• Poesie-Intervention: In der Berliner U-Bahn gibt es ab heute „Post für dich“

    Du fährst in einer stickigen U-Bahn durch den Untergrund und alle um dich herum sitzen in ihren kleinen Seifenblasen des Zeitvertreibs. Nur ab und zu versucht ein obdachloser Zeitungsverkäufer die Blasen zum Platzen zu bringen, erntet aber nur dezentes Weggucken. Das will eine Gruppe junger BerlinerInnen ändern, indem sie geheime Briefpost an öffentlichen Orten und in der U-Bahn verteilt. Die Idee dazu kam ihnen im Projekttutorium „Vernetzt schreiben“, einem Seminar der Berliner Gazette an der Humboldt-Universität. Swantje Bahnsen, selbst Teilnehmerin des Seminars, stellt das Projekt vor.

    Auf dem Sitz neben dir liegt ein kleiner Zettel mit der Aufschrift „Post für dich“, er muss wohl jemandem aus der Tasche gefallen sein. Wahrscheinlich ist es nur ein Notizzettel. Aber auch wenn du desinteressiert tust, gehen deine Gedanken auf die Reise.

    Der Zettel könnte ja wirklich an dich adressiert sein, vielleicht von dem hübschen Lockenkopf, der immer mit dir an der Eberswalder Straße einsteigt oder jemand hat ihn gerade für dich hinterlegt. Einige Stationen lang überlegst du hin und her, bis die Neugier gewinnt und du dir den Zettel schnappst. Und tatsächlich: genau hier und genau in diesem Moment ist der Zettel für dich.

    Facebook-Freunde können nicht immer dein Händchen halten

    Ich freue mich über „Posts“ meiner virtuellen Freunde, aber noch mehr freue ich mich über Post, die ich aufreißen und in der Hand halten kann. So entstand die Idee für das Projekt „Post für dich“, welches eine berlinweite Kommunikation schaffen soll, in der sich analoge und digitale Welt treffen.

    Schritt eins: Im Berliner Stadtbild verteilen wir ab heute eine Woche lang Zettel an öffentlichen Orten und in Verkehrsmitteln. Sie sind entweder klein und gefaltet, wie die Briefchen aus der Schulzeit oder werden in Form von „Bitte nicht stören“-Türschildern aufgehängt. Auf den Zetteln stehen kurze Texte, wie Gedichte, Zitate, Gedanken oder auch Fragen. Die Zettel mit Fragen sollen dazu einladen, noch vor Ort beschrieben zu werden. Mehr Informationen findet man auf dem Post-für-dich Blog.

    Schritt zwei: Jeder kann ein Teil des Projekts werden. Virtuell könnt ihr Kommentare posten und Fotos von den Zetteln, die ihr in der Stadt entdeckt, hochladen – auf unserem Blog oder der Facebook-Seite. Es können auch Wünsche und Ideen für neue Zettel abgegeben werden. Hier wird die Brücke zur „analogen“ Welt geschlagen, indem die Vorschläge auf Zetteln in Berlin verteilt werden. Im Idealfall kommen sogar einige ganz Fleißige auf die Idee, selbst Zettel zu drucken und zu verteilen. Auf diese Weise wird die gedruckte mit der digitalen Kommunikation vernetzt.

    Manchmal kommt es mir fast albern vor, wie sehr die Menschen in Berlin sich bemühen, Kontakt zu vermeiden. Die Idee hinter „Post für dich“ ist schlicht Nettigkeit und der Wunsch, Mitmenschen im Alltag kurz zu erfreuen. Vielleicht weil ich einfach nicht unfreundlich genug für Berlin bin.


9 Kommentare zu Poesie-Intervention: In der Berliner U-Bahn gibt es ab heute „Post für dich“

  • Silvia am 15.02.2011 12:25
    schön!
  • Frau Marx am 15.02.2011 12:27
    Coole Idee, ich bin heute mit der u2 unterwegs und werde die Augenoffen halten! X Mary
  • Soul Surfer am 15.02.2011 14:26
    post post post

    haben wir nicht alle zuviel davon?

    bekommen wir nicht alle megamässig spam zugestellt

    der sich anbiedert und kommunizieren will

    informationsflut

    was wir brauchen: 100% persönliche post

    das ist nur meine meinung
  • Hatte mich, nach meinem reizenden Gastspiel bei euch, schon gefragt, was aus der Aktion geworden ist. Es lebt also...sehr schön!
  • Schulzi am 17.02.2011 10:41
    Hey das ist doch mal ne Idee. Find ich klasse. Da will man sich doch glatt in die U-Bahn stürzen nur um so ein Briefchen zu finden. Das macht alles ein wenig spannender! :)
  • Sebastian am 17.02.2011 11:25
    Ah, sehr schöne Idee!!
    Dann schaut doch auch mal in der StudiVZ-Gruppe "ich finde Dich schön - für mehr Offenheit in der Gesellschaft" vorbei.. da ist der Tenor der gleiche: Warum nicht einfach mal offener, netter und kommunikativer zu den Menschen sein?
  • Na denn ma los!
    Ick telefoniere jerne.
    Schreib lustiche Jedichte
    und kann mir nich mehr so recht jut bewejen.
    Wejen det Alter.

    Also, wer Lust hat mit n Zombie: 030-3918655.

    Bis denne. Jünta.
  • Rebecca Haertel via facebook am 18.02.2011 15:23
    18. Februar 1902: Auf der ersten Berliner U-Bahn Strecke zwischen Stralauer Tor und Potsdamer Platz fahren die ersten Züge.
  • Die Aktion lief erfolgreich an und hat Kreise in den Medien gezogen. Am Donnerstag waren Swantje und ich bei MotorFM eingeladen um über das Projekt zu sprechen:
    http://postfuerdich.tumblr.com/post/3346564864/post-fuer-dich-im-interview-bei-motorfm

    und heute stehen wir im Tagesspiegel, online und gedruckt! http://www.tagesspiegel.de/berlin/poesie-von-der-stange/3860528.html

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