• Psychiatrie-Kritik: Nachruf auf Thomas S. Szasz

    Am 8. September 2012 verstarb der Psychiatriekritiker Thomas Stephen Szasz in New York. Szasz ließ in den 92 Jahren seines Lebens kaum eine medizinische Kontroverse aus: Drogenfreigabe, Suizid, Beschneidung. Auch Verbindungen zu Scientology wurden ihm vorgeworfen, weshalb er in Misskredit geriet. Kulturkritiker und Berliner Gazette-Autor Gerd R. Rueger begibt sich auf Spurensuche. Ein Nachruf.

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    Thomas Stephen Szasz wurde 1920 in Budapest geboren und emigrierte 1938 in die USA. Dort studierte er Medizin und absolvierte eine Ausbildung zum Psychoanalytiker am Chicagoer Psychoanalytischen Institut, dessen Lehrkörper er von 1951 bis 1956 angehörte. 1956 wurde er Professor für Psychiatrie der University of New York. In Deutschland wurde er durch seine Bücher Geisteskrankheit: Ein moderner Mythos (1972) und Die Fabrikation des Wahnsinns (1974) bekannt. Die Scientology-Organisation gewann ihn als Mitgründer ihrer “Citizens Commission on Human Rights” (CCHR), weshalb Szasz sich später genötigt sah, sich offiziell von den Scientologen zu distanzieren.

    Während in Deutschland noch keine Notiz vom Tod des Pioniers der Psychiatrie-Kritik genommen wurde, erweckte das Ereignis international Aufsehen, z.B. in den USA, den Niederlanden, Frankreich, Italien und Ungarn. Oft wurde Szasz als ein Nestor der Anti-Psychiatrie wahrgenommen, von deren Bewegung er sich jedoch nicht vereinnahmen lassen wollte. Trotz seiner radikalen Kritik war Szasz ein anerkannter Wissenschaftler, der mit Ehrungen bedacht wurde. Sein Engagement für die Rechte von Psychiatrie-Patienten stand hierzulande im Schatten des bekannteren Michel Foucault. So war es ein Foucault-Tribunal zur Lage der Psychiatrie, bei dem die These von Szasz verhandelt wurde, dass Verrückt-Sein keine Krankheit, sondern einfach nur anderes Leben ist – Szasz trat als einer der Ankläger auf.

    Medizin und Erkenntnis

    Wie Foucault gelangte Szasz von der Medizin zu Fragen von Recht und Unrecht, aber auch zur historischen und philosophischen Betrachtung von Mensch, Gesellschaft und Politik. Damit folgten beide der Einsicht des Wissenschaftstheoretikers und Typhusforsches Ludwik Fleck, dass sich medizinisch-wissenschaftliche Tatsachen besonders zur anthropologischen Selbstreflexion eignen, da sie “historisch wie inhaltlich sehr reich gestaltet und erkenntnistheoretisch noch nicht abgenützt seien”. Am Körper des Menschen setzen neben der Medizin auch das Recht und andere gesellschaftliche Sanktionen an, die dabei ihre Sicht des Menschen zur Rechtfertigung benötigen – so fokussieren sich Politik und Ideologie dort wie in einem Brennglas.

    Szasz tat sich durch kontroverse Reflexion des “Denkkollektivs” (Fleck) der Psychiatrie und Psychoanalyse hervor, in deren Paradigmen sah er unethische Kräfte an einer Entmündigung des Menschen am Werk. Er zog sogar Parallelen von der Psychiatrie zur Hexenverfolgung im Mittelalter und wurde heftig von Kollegen seiner Zunft angegriffen. In der Wahl von Verbündeten war Szasz zuweilen nicht wählerisch, was ihn in die Nähe einer umstrittenen Organisation brachte, von der er sich später distanzieren musste:

    “Ich bin kein Scientologe und war es nie. Scientology ist eine Religion, und ich bin ein überzeugter, bekennender Atheist. Ich habe die CCHR aus denselben Motiven mitgegründet, wie ich Jahre davor zusammen mit dem Soziologen Erving Goffman und dem Juraprofessor George Alexander die American Association for the Abolition of Involontary Mental Hospitalization (AAAIMH) ins Leben gerufen habe. Die CCHR ist auf mich zu gekommen, weil sie sich meinem Kampf gegen die Institution Psychiatrie anschließen wollte, nicht umgekehrt.”

    Erzfeind einer biologistischen Sicht

    Für Szasz konnten Krankheiten grundsätzlich nur den Körper affizieren; daher kann es für ihn keine Geisteskrankheit geben. “Geisteskrankheit” ist demnach vielmehr eine Metapher, denn ein Geist kann nur in dem Sinne “krank””sein wie schwarzer Humor “krank” ist oder die Wirtschaft “krank” ist. Psychiatrische “Diagnosen” sind folglich nur stigmatisierende Etiketten; sie sollen an die medizinische Diagnosepraxis erinnern und werden Menschen angehängt, deren Verhalten andere ärgert oder verletzt. Gewöhnlich werden Menschen, so Szasz, die unter ihrem eigenen Verhalten leiden und darüber klagen, als “neurotisch” bezeichnet und jene, unter deren Verhalten andere Leiden und über die sich andere beklagen, nennt man “psychotisch” (sie zeigen daher auch keine “Krankheitseinsicht”).

    Szasz steht damit in krassem Gegensatz zu einer in den USA populären Sicht geistiger Krankheit, die auf Neurowissenschaften und Hirnforschung setzt, um die Gesellschaft zu behandeln. Die US-Kampagne One Mind for Research will innerhalb eines Jahrzehnts Geisteskrankheiten und psychische Störungen abgeschafft haben – mit Genomsequenzierung, neuen bildgebenden Verfahren und Computertechnik. Was fehle, sei nur das nötige Geld und der nötige Wille. Prominente wie der Schauspieler Martin Sheen oder Joe Biden, Obamas Vizepräsident, außerdem der Politiker Patrick Kennedy, Neffe des ermordeten John F. Kennedy, unterstützten die Kampagne, hinter der sowohl militärische wie kommerzielle Interessen vermutet werden können:

    “Vor dem Hintergrund der massenhaften Traumatisierung von Veteranen des Irak- und Afghanistankriegs hat die Frage nach den biologischen Grundlagen von PTSD (Posttraumatic Stress Disorder) in den USA eine besondere Bedeutung. Von den konkreten Erfahrungen, die die Soldaten im Krieg gemacht haben, ist allerdings nicht die Rede – wohl aber von ihren Gehirnen. (…) Die treibende Kraft hinter One Mind ist Garen Staglin. Der Besitzer einer Venture-Capital-Gesellschaft hat sein umfangreiches Vermögen unter anderem in der Pharmaindustrie gemacht.”, schreibt Matthias Becker bei Telepolis.

    Recht, Freiheit und Psychiatrie

    Die Beziehung der Medizin zu Recht und Freiheit des Einzelnen war für Szasz Dreh- und Angelpunkt seines Wirkens. So sehr er für die Rechte des Individuums eintrat, über den eigenen Körper frei zu verfügen – etwa beim Gebrauch von Drogen oder beim Suizid – so sehr kämpfte er gegen jeden fremden Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. Die in den USA weit verbreitete Routine-Beschneidung Neugeborener sah Szasz als ein barbarisches medizinisches Ritual:

    “Wie und wann wurde aus der rituellen Beschneidung eine prophylaktische Beschneidung und warum wurde sie besonders in den Vereinigten Staaten so populär? Warum ist die Routine-Beschneidung Neugeborener legal? Weil sie als präventive medizinische Maßnahme definiert ist. Warum ist sie als präventive medizinische Maßnahme definiert? Um ihr Verbot als männliche Genitalverstümmelung zu verhindern. Wenn sie aber medizinisch nicht zu rechtfertigen ist, handelt es sich dann dabei um eine Form der Kindesmisshandlung? Personen, die nicht an die religiösen Regeln des Judentums oder des Islam gebunden sind, könnten zu dieser Schlussfolgerung gelangen. Sollte die Beschneidung illegal sein? Hierin liegt unser ethisches Dilemma.”

    In diesem Aufsatz wies Szasz auch daraufhin, dass die weibliche Genitalverstümmelung (Klitoridektomie) in den USA noch bis 1977 durch die Krankenversicherung Blue Cross Blue Shield bezahlt wurde. So weit, wie manch ein Zeitgenosse glaubt, der sich heute gegen den Islam empört, ist der Westen von grausamen Sitten einiger Regionen Afrikas noch nicht entfernt.

    Vater Staat als Unterdrücker

    Dass bestimmten Menschen die Freiheitsrechte entzogen werden, nur weil man sie für psychisch krank erklärt, sah Szasz als herausragenden Missstand unserer Gesellschaft an. Wenn sie anderen Schaden zugefügt haben, seien sie strafrechtlich zu verurteilen, wer nur sich selbst Schaden zufüge, sei deshalb aber nicht rechtlos zu machen. Konsequent trat er auch für das Recht auf Suizid und freien Drogengebrauch ein. Staat und Gesellschaft hätten die freie Entscheidung des Individuums zu respektieren und sich auf Hilfsangebote zu beschränken. Dabei stand Szasz voll hinter dem angelsächsischen Staatsmodell – weniger wohl hinter der konkreten Politik, wie er 1963 in Recht, Freiheit und Psychiatrie schreibt:

    “Aus meiner Sicht liegt der springende Punkt unseres Problems in folgendem: Wenn wir den Staat als den Vater und die Staatsbürger als die Kinder ansehen, gibt es drei Möglichkeiten. Erstens kann der Vater böse und despotisch sein: Diese Situation bestand, wie die meisten zugeben werden, im zaristischen Russland. Zweitens kann der Vater gut, aber etwas tyrannisch sein: In diesem Licht sehen sich die kommunistischen Regierungen in Russland und China. Drittens kann der Vater auf seine Vaterrolle gänzlich verzichten, weil die Kinder erwachsen sind; man zeigt Respekt füreinander und unterwirft sich denselben Verhaltensregeln (Gesetzen): Das ist das angloamerikanische Konzept eines nichtpaternalistischen Humanismus und einer gesetzlich geregelten Freiheit.“

    Später scheinen Szasz Zweifel an Regierungen generell gekommen zu sein und er näherte sich einem misstrauischen Blick auf die Machteliten an, der heute von vielen geteilt und aktuell vielleicht fortsetzt wird im Wikileaks-Manifest Verschwörung als Regierungshandeln. Szasz schrieb schon 1970 in “Psychiatrie: Die verschleierte Macht”:

    “Immer haben Herrscher gegen ihre Untertanen sich verschworen und sie in Banden zu halten gesucht und um ihrer eigenen Ziele willen noch stets auf Gewalt und Betrug zurückgegriffen. Wo die Rechtfertigungsrhetorik, mit der der Unterdrücker seine wahren Absichten und Methoden bemäntelt und falsch darstellt, am effektivsten ist, wie sie es früher in einer theologisch gerechtfertigten Tyrannei war, dort gelingt es dem Unterdrücker nicht nur, sein Opfer zu knechten, sondern auch, ihm das Vokabular zu nehmen, mit dem es seinen Leidensweg hätte ausdrücken können.”

    Das Reden von “Reife, Geistesgesundheit, Normalität” versus “Unreife, Geisteskrankheit, Wahnsinn” lehnte Szasz daher ab und strebte an, die Sprache der Psychiatrie “…wieder ethisch zu machen und zu repolitisieren.”

    Die Konvention zum Schutz der Rechte von Behinderten

    Teilweise ist Szasz und der anti-psychiatrischen Bewegung diese Repolitisierung wohl gelungen, denn die rechtliche Situation von Psychiatriepatienten hat sich gerade in den letzten Jahren deutlich verbessert: Der UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Behinderten (in Deutschland seit 2009 in Kraft) liegt ein Verständnis von Behinderung zugrunde, das jede Form körperlicher, seelischer, geistiger oder Sinnesbeeinträchtigung als normalen Bestandteil menschlichen Lebens und menschlicher Gesellschaft ausdrücklich bejaht.

    Viele Betroffenen- und Interessenvertretungen, wie der Bundesverband evangelische Behindertenhilfe, begrüßen die UN-Konvention und sehen dringenden Umsetzungsbedarf in der gleichen Anerkennung vor dem Recht, Zugang zur Justiz sowie Freiheit und Sicherheit der Person. Dies heißt insbesondere, dass keine Rechtfertigung von Freiheitsentziehung zulässig ist, was die deutschen Psychisch-Kranken-Gesetze der Bundesländer in Widerspruch zu dieser UN-Konvention bringt.

    Auch das Bundesverfassungsgericht setzte mit seinem Beschluss des Zweiten Senats vom 23. März 2011 der psychiatrischen Zwangsbehandlung juristische Grenzen, die aber noch nicht den hohen Status an Rechtsschutz der UN-Konvention erreichen. Obwohl das Gericht die Zwangsbehandlung nicht generell aufgehoben hat, bleibt Betroffenen jedoch der Weg über eine Patientenverfügung: In einem dokumentiert einwilligungsfähigen Zustand erklärt eine Person, dass ihre Zwangsbehandlung zu keinem Zeitpunkt erfolgen darf. Dies wäre sicher im Sinne von Thomas S. Szasz gewesen.

    Anm.d.Red.: Das Foto oben stammt aus der LSE Library.


12 Kommentare zu Psychiatrie-Kritik: Nachruf auf Thomas S. Szasz

  • Was hat das Photo oben mit dem Artikel zu tun?
    Eine Frau wartet beim Psychiater?
    Weil Frauen ja leicht mal verrückt werden?
  • Normen am 26.09.2012 11:05
    eine Frau sitzt auf der Couch beim Psychiater - wartend... weil Psychiater ihre Patienten gerne warten lassen und auf diese Weise versuchen sie zu beeinflussen?
  • Normen am 26.09.2012 11:06
    ähh, auf diese Weise versuchen, sie zu therapieren...?
  • carmen diaz am 26.09.2012 11:31
    aber das Foto, zeigt es nicht eine Studentin in der Bibliothek? Daher: Frauen lesen Psychiatriekritik, weil der Kanon der Psychiatrie von Männern verfasst worden ist.
  • Uwe Ostertag via facebook am 26.09.2012 12:03
    als freidenker und nihilist macht man sich sowohl freunde als auch feinde. zumindest ist es gut zu sehen, dass es auch menschen gibt/gab, die polarisieren konnten
  • Martina am 26.09.2012 14:22
    @#2: Wieso müssen Frauen durch Warten therapiert werden?
  • Normen am 26.09.2012 18:44
    @Martina: das war schon ironisch gemeint, gell.. also die Psychiater wie Freud, versuchen doch die Patienten zu beeinflußen, die sind suggestiv. Mal ne neue Methode hier mit dem Warten lassen :)
  • the image comes into communication were not asked questions .....
  • Silvia am 26.09.2012 22:54
    eine Frau, die liest, eine Studentin, was studiert sie? das Leben? die Geschichte der Psychiatrie? TSS? Wir wissen es nicht. Lieber könnten wir über Dinge sprechen, die wir wissen können, über einen Text, den wir lesen können, soviel wissen wir: der Text, der unter dem Bild steht, ist nicht der Text, den die Frau auf dem Bild liest. Pardon, ich bin sonst nicht so, aber das Gespräch über das Bild ist ein bisschen lästig.
  • Do not fall into philosophical speculations .. used measure goes the limit for social integration .. is not normal, but the question to be within a society ... is the theme,,
  • Mareen Scholl via facebook am 30.09.2012 13:43
    sehr spannend, kannte den herrn bisher nicht. und habe nicht gewusst, dass die weibliche Genitalverstümmelung in den USA noch bis 1977 von einer Krankenversicherung bezahlt wurde ("So weit, wie manch ein Zeitgenosse glaubt, der sich heute gegen den Islam empört, ist der Westen von grausamen Sitten einiger Regionen Afrikas noch nicht entfernt")!!!
  • Hallo.

    Danke für diesen Nachruf.
    Da Sie die Kennedy-Familie erwähnten:
    Patrick Kennedy ist auch Neffe der vom Verstümmelungsexperten Walter Freeman persönlich zwangslobotomisierten Rosemary Kennedy.
    Walter Freeman "erfand" die "Eispickel-Lobotomie", die er durchführte indem er seinen "Patienten" einen Eispickel durch die Augenhöhle ins Gehirn stieß.

    Hier ist ein Bild einer Freeman-Gehirnverstümmelung (vor Studenten?):
    http://historypsychiatry.files.wordpress.com/2010/11/walterfreeman32.jpg

    Traurig

    E.

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