• Keine Verbindung? Die kriminelle Energie von gescheiterten Politikern und Journalisten

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    Wenn Politiker und Journalisten miteinander ins Gespräch kommen, müssen wir uns fragen: Machen sie gemeinsame Sache? Wie versuchen sie diesen Verdacht zu zerstreuen? Wenn Verbindungen bestehen, aber nach Außen hin unterschlagen werden, kann Komplizenschaft einen kriminellen Anstrich bekommen. Künstler und Berliner Gazette-Autor Wolfgang Müller kommentiert.

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    Obwohl es so im Buch steht, war es dennoch keine Moossuppe, die in Reise zum Mittelpunkt der Erde dem Hamburger Professor Lidenbrock bei einer isländischen Familie aufgetischt wurde. Es war Flechtensuppe, die traditionell mit Milch und Zucker zubereitet wird: Eine fjallagrasaeggjamjólk. Und obgleich Centraria islandica eigentlich eine Flechtenart ist, wird sie heute in Deutschland Isländisch Moos genannt.

    Den Unterschied zwischen Moosen und Flechten entdeckte 1869 der Schweizer Botaniker Simon Schwendener. Da hatte Jules Vernes sein berühmtes Buch bereits veröffentlicht. Seitdem heißt es in der deutschen Übersetzung Moossuppe. Im Gegensatz zum Moos, bilden Flechten symbiotische Gemeinschaften aus völlig unterschiedlichen Organismen, bestehen aus einer Pilz- und einer Algenart.

    Dadurch können Flechten die widrigsten Lebensumstände überleben: Was der Pilz kann, kann die Alge nicht und umgekehrt. Und was der Pilz nicht kann, das kann die Alge. So ein ergänzendendes Zusammenleben wird meist Symbiose genannt, Komplizenschaft klänge in diesem Zusammenhang etwas verschwörerisch, ja, beinahe kriminell.

    Schlager und Diät-Margarine

    Seine Doktorarbeit ließ der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, so verriet mir kürzlich eine Wissenschaftlerin, mit großer Sicherheit von einem anderen Menschen anfertigen, also in Symbiose mit einem Komplizen. Nachdem der Betrug aufflog, und zu Guttenberg Titel und Amt verlor, zahlte er eine Strafe und zog ein paar Monate in die USA. ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo interviewte ihn dort für dessen Comeback-Buch. Nach einer kurzen Schamfrist kehrte der Adelsherr zurück.

    Auf der Titelseite der ZEIT sollte die Rehabilitation nun ihren Lauf nehmen. Der Chefredakteur stellte dem Schwindler allerdings zu harmlose Fragen. Die ZEIT-Leser waren empört, viele kündigten ihr Abo und Giovanno di Lorenzo gab sich am Ende zerknirscht, räumte einen Fehler ein.

    Von ähnlicher Qualität war auch das Comeback-Interview von taz-Chefredakteurin Ines Pohl und taz-Redakteur Jan Feddersen mit Grünen-Chefin Claudia Roth. „Es war sehr bitter, eine parteiinterne Wahl zu verlieren“, sagt die Politikerin da und ergänzt ganz brav: „Mein Verantwortungsgefühl hat mich aber bei der Partei gehalten.“

    Die Journalisten stellen gefühlige Fragen, die Schlagerphrasen von Rosenstolz und Gitte ähneln: „Aber schmerzhaft war’s schon?“ und „Echt weh tat es doch, oder?“ Und sie zwitschern vereint im Duett „Wir hören das Tröstliche.“ Claudia Roth flötet zurück: „Ihr kennt mich, wie ich bin. Und ich will so bleiben, wie ich bin.“ Schmierig wie Werbung für Diät-Margarine.

    Murat Kurnaz und Angela Merkel

    Es fehlen klare Fragen wie etwa: „Warum wollte die rotgrüne Regierung seinerzeit eigentlich nicht die Offerte der USA annehmen, den Bremer Deutschtürken Murat Kurnaz aus Guantanamo nach Deutschland zurückkehren zu lassen?“ Dabei könnten solche Fragen ja durchaus schlagerartig, gefühlig gestellt werden.

    Um so zumindest den Anschein der Komplizenschaft zu zerstreuen: „Waren Sie, liebe Claudia eigentlich menschlich sehr betroffen, als ausgerechnet unter einer CDU-Kanzlerin Angela Merkel und schwarzgelber Regierung der unschuldig eingesperrte Bremer wieder nach Deutschland einreisen konnte?“ Und wenn dann noch eine Betroffenheitsträne aus dem Augenwinkel kullert, dann gewinnen Claudia Roth und all ihre Komplizen sofort wieder an Glaubwürdigkeit.

    Ob die mediale Öffentlichkeit dann noch den Unterschied zwischen Moosen und Flechten erkunden möchte? Wahrscheinlich genau so dringend wie den Mittelpunkt der Erde. Beruhigend zu wissen, dass von Leuten wie Jules Vernes auch darüber bereits geschrieben wurde.

    Anm.d.Red.: Foto: Christian Straub, cc by 2.0.


8 Kommentare zu Keine Verbindung? Die kriminelle Energie von gescheiterten Politikern und Journalisten

  • Hartnäckig hält sich der Glaube, dass Zeitungs-Interviews so wiedergegeben werden, wie sie aufgenommen wurden. Das mag im Ausland so üblich sein, in Deutschland hat sich nach dem 2. Weltkrieg leider bei vielen Printmedien die Unsitte des sgenannten "Autorisierens" erhalten, d.h. dass der fertige Text vom Interviewpartner korrigiert (zensiert) wird.
    Viel zu selten machen Zeitungen diese unnötige Prozedur publik, sonst würde es viel häufiger interessante Fragesteller geben, wie diesen niederländischen Kollegen (man beachte die peilich berührten Gesichter seiner deutschen Kollegen): https://www.youtube.com/watch?v=XaWE8K2nRVs
  • Rainald Krome am 12.08.2013 19:43
    Mir gefällt der Begriff Kriminalität in diesem Kontext, fast noch besser als Verschwörung. Klaus Theweleit hat mal (Leute wie Kai Dieckmann und Frank Schirrmacher ins Auge fassend) das Wort "Berufsverbrecher" geprägt. Ist der Journalismus-Politik-Komplex eine weitflächig rechtsfreie Zone? Brauchen wir neue Gesetze?
  • Samwer am 13.08.2013 08:10
    @Wolf: Merkels Antwort, "weil diese Person mein Vertrauen hat", ist natürlich super. Dieses Vertrauen haben die Bürger in die Politiker längst nicht mehr. die Journalisten haben sich zu sehr auf die Seite von Leuten wie Merkel geschlagen. Das muss sich ändern. Auch: Die Politiker sollten das von Bürgern an sie gerichtete Mißtrauen auf sich selbst und ihresgleichen anwenden.
  • Katja am 13.08.2013 08:59
    Die Pressefreiheit ist doch schon seit langem tot. Ich habe es mehr als einmal erlebt, dass Informationen zurückgehalten wurden, weil man die Anzeigekunden nicht verschrecken wollte. Trotzdem ist das auch eine Konsequenz daraus, dass immer mehr Menschen nicht dazu bereit sind für guten Journalismus Geld auszugeben, sodass Artikel oft immer ein wenig die Ansichten der Anzeigekunden wiederspiegeln müssen.
  • Susann Hochstein am 13.08.2013 10:43
    In diesem Zusammenhang sei an ein unterstützenswertes Projekt erinnert:
    https://krautreporter.de/
  • @#1: ein trauriger Gipfelpunkt einer 'Kultur des Nicht-Authorisierens von Interviews' ist mit Tom Kummer zu SZ-Magazin-Zeiten erreicht worden:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Kummer
  • @2u: es gab in der BG kürzlich einen Beitrag über Tom Kummer und seine Arbeitsweise - kann man als eine Art Würdigung lesen: http://berlinergazette.de/tom-kummer-wirklichkeit/
  • groove68 am 14.08.2013 22:10
    Die Kurnaz-Freilassung war während der schwarz-roten Regierung, sonst wichtiger Beitrag.

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