• Phantomschmerzen

    Fehlt uns Gemeinschaft? Oder fehlt uns Sicherheit? Zygmunt Baumann stellt diese beiden existenziellen Fragen und denkt sie zusammen. Ausgangspunkt fuer seinen Essay >Gemeinschaften< ist die Beobachtung, dass die Sehnsucht nach Gemeinschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts identisch sei mit der Sehnsucht nach Sicherheit. Das Vorhaben des polnisch-britischen Soziologen besteht darin, die blinden Flecken dieser Kopplung aufzudecken.

    Wenn der Begriff Gemeinschaft in diesem Buch zunaechst nach seinen atmosphaerischen Implikationen abgeklopft wird, dann bleiben die Losungen von Politik, Wirtschaft und Werbung, welche verfuehrerische Bilder von Gemeinschaft in die Welt setzen, unausgesprochen und lediglich im Hinterkopf des Autors zu vermuten, explizit macht er sie bei seiner Suchbewegung jedenfalls nicht.

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    Vielmehr greift er nach dem, was allzu offensichtlich in der Luft zu liegen scheint: Gemeinplaetze von Gemeinschaft als Synonyme fuer alles, was Wohlbefinden garantiert aber schmerzhaft fehlt. Es geht um kollektive Vorstellungen und Wuensche, die in nichts anderem ihre Verdichtung erfahren, als in einem paradiesischen Ort der Sehnsucht. Dieser fiktive Ort stellt eine Fluchtoption aus der Unuebersichtlichkeit und Kontingenz einer Gesellschaft in Aussicht, in der sich Ungewissheiten und Unsicherheiten multiplizieren. Alles scheint sich zu verfluessigen und doch werden neue, harte Tatsachen geschaffen, die die Unrechtsverhaeltnisse von gestern systematisch erweitern. Am Ursprung dieses grundlegenden Wandels liegt das Ende der Gemeinschaft.

    War sie in prae-modernen und prae-industrialisierten Regionen natuerlich gegeben – Baumann reproduziert hier die umstrittene These von Toennies -, so wird sie mit dem Aufkommen von Grossstaedten und Nationalstaaten regelrecht ausgeloescht. In der entstehenden Kaelte der neuen Gesellschaftsordnung bleibt lediglich eine Ahnung davon zurueck. Fortan gibt es diesen seligen Zustand nur noch als verlorenes Paradies, dessen Surrogate instrumentalisiert werden, um veraenderte Herrschaftsstrukturen durchzusetzen. Vorlaeufiger Hoehepunkt dieser Entwicklung ist die Orchestrierung von common sense und Zugehoerigkeit im Ghetto, das die Superreichen als selbst gewaehlte und die unterprivilegierten Minderheiten als aufgezwungene Gated Community bewohnen.

    Dort herrscht jene Einheit, die die Vielfalt des heutigen Lebens auf bedrohliche Weise missen laesst. In seinen staerksten Momenten zeigt Baumanns Buch, wie die Oekonomie der Angst ein Gespenst der Gemeinschaft hervorbringt, das von den wahren Ursachen der vorherrschenden Unsicherheit ablenkt und damit auch von den wahren Aufgaben und Forderungen der Gemeinschaft. Worin aber bestehen diese?

    Der Begriff der Gemeinschaft taucht in Baumanns Werk aus eben genannten Gruenden immer wieder negativ besetzt auf. In der vorliegenden Schrift wird er insbesondere mit Konzepten wie Individualitaet und Multikulturalismus gegengelesen und im Zuge dessen um eine positiv aufgeladene Variante erweitert. Allerdings belaesst es der Autor dabei, diese Dimension anzudeuten. Der Leser ist angehalten von seinen kritischen, bisweilen dystopischen Ausfuehrungen ex negativo abzuleiten, auf welche Weise Figuren wie Gleichheit einen zugleich wuenschenswerten und erreichbaren Zustand von Gemeinschaft en Detail profilieren koennten.


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