• Otaku in Japan: Wie Comic-Fans vorgefundene Massenprodukte neu erfinden

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    Die Gemeinde der Comic-Fans wächst von Tag zu Tag. In Japan bezeichnet man sie als „Otaku“. Dabei werden sie auch kreativ und schreiben ihre eigenen Comics. Die Kulturwissenschaftlerin Yuka Fukura liefert Basis- und Hintergrundwissen.

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    Im Japanischen bezeichnet man Comic-Fans als „Otaku“, vergleichbar mit dem Gebrauch des englischen Wortes Geek. Der Begriff wurde von Kolumnist Akio Nakamori geprägt, der diesen zunächst in einem Comic als Anrede gebrauchte. Ursprünglich ist „Otaku“ nämlich eine höfliche Anrede, ähnlich dem Deutschen „Sie“.

    Die verschiedenen Aktivitäten der Fans werden als „nijisosaku“ bezeichnet. Hierbei geht es häufig um die Veränderung beziehungsweise das Weiterschreiben eines Originalstücks aus dem Fantasy- und Science Fiction-Bereich.

    Zwischen Canon und Fanon

    Das kreative Treiben der Fans siedelt sich im sogenannten Spannungsfeld von „Canon“ und „Fanon“ an. Als „Canon“ würde ich in diesem Kontext das Originalstück eines Romans oder Mangas bezeichnen, welches als Basis verschiedener Fanfictions dienen kann. „Fanon“ wiederum ist der „Canon“ eines Fans. Also eine Fanfiction, die auf einem beliebigen Originalwerk „Canon“ basiert. In „Fan Fiction And Fan Communities In The Age Of The Internet“ differenzieren die Forscher Busse und Hellekson die Beziehung zwischen “Fanon” und “Canon” wie folgt:

    „Am allerwichtigsten für die Auseinandersetzung mit Fan-Texten ist das Verstehen von „Canon“ und „Fanon“. „Canon“ steht für die Handlung, Charaktere und Hintergrundszenarien des Originalstücks und dient dadurch als Basis für eine Fanfiction. Und „Fanon“ bezeichnet die Ereignisse, die von einer Fangemeinschaft in einem bestimmten „Fandom“ kreiert werden und wiederum in weiteren Fantexten wiederholt werden. „Fanon“ schafft oftmals bestimmte Details oder Charakterinterpretationen auch wenn dies im Widerspruch zum Original „Canon“ steht.“

    Die Wissenschaftler Chaney und Liebler definieren “Fanon” in „Canon vs. Fanon: Folksonomies Of Fan Culture“ wie folgt: „Fanon sind die Ideen und Konzepte über welche Fangemeinschaften zusammen entscheiden, um sie zum Teil der Handlung und der Charakterinterpretation eines Originals zu machen.“

    Kurz gesagt: „Fanon“ ist ein Antonym von „Canon“, kann also nicht ohne letzteres bestehen.

    Nijisosaku ist eine Form der Fanfiction und tritt in verschiedenen Formen auf: Manga, Illustration, Romanw und Lieder. Es beinhaltet neben Teilen des Originals unter anderem auch Homoerotik, Bilder oder Fortsetzungen der Handlung.

    Laut dem Yano Research Institut beträgt die Größe des Marktes an Fanzines – also Magazine von Fans für Fans – im Jahr 2011 rund 69 Milliarden Yen. Die Fanzines werden meistens online publiziert, jedoch nehmen auch Veranstaltungen, wie Conventions, immer mehr zu. Der „Comic Market“ ist die größte Manga-Convention und -Messe Japans. 2007 zählte er 500.000 Besucher. In diesem Sommer waren es bereits 590.000 Messeteilnehmer.

    Der „Traumroman“

    „Traumromane“ sind Romane oder Kurzgeschichten die im Internet von Fans geschrieben werden. Sie basieren auf der Handlung und den verschiedenen Charakteren des Originalstücks. Zu den Hauptmerkmalen des „Traumromans“ gehören die unbeabsichtigte Reise in eine Parallelwelt und die Vermischung mit Handlungen und Szenarien anderer Mangas.

    Der Autor kann den Namen des Hauptcharakters frei wählen. Der Hauptcharakter in einem „Traumroman“ ist normalerweise um einiges attraktiver als die Charaktere in den Originalstücken.

    Idealisierte (meist weibliche) Charaktere in einer Fanfiction werden “Mary Sue” genannt. Die Bezeichnung „Mary Sue“ kommt von einem Charakter in der Fanfiction von Star Trek „A Trekkies’s tale“. Sie ist allseits beliebt und bewältigt alle Probleme bravurös. Oftmals wird unterstellt, dass Mary Sue eine idealisierte Selbstdarstellung des Autors selbst ist. Obwohl es deswegen von Autoren vermieden wird Mary Sue in ihren eigenen Fanfictions auftreten zu lassen, ist sie ein Hauptcharakter in einem „Traumroman“.

    Ausbruch aus der vorgefertigten Realität

    Ein “Traumroman” kann zum Beispiel auf der Harry Potter-Reihe basieren. Ein mögliches Szenario könnte wie folgt aussehen: Die Hauptperson, selber Harry Potter-Fan, gelangt per Zufall nach Hogwarts (z.B. durch einen Fall durch einen Gullideckel). Sie wird als eine Verwandte von Dumbeldore Schülerin in Hogwarts.Da sie die Harry Potter Geschichte bereits kennt, ist sie in der Lage in das Geschehen einzugreifen und das Ende zu verändern. So kann sie andere Personen retten und freundet sich mit ihnen an oder verliebt sich sogar.

    Nijisosaku bezeichnet also kreative Fanarbeit mit (beziehungsweise: an) einem Original-„Canon“. Wie das oben genannte Beispiel jedoch zeigt, geht es bei der Kreation eines „Fanon“ nicht darum möglichst nahe an dem „Canon“ zu bleiben. Der Autor einer Fanfiction genießt jegliche Freiheit, bewegt sich jedoch in Bezug auf das Original. Es stellt die geteilte Grundlage für soziale Kommunikation und Beziehungen dar. Aber auch die vorgefundene, für Massen erzeugte Realität, die die Otaku sich aneignen um daraus etwas Eigenes zu machen.

    Anm.d.Red.: Weitere Beiträge zum Thema gibt es in der Berliner Gazette von Valie Djordjevic, Mitsuhiro Takemura und Krystian Woznicki zu lesen. Die Illustration oben zeigt eine Fan-Adapation von Hastune Miku.


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