• Politische Partizipation und digitale Lebensstile: Warum Integrationspolitik neu gedacht werden muss

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    Das Konzept der chancengleichen Teilhabe ist in Deutschland der Maßstab für die Ausgestaltung einer umfassenden und strategisch ausgerichteten Integrationspolitik. So auch im Land Berlin, das seit dem 2010 verabschiedeten Partizipations- und Integrationsgesetz, eine Vorreiterrolle beansprucht: Im Fokus steht das Recht auf Teilhabe von Menschen mit Einwanderungs- und Fluchtgeschichte. Der Migrationsforscher Robert Westermann beleuchtet die aktuelle Situation. Eine Bestandsaufnahme.

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    Auch wenn sich chancengleiche Teilhabe auf der politischen Ebene der Bundesländer immer mehr durchsetzt, ist diese in der wissenschaftlichen Debatte nicht unumstritten. Teilhabe wird zwar mehrheitlich als der wohl beste Mittelweg angesehen, der zugunsten einer „einfachen Anerkennung von Vielfalt“ auch die Identifizierung „gesellschaftspolitischer Handlungs- und Gestaltungsherausforderungen“ zulasse, stieß zuletzt aber auch auf Kritik.

    Dabei sind zum einen Positionen zu nennen, die eine gänzliche Abschaffung des Integrationsbegriffes fordern, da dieser zu einer Zementierung oder Schaffung von Dominanzverhältnissen führe. Zum anderen wird die zunehmende Substitution des Begriffes „Integration“ durch „Teilhabe“ beklagt, weil so eine dualistische Gegenüberstellung zwischen Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung entstehe.

    Vergesellschaftung vs. Vergemeinschaftung?

    Dass Vergemeinschaftungsprozesse zwar wünschenswert, aber integrationspolitisch nur schwer steuerbar sind, erklärt sich folgendermaßen: „Werte können nur in einem gemeinsamen Erfahrungs- und Begegnungskontext individuell angeeignet werden. (…) Und um Wertedifferenzen zu erfahren, um sie auszuhandeln, braucht es Begegnungen.“

    Integrationspolitik könne nur auf der Grundlage einer möglichst chancengleichen Teilhabe in gesellschaftlichen Subsystemen als Hebel fungieren, um Menschen auf Augenhöhe zusammenzubringen und durch diskursive Momente „unbewusste Wertevermittlung auf die Ebene des Bewusstseins zu heben“. (Haci-Halil Uslucan)

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    Hat Integrationspolitik also nur bedingt bzw. indirekt Einfluss auf die Ausformung von Vergemeinschaftung? Tatsächlich ist es so, dass Erfahrungs- und Begegnungskontexte zunehmend individueller, flexibler und vielfältiger werden: Waren es früher Klassen bzw. die Verortung in bestimmten Schichten und Milieus, so bilden und prägen heutzutage gerade jüngere Menschen ihre Identität in wechselnden Lebensstil-Gemeinschaften.

    Lebensstil-Gemeinschaften

    Mit Blick auf die integrationspolitische Debatte verbirgt sich hier ein noch viel zu wenig beachtetes Potenzial, denn Lebensstile wirken einerseits abgrenzend (aufgrund der Beharrung auf bestimmte Verhaltensmuster), sind andererseits aber „in besonderer Weise ‚anschlussfähig’“, da sie grundsätzlich mit anderen geteilt werden:

    „Integration bedeutet deshalb in Deutschland in immer höherem Maße: Einbindung in unsere unterschiedlichen Lebensstile“ (…) „da funktioniert Integration auch am besten, am schnellsten, am leichtesten: weil wir da etwas zusammen wollen und es gemeinsam tun!“ (Wolfgang Kaschuba)

    Dabei ist die „Integration in Lebensstile“ keine neue Erfindung; jedoch deutet sich an, dass sich mit zunehmender Digitalisierung (und Individualisierung) von Lebensstilen auch der Umgang mit Teilhabe und deren Steuerungsmöglichkeiten verändert.

    Teilhabe durch Digitalisierung

    Dass die Digitalisierung von Lebenswelten sowohl Wanderungs- als auch Integrationsprozesse revolutioniert, ist während des langen Sommers der Migration und der daraus entstandenen digitalen Flüchtlingshilfe und digitalen Selbstermächtigung von refugees deutlich geworden.

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    Bereits bei der Vorbereitung sowie während der Flucht selbst kamen digitale Medien, Netzwerke und Tools zum Einsatz: Über Facebook, WhatsApp und Viber wurden Informationen über die besten Fluchtrouten kommuniziert, Kontakte zu Schleppern und Schleusern in Foren im Internet arrangiert und Google Maps/ Translate als ständiger Wegbegleiter genutzt.

    Auch in der Zeit der offenen Grenzen war der mobile Zugriff zur digitalen Welt die Voraussetzung dafür, Hindernisse unter lebensgefährlichen Umständen zu überwinden und sich in Europa weitgehend autark zu bewegen.

    Vernetzte Zivilgesellschaft

    Angekommen in Deutschland trafen die Geflüchteten in der Hochphase der Fluchtbewegung auf eine Zivilgesellschaft, die, ebenfalls gut vernetzt, das Potenzial der digitalen Koordinierung und Flüchtlingshilfe schnell erkannt hatte.

    In einer Situation, in der sich der Beitrag eines zum Teil überforderten Staates auf die Zurverfügungstellung von Logistik und Unterbringung beschränkte, waren Freiräume entstanden, in denen Willkommensinitiativen in kürzester Zeit integrationspolitische Praxis digital mitgestalteten.

    Neben der Organisation direkter Hilfsmaßnahmen, häufig über Soziale Netzwerke wie Facebook, wurde im Rahmen verschiedener Initiativen (u.a. mehrerer Refugee-Hackathons) an digitalen Lösungen zur Bewältigung drängender Probleme gearbeitet. Das Ergebnis waren neue Smartphone-Apps, Webseiten und Plattformen im Internet, die den Prozess des Ankommens nachhaltig erleichterten und die Hindernisse anstehender Integrationsschritte antizipierten.

    Eine erste Übersicht aller digitalen Initiativen hatte das betterplace Lab im Februar 2016 erstellt. Eine „Projektübersichtsplattform“, das als eine Art „Suchmaschine“ für digitale Angebote und Projekte im Bereich der Flüchtlingshilfe funktioniert, ist Meta Collect. Die Initiative D21 bietet eine „Flüchtlingshilfe-Unterstützungs-Plattform“ an, mit der digitale Angebote leichter gefunden und angeboten werden können.

    Digitale Initiativen

    Die Grundvoraussetzung dafür war die Herstellung digitaler Autonomie: Die meisten Flüchtlingsunterkünfte sind mittlerweile mit freiem WLAN ausgestattet. Auf diese Weise können sowohl die Kommunen Verwaltungsinformationen leichter übermitteln, als auch die Geflüchteten Behördengänge besser organisieren und Wartezeiten sinnvoll nutzen.

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    Dabei ist gerade für junge bzw. minderjährige Geflüchtete die Nutzung des Internets zur Orientierung vor Ort, für den Spracherwerb und zur Aufrechterhaltung des Kontakts zur Familie lebensnotwendig.

    Teilhabe durch Digitalisierung funktioniert nicht nur bei administrativen Vorgängen. Auch Annäherungs- und Begegnungsprozesse werden einfacher. Wegweisend sind hierbei vielfach Projekte, bei denen die Kommunikation fast ausschließlich über Social Media Kanäle und Internet-Plattformen läuft: Informationen über lokale Veranstaltungen, bei denen gemeinsam gekocht, Sprachen gelernt oder programmiert wird, sind niedrigschwellig, frei zugänglich und können mit einem Klick „geteilt“ werden.

    Beispiele sind, neben vielen anderen, Über den Tellerrand kochen, Teachsurfing oder die REDI School. Über Initiativen/Meta-Plattformen wie GSBTB oder HelpToIntegrationspolitik 4.0

    Integrationspolitik muss in Anbetracht derzeitiger Herausforderungen weiter gedacht und entwickelt werden. In der kommenden Phase der Konsolidierung geht es darum, zu reflektieren, was während des langen Sommers der Migration gut funktioniert hat und wie diese Erfahrungen übertragen werden können.

    Der Aspekt der Digitalisierung von Teilhabe und Integration spielt dabei eine wichtige Rolle. Vor allem die sich im Aufbau befindenden Willkommenszentren könnten in diesem Bereich neue Maßstäbe setzen: Konzipiert als digitale Knotenpunkte hätten sie das Potenzial, jenseits der Verbreitung und Vermittlung von Informationen, die Aktivitäten in der Flüchtlingshilfe besser miteinander zu vernetzen.

    Auch die Verstetigung von zivilgesellschaftlichem Engagement und der damit verbundenen Innovationskraft muss koordiniert werden: Es gilt, die Integrationsarbeit von Willkommensinitiativen in Stadtteilen und Gemeinden nachhaltig zu verankern. Die Entwicklung von digitalen Lösungen, mit denen Integrationsprozesse erleichtert werden, müssen institutionalisiert und gefördert werden.

    Gemeinsames Kochen, Sprachen lernen oder Programmieren lassen sich nicht erzwingen, jedoch werden heutzutage Annäherungs- und Vergemeinschaftungsprozesse durch die Schaffung digitaler Autonomie, dem Einsatz digitaler Medien und einem digitalen Matching von Angeboten und Nachfrage wesentlich beschleunigt.

    Anm. d. Red.: Die Fotos stammen von Andi Weiland und stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz.


1 Kommentar zu Politische Partizipation und digitale Lebensstile: Warum Integrationspolitik neu gedacht werden muss

  • M. Berger am 11.01.2017 22:16
    Eine Gleichrangigkeit des dazugekommenen wird es natürlich niemals geben können, wenn man sich seines reichen kulturellen Erbes vergewissert. Denn nicht nur die Lebenden, auch die Ahnen, die Toten sind und bleiben lebendig und leitend in einer Kultur. Es stimmt: "Es gilt, die Integrationsarbeit von Willkommensinitiativen in Stadtteilen und Gemeinden nachhaltig zu verankern." Das ist in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt worden. Digitale Ansätze sind kein Ersatz für diese Basisarbeit und häufig mehr selbst-referenzielle Spielwiese als konkrete Hilfe zur Integration.

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