• „Das ist keine Kissenschlacht“: Wie Piraten und Kapitalisten zusammenkommen – ohne zu schmusen

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    Die Zusammenarbeit zwischen Piraten und Kapitalisten scheint auf den ersten Blick unmöglich. Die Hackerin, IT-Security-Expertin und Politikwissenschaftlerin Eleanor Saitta (@dymaxion) sieht das anders: Es gibt gute Gründe, Überschneidungen zwischen beiden Welten auszumachen. Dabei dürfen die Piraten nicht vergessen, die freien Grundstrukturen des Internets zu verteidigen – dieser Prozess wird keine Kissenschlacht. Berliner Gazette-Redakteurin Annika Bunse hat sie getroffen und sprach mit der digitalen Normadin über mögliche Schnittstellen zwischen Piraterie und Kapitalismus.

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    Eleanor Saitta hat zwei Gesichter. Auf ihrer Homepage erklärt sie sich selbst zur Barbarin, beim Gespräch ist ihr Blick fast mütterlich, obwohl sie dank des zurückgekämmten Pferdeschwanzes ihre extra kantigen Gesichtszüge freilegt. Das Harte an der Frau mit den weichen Augen wird noch durch ihr Outfit unterstrichen – von Kopf bis Fuß in Schwarz und mit Lederbadges an den Knien und schweren Boots.

    Der Laptop mit der roten Reflektionsfolie verleiht Saitta noch den letzten Schliff. Sie ist Hackerin. Und Designerin, Künstlerin, die an Flughäfen schläft, Autorin. Ein Leben im Transit. Digitale Nomadin. Getrieben ruht sie in sich. Das sieht man ihr alles auf den ersten Blick an, als sie „Hi“ sagt. Ihre Stimme ist sehr tief und schallt ein wenig. Wir sprechen über mögliche Schnittstellen zwischen Piraterie und Kapitalismus.

    Auf den ersten Blick erscheinen uns beide als diametrale Prinzipien. Da weht auf der einen Seite der kalte Wind des Wettbewerbs, der sich aus steter Verdrängung anfacht, auf der anderen finden sich Menschen in Crowds zusammen und stellen ihre Handlungen unter das Ideal freiwilliger Kooperation.

    Können Piraten und Kapitalisten zusammen produktiv werden?

    Das ist auf jeden Fall möglich. Möglich heißt dabei aber nicht dasselbe wie leicht. Ich meine, wir leben in einer Welt, in der Aktionen wie diese immer noch als recht umstritten gelten – und in manchen Fällen wecken sie dann auch noch andere Interessen.

    Spielen Sie damit auf die Snowden-Leaks an?

    Ja, die Erkenntnisse, die wir dank Snowden gewonnen haben, zeigen insbesondere auf, dass das Internet – von dem wir ja angenommen haben, dass es ziemlich frei ist – in Wirklichkeit weitaus stärker kontrolliert wird, als es uns zuvor ersichtlich war. Und mit Blick auf die Piraten und Kapitalisten denke ich nicht, dass dieses Faktum existierende grundlegende Strukturen auf einen Schlag ändern wird, es bedeutet auf einer übergeordnenten Ebene vielmehr, dass wir nicht nur eine Kissenschlacht führen werden, wenn wir Strukturen herausbilden wollen, die langfristig wirksam sind.

    Sollen die vorhandenen Strukturen in Konsequenz ganz ersetzt oder doch nur erschüttert und dann neumodelliert werden?

    Ehrlich gesagt sind wir weitaus besser dran, wenn wir die alten Strukturen so weit es geht ignorieren und einfach daran weiterarbeiten, Dinge zu entwickeln, die menschlich und nützlich für alle sind. Es besteht da eine starke Spannung zwischen dem Ansatz einfach nur Dinge hervorzubringen, die die bestehenden Strukturen nicht herausfordern und dem, etwas zu schaffen, das einen wirklichen Einfluss in der Welt ausübt.

    Das klingt nach stillschweigender Akzeptanz gewisser Einschränkungen an. Was ist der Grund dafür?

    Ich denke, unser Leben ist umso einfacher, je länger wir eine direkte Konfrontation mit den existierenden Strukturen verzögern. Nicht dass wir es vermeiden sollten, wenn es Sinn macht. Aber vorzeitig einen Kampf anzuzetteln wäre gerade in dieser Hinsicht wenig zielführend.

    Wenn man es nun von der Metaebene auf eine konrekte Situation herunterbricht: Was für Probleme treten auf, wenn ein Pirat und ein Kapitalist zusammenarbeiten?

    Das hängt dann wohl davon ab, wie sie miteinander zurechtkommen. Doch auch jemandem, der ganz auf der Seite der Piraten steht, sollte ein Argument für Co-working bewusst sein, nämlich der Markt. Vielleicht nicht der Markt, der so aussieht wie der, den wir gerade haben, aber ich glaube, dass es gerade in dieser Hinsicht wirklich viele gute Gründe gibt, Überschneidungen zwischen beiden Welten auszumachen. Das ist ein fortlaufender Prozess.

    Was sollten die jeweiligen Akteure denn bei solch einer Kooperation berücksichtigen?

    Man sollte beachten, dass es unklug ist, allein, also ohne Unterstützung, zu arbeiten, alles übers Knie brechen und alles Bestehende auf einen Schlag verwerfen zu wollen. Wir haben die Aufgabe selbst so anspruchsvoll gemacht – darum ist es nicht sinnvoll, sich Feinde zu machen, die man sich eigentlich nicht zu machen braucht.

    Mit Blick auf heute: In welchen Feldern arbeiten Kapitalisten und Piraten bereits erfolgreich zusammen?

    Im Journalismus gibt es bereits viele Beispiele, wobei gute Dinge initiiert und unterstützt werden, Prüf-Organisationen, die tolle Arbeit damit machen, sich mit dem post-intellektuellen Monopol, Rechtsstrukturen und noch vielen weiteren Dingen auseinander zu setzen. Wir sehen das Ganze aber mehr oder weniger im Schatten der sharing-economy, die nicht so offen ist, wie sie denkt, dass sie es ist. Es ist aber auf jeden Fall ein Vorstoß in die richtige Richtung, der auch erstmal Platz für weitere schafft.

    Jetzt mal abgesehen von den Kapitalisten: Sollten auch Institutionen offener werden und mit Piraten kooperieren?

    Die Rolle einer Institution in der Weltgeschichte ist in zwei Punkten immer dieselbe: Sie ist ein guter Hüter der Erinnerung. Sie versucht Netzwerke zu unterstützen, ohne deren Wert zu monopolisieren. Das bedeutet dann aber zwangsläufig, das Geld auf dem Tisch liegen lassen zu müssen, was aber wieder problematisch mit Blick auf die bestehenden Netzwerk-Strukturen des Kapitals ist – die ja schließlich in die Richtung drängen, so etwas auf gar keinen Fall zu tun. Es ist in Stein gemeißelt, dass sie versuchen, alle Werte an sich zu reißen. Und wir sehen institutionelle Organisationsstrukturen und andere Unternehmensstrukturen, die existieren, um dieses Verständnis noch zu fördern.

    Was wären denn die Vorteile einer derartigen Kooperation?

    Es wäre doch an erster Stelle gut, dass wir nicht alle Organisationen töten müssen. Ich glaube, dass es durchaus nützliche Rollen für Institutionen gibt. Wir sollten einigen von ihnen erlauben zu leben! Manche von ihnen brauchen wir ja auch, wenngleich bestimmt nicht alle, die gerade existieren. Wir können sie ja auch sehr einfach ersetzen. Es wäre aber generell praktischer, wenn wir es nicht tun müssten.

    Dafür wäre ja auch erstmal eine Infrastruktur von Nöten, die an die Koordinationsbedürfnisse von Piraten und Kapitalisten angepasst sein müsste: Wie schreitet die technische Entwicklung in dieser Hinsicht voran?

    Die Entwicklung ist hart, sehr teuer und geht auch nur schleppend voran. Dinge bewegen sich, aber sie bewegen sich nur ganz ganz langsam. Und dann gibt es da auch noch die Forderung, wieder ganz zurück in Richtung Dezentralisierung zu gehen – und die Rufe danach werden immer lauter. Viele der Organisationen, die vorher auf ambivalente Art gearbeitet haben, ein Großteil der Internet-Standard-Leute stellen sich heutzutage immer aggressiver auf die Seite Pro-Dezentralisierung – und gerade dieser Trend wird über längere Zeit große Auswirkungen haben.

    Anm. d. Red.: Eleanor Saitta war eine von rund 50 internationalen Gästen der COMPLICITY-Konferenz der Berliner Gazette. Oben im Video-Player ist ihre Antwort auf den Vortrag von Michiel de Jong in der Live-Aufzeichnung zu sehen (circa ab Minute 20:00). Die umfangreiche Dokumentation der Konferenz (Live-Videos, Graphic Recordings, etc.) findet sich hier: berlinergazette.de/complicity.


1 Kommentar zu „Das ist keine Kissenschlacht“: Wie Piraten und Kapitalisten zusammenkommen – ohne zu schmusen

  • Resa G. am 08.01.2014 09:12
    Ich liebe Saitta, danke für den Text! Bisher wird sie im Feuilleton ja eher ignoriert. Warum eigentlich? Eine Intellektuelle unserer Zeit!!

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