, mal die deutschsprachige Literatur, mal die Stadt Berlin, mal ihre Kulturverwaltung, mal die Volksbühne, mal ist es die Vorstellung, dass Berlin anders sein soll als London, usw. Die Figur taucht gleichermaßen auf in der Rede der “Dercon”-Gegner wie der “Dercon”-Befürworter, mehrheitlich wohl bei den Letzteren in Bezug auf Erstere.

    Erinnerungen an Pegida, AfD & Co.

    In der Debatte gibt es keinen sonderlich gut profilierten Begriff des Provinziellen. Er steht vage für eine allgemeine Abwehrhaltung gegen alles, was “von Außen” kommt, gegen “Eindringlinge”, gegen “Globalisierung” und “Kapitalismus”, gegen “die Welt” als solche. Wer diese Aufzählung liest, dürfte sich an Pegida, AfD & Co. erinnert fühlen. Die Behauptung, dass jene, die die sich gegen Chris Dercon als neuen Volksbühnen-Intendanten positioniert haben, eben jener Strömung angehören, ist seit Anbeginn der Debatte im Raum und dürfte dieses Déjà Vu nur verstärken.

    Nun geht es mir nicht darum, zu fragen: Ist das wirklich wahr? Sind die “Chris Dercon”-Gegner wirklich Rechtspopulisten? Stattdessen möchte ich fragen: Was ist an der Figur des Provinziellen in der Volksbühnen-Debatte symptomatisch? Ich glaube, symptomatisch ist, dass der rechtspopulistische Diskurs die Debatte um die Volksbühne tendenziell ganzheitlich überformt.

    Mögen sich so genannte “Dercon-Gegner” bewusst oder unbewusst, strategisch oder passioniert Vokabeln und Figuren aus dem rechtspopulistischen Diskurs bedienen, bezeichnend für die aktuelle Lage ist, dass auch so genannte “Dercon-Befürworter” aus eben diesem Sprachschatz schöpfen. Daran zeigt sich, dass unabhängig vom Lager alle, die derzeit im so genannten “Weltanschauungskrieg” das Wort ergreifen, nicht über die Parameter des rechtspopulistischen Diskurses hinauskommen.

    Zuletzt wurde Chris Dercon selbst in der Süddeutschen Zeitung mit Auslassungen über das Provinzielle der deutschen Literatur und Kultur zitiert. Wenn Dercon dort behauptet, man nehme hierzulande zu wenig Notiz von der Welt da draußen, dann reproduziert er den rechtspopulistischen Diskurs mit seinen willkürlichen Grenzziehungen zwischen Innen und Außen. Wo beginnt schließlich heute die Welt da draußen? Wie ließe sich ein Innen überhaupt verorten und umreißen?

    Ebenso reproduziert auch der Kunsttheoretiker Jan Verwoert diesen Diskurs, wenn er in der letzten deutschsprachigen Ausgabe der Kunstzeitschrift frieze beklagt, dass nicht nur in Berlin, sondern in ganz Europa eine Art Hexenjagd auf Wanderarbeiter im Kunstbetrieb gemacht wird. Reproduziert wird der rechtspopulistische Diskurs dabei vor allem dadurch, indem er beispielsweise “Fremde” gegen “Einheimische” stellt und somit keine neuen, alternativen Vokabeln und Motive anbietet, mit denen sich die Lage beschreiben und in emanzipatorische Bahnen lenken ließe. So bleibt die Debatte im kleingeistigen Schwarz-Weiss-Denken des Rechtspopulismus haften.

    Über die Grenzen des Hier hinaus

    Es bedarf einer anderen Sprache, um in dieser Debatte weiterzukommen. Begriffe wie das “Provinzielle” müssen ersetzt oder radikal dekonstruiert werden. Mir schwebt an dieser Stelle Ersteres vor. Dazu möchte ich “Welthaltigkeit” ins Feld führen. Die Kulturstiftung des Bundes hat sich in der letzten Ausgabe ihres Magazins daran gerieben und mir scheint, dass dieser Begriff hier weiter hilft, weil es genau diese “Welthaltigkeit” ist, die viele mit Dercon assoziieren und gleichzeitig in der Volksbühne vermissen.

    “Welthaltigkeit” verweist darauf, dass eine künstlerische Arbeit oder ein kultureller Ort, ein gewisses Maß an “Welt” in sich aufgenommen, reflektiert und verarbeitet hat. “Welt” ist dabei dass, was über die Grenzen des Hier (und des “Innen”) hinausgeht und was diese Grenzen – in alle Richtungen – überschreitet. Nur, wo wären diese Grenzen heute zu ziehen? Und was könnte als Maßstab dafür dienen, eine schöpferische Auseinandersetzung dahingehend zu beurteilen, ob sie ausreichend “Welt” zum Material gemacht hat, so dass ihr “Welthaltigkeit” nachgesagt werden könne?

    Tobi Müller hat in dieser Sache einen Vorschlag gemacht. Der Journalist und Kurator, der sich in der Volksbühnen-Debatte mit Beiträgen in diversen Medien äußerst engagiert zeigt, fordert, Stadttheater wie die Volksbühne müssten dem veränderten Charakter der Stadt gerecht werden. Metropolen seien tiefgreifend durch Migration transformiert worden. Dies sollte sich auch in deutschen Stadttheatern spiegeln, etwa in dem dort zugezogene Künstlerinnen und Künstler verstärkt zu arbeiten beginnen.

    So wichtig die Beobachtung, dass sich Städte durch Migrationsströme verändern, so problematisch die Argumentation. Denn sie suggeriert, dass unter den gegebenen Umständen Kunst ihre “Welthaltigkeit” durch eine allgemeingültige Formel der personellen Besetzung realisieren kann.

    Was in Deutschland los ist

    Bezeichnend ist dabei, dass Müller seiner Forderung durch ein Ensemble von Institutionen Nachdruck verleiht, in dem ein solcher Anspruch ebensowenig erfüllt wird, wie andernorts in der Zivilgesellschaft: Das migrantische Profil Deutschlands spiegelt sich in den Belegschaften der Medien (ob Zeitung, TV oder Radio) genauso unzureichend wie in der Polizei, in den Behörden, in den Parteien, etc. Das ist ein großer Missstand, der – übrigens durch Mark Terkessidis in seinem Buch “Interkultur” analysiert –, in diesem Kontext die Frage aufwirft: Wie sollten sich Stadttheater dazu verhalten?

    Das Problem ist freilich, dass es darauf keine Standard-Antwort gibt. Jedes Stadttheater sollte sich diese Frage stellen und damit einen Umgang finden. Es kommt in erster Linie auf die Auseinandersetzung damit an, weniger auf das “Ergebnis”, an dem sich messbar und eindeutig zeigen, vorführen und repräsentieren ließe, was in Deutschland derzeit los ist. Anders gesagt: Der Prozess ist entscheidend. Und die Tatsache, dass er die jeweilige Institution verändert und fortwährend in Bewegung hält.

    So wäre das Migrantische als ein Aspekt von “Welthaltigkeit” jeweils als Input überall unterschiedlich zu registrieren und als Output ebenso – ohne Formel, ohne Quote. Ob es in Kulturinstitutionen einen bestimmten personellen Anteil mit migrantischen Hintergrund geben sollte, ist keine geringe, aber eine andere Frage. Denn bei der Frage nach “Welthaltigkeit” kommt es in erster Linie nicht darauf an, wer diese “Welthaltigkeit” erzeugt, sondern ob, warum, wie und mit welchen Wirkungen sie erzeugt wird.

    Formel für Welthaltigkeit?

    Der aktuelle Streit um die Volksbühne ist, auch wenn er primär wie ein Erbschaftsstreit geführt wird, ein Streit über “Welthaltigkeit”. “Welthaltigkeit” (als versteckte Negativ-Folie des Provinziellen) dient hier als eine Art Ausschlusskriterium. Wer implizit oder explizit die “Welthaltigkeit” der Volksbühne unter Castorf in Zweifel zieht, stellt damit auch die Legitimität ihrer Ansprüche in Frage, über das Erbe der Castorf-Intendanz mitreden zu dürfen. Frei nach dem Motto: Wer “Welthaltigkeit” nicht vorweisen kann, soll besser schweigen.

    Doch was taugt “Welthaltigkeit” als Kriterium, wenn darüber nicht angemessen gestritten wird? Im Grunde wird heute unausgesprochen vorausgesetzt, dass es eine Formel für sie gibt und dass diese Formell internationale Gültigkeit hat. Kann das sein?

    Lassen wir Berliner Institutionen wie das Arsenal, das Haus der Kulturen der Welt, das Hebbel Theater oder das KW Institute for Contemporary Art vor dem geistigen Auge erscheinen. Zweifelsfrei lebt das großartige Programm, das diese Häuser in Bereichen wie Film, Musik, Kunst und Performance aufstellen von einer gewissen “Welthaltigkeit”. So unterschiedlich sie dabei vorgehen, so wichtig ist es mir an dieser Stelle, auf einen gemeinsamen Nenner hinzuweisen: ihr primärer Bezugspunkt bei der Herstellung von “Welthaltigkeit” ist die reichhaltige und disparate Tradition des Westens. Wenn es heißt, dass die Volksbühne eben jene “Welthaltigkeit” nicht vorweisen kann, dann liegt hier ein großes Missverständnis zu Grunde. Nämlich, dass es nur eine derart (durch den Westen) begründete “Welthaltigkeit” geben könne.

    Dabei hat die Volksbühne unter Castorf von Welthaltigkeit nur so gestrotzt – allein das Verknüpfen von mehreren literarischen Vorlagen oder das Schichten von Geschichte zu einem polyphonen und pluralen Gegenwartstext bringen eine überbordende und bisweilen überfordernde Welthaltigkeit hervor. Die Volksbühne hat dabei programmatisch den Osten zum zentralen Reibungs- und Referenzpunkt gemacht. Sollte es überraschen, dass in diesem Referenzsystem eine “Welthaltigkeit” hervorgebracht worden ist, die bisweilen als solche nicht erkannt wird, weil sie sich unvertrauter Quellen bedient und daher als solche “unvertraut” daherkommt?

    Sicherlich setzen eben genannte Berliner Institutionen nicht auf das Gegenteil: vertraute Welthaltigkeit. Sicherlich wollen sie ihrem Publikum nicht das bereits Bekannte der Welt vorstellen. Sicherlich wollen auch sie zu Entdeckungen und Erkundungen von Unbekanntem und Neuem einladen. Doch sie agieren in einem Referenzsystem, das als solches weitaus vertrauter ist, als das Referenzsystem der Volksbühne. Das ist eines der wichtigsten Merkmale des umstrittenen Theaters – es zeichnet sich durch etwas aus, das man als doppelt unvertraute Welthaltigkeit bezeichnen könnte. Oder als Welthaltigkeit, die nicht von dieser Welt ist.

    Der globale Osten als unverzichtbare Größe

    Bei dem “Weltanschauungskrieg” in der Volksbühnen-Debatte steht also vor allem dies auf dem Spiel: Welche Formen von “Welthaltigkeit” sollen oder dürfen in Deutschland (und darüber hinaus) kultiviert werden? Welche Formen von “Welthaltigkeit” gelten als wertvoll? Was ist als Welt zugelassen?

    Der Künstler Wolfgang Tillmans wurde kürzlich in der Süddeutschen Zeitung mit den Worten zitiert, er könne nicht verstehen, warum sich Dercon nicht bereits zu der Sprechtheater-Tradition der Volksbühne bekannt habe – das wäre der Verweis auf die Welt des Sprechtheaters als Quelle von Welthaltigkeit. Ich würde dem hinzufügen: Ich kann nicht verstehen, warum Dercon sich noch nicht zur Ost-Tradition der Volksbühne bekannt hat.

    Das klingt polemisch und scheinbar rhetorisch. Doch es meint vor allem dies: Bei dem Streit um das Erbe der Volksbühne, muss nicht nur die Rolle der Sprechtheater-Tradition auf den Tisch, sondern auch die Rolle der Ost-Tradition. Ohne diesen zentralen Aspekt bleibt die Debatte und die Auseinandersetzung auf das kleingeistige Niveau des derzeit dominanten Diskurses reduziert.

    Freilich, die Besinnung auf die Ost-Tradition meint weder “Ostalgie”, noch das Sachsen-Idyll des Rechtspopulismus. Ebensowenig den “coolen Osten”, für den die Volksbühne gestanden haben soll, als sie noch der ultrahippe Pilgerort der Nachwendezeit war. Vielmehr geht es hierbei um den Osten als kritische Größe im Globalisierungsdiskurs. Somit versteht sich auch von selbst, dass hier nicht nur (ehemalige) “Ostler” das Wort ergreifen und legitime Positionen beziehen können. Der “globale Osten” (analog zum “globalen Süden”) ist ein Ort, der sich nicht durch Herkunft, sondern durch kritisches Denken konstituiert.

    Wer es ernst meint mit der “Welthaltigkeit”, der kommt um den globalen Osten als Referenzsystem und Inspirationsquelle nicht aus. Denn er erweitert die Vielfalt der potenziellen “Welthaltigkeit” quantitativ und qualitativ. Außerdem ermöglicht er, wie auch der globale Süden, die dominanten Formen von “Welthaltigkeit” immer wieder neu zu hinterfragen und zu überschreiten. Heute, inmitten der großen Krise des Westens – die durch den Rechtspopulismus sichtbar gemacht und verstärkt wird – sind diese Eigenschaften unverzichtbarer denn je.

    Anm. d. Red.: Weitere Beiträge zum Thema finden Sie in unserem Schwerpunkt Wem gehört die Bühne des Volkes? Das Aufmacherfoto stammt von Eddie Sin und steht unter der Creative Commons Lizenz cc by 2.0.


13 Kommentare zu Provinzialität vs. Welthaltigkeit: Rechtspopulismus, Volksbühnen-Debatte und die Krise des Westens

  • André am 19.12.2016 00:05
    Vielleicht ist es auch eine Form sublimierten linken (strukturellen) Antisemitismus. Also Dercon = "der Cohn".
    Gar nicht Osten sondern gegen-Westen, Anti-Kapitalismus, Anti-"Internationalität"=Welthaltigkeit.

    Die Abneigung gegen Dercon findet sich immer wieder neue Ressentiments und Argumente. Nun darf man natürlich nicht sagen, dass Ressentiments automatisch falsch und unbegründet sind, aber Hand aufs Herz, wie sieht der ideale Nachfolger denn aus? Wie könnte er es denn richtig machen?
  • @André: Das ist ein interessanter Hinweis und daran habe ich noch nicht gedacht. Ich finde jedoch nicht, dass es in Krystians Artikel um die Abneigung gegen Dercon geht. Und ich finde es auch nicht fruchtbar, die Debatte auf eine Person zu reduzieren. Wie sieht die ideale Nachfolgerin aus, fragst du? Schwierig, egal was kommt, dieser Riss, der jetzt entstanden ist, der wird bleiben. Egal ob Dercon kommt oder nochmal jemand anders gefunden wird.
  • Zu der Frage, inwiefern sich das migrantische Profil der Großstädte in Stadttheatern spiegeln sollte: Das finde ich immer zu eindiemsional gedacht. Wenn von der Volksbühne gefordert wird, dass sie im neuen Zeitalter ankommen soll, dann wird es gleichgesetzt mit dieser Weltdurchströmtheit, die eine Intendanz unter Dercon verspricht. Aber welche Art von MigrantInnen sind hier gemeint? Die akademische Kunstelite, die um den Erdnall jettet (Sorry, ich weiß, Stereotype) oder gibt es dabei auch jemals die Forderung jene migrantischen Milieus zu erreichen, die in unserer Gesellschaft doppelt und dreifach ausgeschlossen sind, weil sie zur so genannten Unterschicht gehören ... ?
  • Andre am 20.12.2016 10:51
    Was ich meine ist, es ist immer erst die Abneigung da, dann kommt das Argument. Chris Dercon spricht exzellent die deutsche Sprache. Nicht schlecht für einen Migranten. Nun könnte man natürlich sagen, warum nicht eigene Talente entwickeln, warum jemanden aus dem Ausland holen. Wenn man in die Geschichte schaut, hat es das schon immer gegeben, dass künstlerische Talente von außen geholt wurden. Chris Dercon hat gute Kontakte, was folgt sind lange Tagträume über Dercons "Adressbuch". Über Dercon kursieren diese Legenden, die ihn zum schmierigen "Kleine, isch mach Dich zum Star" Talentscout machen oder zum harten Ensembleabwickler. Dercon will Tanz: was ist mit der Sprechbühne? Dercon will mehr an der Volksbühne: Eventisierung. Alles was man positiv über ihn sagen könnte, wird ins Negative gewendet.

    Nun also soll die Volksbühne die Ostbühne sein, die Stellung gegen den Westen nimmt. Dabei verbinde ich mit Ost eher das aktuelle Gorki Theater und die Bosch-Stiftung.

    Was würden wir beide an der Volksbühne auf seinem Job machen? Ich denke, ich würde radikal Sprache machen, auch andere Formen wie Radio einbeziehen. Im Grundsatz alles anders als anderswo. Neue Spielstätten, viel mehr Literatur, viel Ohr. Dazu bräuchte ich ganz bestimmte Kooperationspartner von außen. Im klassischen Theaterbetrieb würde ich nur das spielen lassen, was es anderswo nicht gibt, Paul Heyse zum Beispiel, junge Dramatiker. Die Idee von Beseelung der Stadt finde ich gut, also Maskenumzüge der Volksbühne quer durch die Stadt, und "cultural approbation" unserer eigenen Kultur. Krampus, Kasperletheater usw.

    Weltdurchströmtheit meint für mich nicht Erreichen oder Repräsentieren von Migranten und auch keine Anpassung an eine Jetset-Moderne. Weltdurchströmtheit ist ein Anspruch, der einen Goethe am Hofe zu Weimar überhaupt relevant macht.
  • Wir befinden uns in einer Zeit gesellschaftlicher Eruptionen. Die Errungenschaften der Aufklärung zerfallen zusehends in einer Rasanz, die erschreckend ist. Tausende ersaufen im Mittelmeer - ja fast täglich und wir sehen zu, lassen die Bilder an den Bildschirmen an uns vorüberflackern. Faschistischer Gestank wälzt sich immer penetranter durch unsere Straßen. Der Holocaust, industrielles Morden - vergessen, verdrängt! Da erscheinen mir Fragen wie: ob unsere Kultur provinziell sei oder urban/großstädtisch, also „welthaltig“ eigentlich fast obszön.

    Darum geht es doch längst nicht mehr. Das entspricht einer bürgerlichen Spießigkeit, die lange passe ist, was aber offenbar noch nicht begriffen wird. Der kulturelle Wandel ist gewaltiger, als allgemein wahrgenommen wird. Ist es nicht bereits mehr, ein Kampf um Leben und Tod? Als um Ost und West? Oder Arm und Reich? Die Tradition klammert sich wie die Tausende vor Lampedusa an marode und überladene Gummiboote, ans Leben. Nur noch darum geht es. Vielleicht geht dabei unsere Kultur überhaupt unter. Und es bleibt nackte Barbarei. Die Deutsche Theater- und Musiklandschaft als Weltkulturerbe - träumen wir - solange wir können. Castorf hat das gekonnt gezeigt. Die Zukunft mit Dercon – nur noch notweniger Optimismus? Zumindest finde ich eine solche Entscheidung der Politik sehr konsequent!
  • Florian Cramer am 24.12.2016 14:28
    Xenophobe Anfeindungen gegen Wanderarbeiter sind real, egal ob diese Wanderarbeiter im Kulturbetrieb oder z.B. auf dem Bau beschäftigt sind. Diese Realität kann man nicht dadurch wegdiskutieren, dass man das Dispositiv "Migrant vs. Einheimischer" an sich für rechtspopulistisch erklärt. Das würde in letzter Konsequenz auch heissen, dass man z.B. der schwarzen Bürgerrechtsbewegung die Legitimität abspricht, weil sie sich vermeintlich des rassistischen Dispositivs schwarz-gegen-weiss bedient.

    Kristian, sorry, aber dieser Text ist in jeder Hinsicht peinlich und erbärmlich.
  • Florian Cramer am 24.12.2016 19:37
    Postskriptum zum obigen: https://de.wikipedia.org/wiki/Tu_quoque
  • @#6: es ist vielleicht nicht das stärkste Argument des Texts, wenn er an der einen Stelle bei Jan Verwoert und seiner Rede von Einheimische vs Migranten das rechtspopulistische Dispositiv am Werk sieht. Aber es ist, wenn Du den Text in Gänze gelesen hast, nur ein Indiz unter vielen, dass mich im aktuellen Dikurs registrieren lässt, dass er im Rahmen Rechtspopulismus verhangen ist. Niemand will hier rassistische Realitäten wegdiskutieren, das wäre für mich das Letzte. Auch ist nichts "an sich rechtspopulistisch" (was auch nirgends gesagt wird), sondern abhängig von einem Diskursrahmen.

    Vielleicht hast du nicht ausreichend Einblick in die Debatten, hast nicht die Texte/Einlassungen gelesen, aber es ist dieses Niveau, das erbärmlich ist, und dieses Problem versuche ich mit einem konkreten Vorschlag zu überwinden: Lasst uns über Welthaltigkeit sprechen und darüber welche Formen und Verfahrensweisen es gibt, so etwas zu ermöglichen – und welche dabei in der aktuellen Debatte unter den Tisch fallen.
  • @#4: "Weltdurchströmtheit meint für mich nicht Erreichen oder Repräsentieren von Migranten und auch keine Anpassung an eine Jetset-Moderne. Weltdurchströmtheit ist ein Anspruch, der einen Goethe am Hofe zu Weimar überhaupt relevant macht."

    So verstehe ich das im Grunde auch. Da sollte in meinen Augen die Debatte ansetzen und dabei diskutieren, was Welthaltigkeit oder Weltdurchströmtheit heute sein kann und wer da mitreden darf, was da ausgeblendet wird und warum. Also die Politik der Welthaltigkeit als Thema. Dabei kommt man sicherlich auch auf die Rolle von Migranten, von Rassismus, etc.

    Die Gefahr besteht darin, dass alles mit allem vermischt wird, ich sehe das durchaus nicht nur bei einer bestimmten Gruppierung oder bei einem bestimmten "Lager". Und dass es dabei stark um Stimmungsmache geht, weniger, immer seltener um das Argument. Auch daran merkt man wie sehr sich diese Debatte im Rechtspopulismus ergeht.
  • Burkhan P. am 25.12.2016 20:51
    Warum ist denn jemand der von "Einheimische und Migranten" spricht im "rechtspopulistischen Diskurs" verfangen? Ehrlich, ich kann dieser rgumentation nicht ganz folgen..
  • @#10: der Sprachfigur "Einheimische und Einwanderer" oder "Einheimische und Migranten" oder "Einheimische und Wanderarbeiter"liegt m.E. in zweierlei Hinsicht ein rassistisches bzw. rechtspopulistisches Dispositiv zu Grunde.

    Erstens, befeuert die starre Dichotomie zwischen "Einheimische und X" ein Denken, das auf eindeutig fixierbare Identitäten setzt, die nur über solche dichotome/binäre Grenzziehungen zu haben sind und die konstruiert werden, um bestimmte Herrschafts- und Machtnarrationen zu begründen.

    Zweitens, "Einheimische" ist ein rassistisches Konstrukt, das die rechtspopulistische Rede stark macht. Es ist die willkürliche Fiktion eines rassistischen und xenophoben Geistes, der heutzutage eine Renaissance erfährt.

    Man kann das alles nicht kritisieren und überwinden, wenn man sich genannter Sprachfiguren bedient. Denn sonst unterstützt man direkt oder indirekt, was man zu kritisieren vorgibt.

    Ein wichtiger Punkt ist: In der Volksbühnen-Debatte ist die Personaldebatte (also: "wer soll die Intendanz übernehmen?" und "wo kommt dieser Jemand her?") der Ausgangspunkt für eine Weltanschauungsdebatte. Hier geht es in erster um die Identität einer Welt (und u.a. die Rolle und Idee der Fremdheit darin), die wahlweise das Theater der Volksbühne oder die Literatur in Deutschland repräsentiert. Die Personalfrage ist hier ein nachrangiges Problem.
  • Bernd Dörre am 05.01.2017 16:55
    Wenn es sich bei den Diskussionen über die Besetzung der Position des Intendanten um einen „Weltanschauungskrieg“ handelt, dann ist dieser Text offensichtlich als Aufrüstung gedacht.

    Geht es nicht auch eine Nummer kleiner?
    Müssen Kandidat, Gegner und Befürworter tatsächlich „alle“ bezichtigt werden, dass sie „nicht über die Parameter des rechtspopulistischen Diskurses hinauskommen“? Ich verspüre jedenfalls wenig Neigung, mich des Vokabulars meiner Sprache berauben zu lassen, nur weil Rechte/Rechtspopulisten dieselbe Sprache und manchmal auch dieselben Worte benutzen. Unabhängig davon, ob das Argument, des „Provinziellen“ zutrifft oder nicht. Der Vorwurf des Rechtspopulismus lässt sich hiermit auch dann nicht begründen, wenn gleichzeitig irgendwelche Rechte/Rechtspopulisten „die Provinz (als Begriff oder als Fläche) vereinnahmen“. Die schon vor Jahrzehnten so genannte „Nazi-Keule“ zur finalen Diskreditierung von Menschen mit anderer Meinung ersetzt auch in dieser Diskussion nicht ein gutes Argument. Sie langweilt.

    Und gute Argumente lassen sich auch nicht durch eine „andere Sprache“ oder durch neue Begriffe wie „Welthaltigkeit“ ersetzen. Hier zeigt sich die ganze Vergeblichkeit des Textes: Die Beschreibung von „Welthaltigkeit“ als „eine künstlerische Arbeit oder ein kultureller Ort, der ein gewisses Maß an “Welt” in sich aufgenommen, reflektiert und verarbeitet hat. “Welt” ist dabei dass, was über die Grenzen des Hier (und des “Innen”) hinausgeht und was diese Grenzen – in alle Richtungen – überschreitet“ ist zunächst interessant und regt zum Nachdenken an. Die Konkretisierung des Begriffs mit Bezug auf die Volksbühne, dass „das Verknüpfen von mehreren literarischen Vorlagen oder das Schichten von Geschichte zu einem polyphonen und pluralen Gegenwartstext eine überbordende und bisweilen überfordernde Welthaltigkeit“ hervorbringt, erweitert und dekonstruiert aber den gerade erst erfundenen Begriff bereits wieder zu einer konturlosen Allgemeinformel, mit welcher alles beschrieben werden kann und gleichzeitig nichts beschrieben wird. Grotesk wird es dann allerdings, wenn als besonderes Merkmal der Volksbühne die „doppelt unvertraute Welthaltigkeit“, oder – es geht noch besser: die „Welthaltigkeit, die nicht von dieser Welt ist“ (sic!), angeführt wird.
    Mit anderen Worten: alles ist welthaltig (außer natürlich die Provinz, aus man aber „jedenfalls als weltoffener Geist dringender raus will als jemals zuvor“, seit sie von „rechtspopulistischen Begehren vereinnahmt wird“.)

    Ost („kritisches Denken“) bzw. „globaler Osten“ (Referenzsystem und Inspirationsquelle) gegen West („Herkunft, Krise“) und Stadt („dort ist alles, was das Herz begehrt“) gegen Provinz („Unort, nur Dinge, die man hinter sich lassen will“) – dieser Text ist so voll mit stereotypen und gleichzeitig nichtssagenden Gegensätzen, dass es schmerzt, wenn der Autor in den Kommentaren einem Leser die „starre Dichotomie“ der Begriffe vorwirft.

    Die Diskussion um Volksbühne und Intendanten wird nicht von dem „rechtspopulistischen Diskurs tendenziell ganzheitlich überformt“. Sie wird – so zumindest teilweise auch hier – von vielen Beteiligten für einen politischen Schlagabtausch missbraucht, wo eigentlich eine Diskussion über künstlerische Konzepte eines Kandidaten, eines Theaters oder der Berliner Theater (-szene) stattfinden sollte.
  • M. Berger am 11.01.2017 22:24
    "Erstens, befeuert die starre Dichotomie zwischen "Einheimische und X" ein Denken, das auf eindeutig fixierbare Identitäten setzt, die nur über solche dichotome/binäre Grenzziehungen zu haben sind und die konstruiert werden, um bestimmte Herrschafts- und Machtnarrationen zu begründen."

    Es ist einfach eine Tatsache. Jeder dazugekommene ist nur da mit Zulassung der Einheimischen. D.h. aufgrund von Gesetzen, die eine Einreise möglich machen. Und es ist das Recht jeder Land beherrschenden Gruppe darüber zu bestimmen wer reingelassen wird, und vor allem zu welchen Konditionen.

    Insofern hat die Volksbühne dennoch überhaupt kein Recht, weil die demokratischen Repräsentanten entschieden haben. Die Mitarbeiter der Volksbühne sind im Gegensatz zum Abgeordnetenhaus und Senat nicht demokratisch legitimiert. Wenn die Demokratie beschliessen würde die Volksbühne dicht zu machen, abzureissen und dort eine Rollschuhbahn zu bauen, ginge das die Mitarbeiter überhaupt nichts an. Volksbühne bedeutet Bühne des Volkes, nicht der Volksbühnenstakeholder. Die Repräsentanten des Volkes haben sich für Chris Dercon entschieden.

    Wenn nun das deutsche Volk insgesamt, also der Bundestag, beschliessen würde Belgiern keine Arbeit in Deutschland zu ermöglichen, wäre das was anderes und mit den verpflichtungen nach dem EU-Recht ja nicht zu vereinbaren, nicht wahr, aber im Prinzip hätte er die Macht dazu? Wer wolle sie bestreiten?

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