• Organisierte Netzwerke: Von schwachen Beziehungen zu starken Verknüpfungen

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    Mehr Kommunikation als jemals zuvor in der Geschichte – das lässt sich rückblickend auf die vergangenen Jahre konstatieren. Besonders zwischen 2011 und 2013 wurde in den sozialen Medien ein Dauerrauschen hörbar, begleitet und beflügelt von politischen Turbulenzen: Von Thair bis Taksim, von Tel-Aviv bis Madrid, von Sofia bis Sao Paolo. Von diesem Kommunikationshöchststand ist inzwischen nichts mehr zu spüren. Berliner Gazette-Autor Geert Lovink und Medientheoretiker Ned Rossiter betrachten in ihrem Essay das Phänomen der schwachen Beziehungen und stellen ein Modell für starke Verknüpfungen vor: die organisierten Netzwerke.

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    Plattformen wie Twitter und Facebook wurden genutzt, um Gerüchte zu verbreiten, Berichte und Fotos zu verschicken und bei etablierten Medien zu kommentieren. Aber egal wie intensiv die Ereignisse auf den Straßen gewesen sein mögen, sie führten selten über kurze Beziehungen hinaus. Als temporär-autonome Freiräume fühlen sie sich wie die Brüche mit dem alltäglichen Leben während Karneval. Revolten ohne Konsequenzen?

    Es gibt wachsendes Missfallen an den Bewegungen inmitten der Ereignisse. Die Frage, wie eine kritische Masse erreicht werden kann, ist hier essentiell. Wie können wir über Smalltalk-Themen wie das Wetter hinwegkommen? Anstatt das Model der leninistischen Partei und die anarcho-horizontalistische Feier der Hauptversammlung gegenüberzustellen, schlagen wir vor, den General Network Intellect in die Organisationsdebatte zu integrieren.

    Kommunikationstool, das Dinge erledigen kann

    Seit den Marx-Bakunin Debatten sind gut 150 Jahre vergangen. Es ist an der Zeit, Technologie in das soziale Gewebe zu integrieren. Das organisierte Netzwerkmodell, das wir vorschlagen, ist zuallererst ein Kommunikationstool, um Dinge erledigen zu können. Wir sind uns bewusst, dass dieser Vorschlag problematisch werden könnte, sollten einmal tausende User involviert sein.

    Dieser Ausnahmezustand ist der Fall, wenn die Geschehnisse überhand nehmen. Wir müssen uns auf das Kommen von time-in-between fokussieren – die langen Intervalle, in denen Zeit ist, nachhaltige Netzwerke zu bauen, Ideen auszutauschen, Arbeitsgruppen zu organisieren und das Unmögliche möglich zu machen. Die heutigen Aufstände sind weder das Resultat von umfassenden organisatorischen Vorbereitungen im Hintergrund, noch produzieren sie basierend auf langen Beziehungen neue Netzwerke. Was übrig bleibt, ist ein geteiltes Gefühl: Die Geburt einer neuen Generation. Obwohl kleine Gruppen oft jahrelang an Streitfragen gearbeitet haben, sind ihre Anstrengungen normalerweise auf Interessenarbeit, Kampagne entwerfen, traditionelle Medienarbeit oder auf diejenigen, die direkt von der Krise betroffen sind, fokussiert. Wichtige Arbeit, aber nicht das Vorbereiten der Big Riot.

    Aber wünscht man sich zu viel, wenn man sich nach nachhaltigen Formen der Organisation sehnt, während die Welt in einem andauernden Fluss zu seinscheint? Sehr wenig Stabilität definiert Arbeit und Leben wie wir es kennen. Ideologien sind seit Jahrzehnten auf der Flucht. Ebenso wie die derzeitigen politischen Netzwerke unter den Aktivisten. Bestenfalls kann man von einer Blüte unerwarteter und zeitlich begrenzter Koalitionen sprechen.

    Das ORGNET Konzept

    Wir können uns darüber beschweren, dass Social Media Einsamkeit verursacht, aber ohne eine sorgfältige Nachprüfung der Bauweise sozialer Medien, können solch soziologische Beobachtungen schnell zu Formen der Abneigung führen. Was sich heutzutage als Kritik an nennt, hinterlässt die User oftmals mit Schuldgefühlen, nirgendwo hingehen zu können, außer zu den gleichen alten „Freunden“ auf Facebook oder Followern auf Twitter zurückzukehren.

    Das ORGNET Konzept (Organisierte Netzwerke) ist einfach und klar: Anstatt weiter die schwachen Beziehungen der dominanten sozialen Netzwerk auszubeuten, hebt ORGNET intensive Kollaborationen innerhalb einer limitierten Gruppe angestellter User hervor. Das Potential des Internets ist für Corportate Platforms, unsere privaten Daten. die sie weiterverkaufen im Austauschen gegen einen kostenfreien Gebrauch. Diese Möglichkeit gibt reiflich Speicher für Angriffe der NSA.

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    ORGNETs sind weder avant-garde noch nach innen gerichtete Zellen. Das Wort Organ wird betont. Damit meinen wir eine neuzeitliche Geste der Rückkehr zur Natur oder einen Rückgang in den sozialen Körper. Weder ist es ein Hinweis auf Aristoteles´ Werk Vol.6, Organon genannt. Noch weniger bezieht es sich auf die müde Auffassung von „Körper ohne Organe“. Das Organ von ORGNET ist ein sozial-technischer Apparat, mit dem Projekte entwickelt, Beziehungen aufgebaut und Interventionen gehalten werden.

    Hier sprechen wir von einer Verknüpfung zwischen Software Kulturen und sozialen Wünschen. Tödlich für diese Beziehung ist das Problem der algorithmischen Bauweise, was größtenteils von vielen Bewegungen übersehen wurde, die von Werbung motiviert und politisch geeinigt, Social Media Software wie Facebook, Twitter und Google+ übernehmen.

    Mainstream Social Media Plattformen, die mit einer fast garantierten Kapazität auskommen und als Massenetzwerkapparat agieren, sind ein ernstzunehmendes Problem, das nun vieles bekannt ist: Kommunikationssicherheit und die Wirtschaft der „freien Arbeit“.

    „Sharing“-Kultur: Passiv-aggressives Verhalten

    Obwohl ein kleines Aufblühen alternativer sozialer Medien wie Lorea, welches unter Aktivisten in Spanien weit verbreitet ist, zu verzeichnen ist, haben andere Bemühungen wie Diaspora eine eher desaströses Ende genommen, nachdem erfolgreich $200641 in Krediten über Kickstarter eingenommen wurde, es aber versäumte wurde, verbreitende Durchschlagskraft unter den Aktivisten zu gewinnen, bis zur letztendlichen Implosion, nachdem einer der Gründer Selbstmord beging. Die stetig wachsende Migration von Jugendlichen auf Instagram (ein Tochterunternehmen von Facebook) und Snapchat war wahrscheinlich unvermeidlich (unabhängig von den NSA Veröffentlichungen). Aber wie im April Laser und Libby Reinish in einer aktuellen Slate Kolumne anmerkten, benutzen all diese Alternativen wie die gewöhnlichen Social Media zentralisierte Server, die unheimlich einfach zu überwachen sind.

    Die derzeitigen Architekten des Social Medias tendieren dazu, passiv-aggressives Verhalten anzustacheln. Die User beobachten aus sicherer Distanz, was andere tun, ständig in Feinabstimmung mit ihrem eigenen Leben und der Neidkultur. Alles was wir ganz einfach tun können, ist unser Profilbild zu erneuern und den Leuten zu sagen, was wir gerade machen. In dieser „Sharing“-Kultur können wir nur unsere virtuelle Empathie zur Schau stellen. „So toll ist sie gar nicht. Warum passiert ihr immer alles Gute und mir nicht?“

    Organisierte Netzwerke brechen radikal mit dieser erneuern und beobachten Logik und schieben die Aufmerksamkeit vom Beobachten und Verfolgen diffuser Netzerwerke zum Erledigen von Sachen, zusammen. Es gibt mehr in dieser Welt als Selbstverbesserung und Bemächtigung. Wovon die Netzwerkarchitekten abrücken müssen, ist eine auf den User zentralisierte Einstellung. Die Bewegung sollte von dem aufgabenspezifischen Design zu einer beschützenden Art wandern.

    Ein Netzwerk, das organisiert

    Nach drei Monaten Edward Snowden/NSA Skandal schrieb Slavoj Žižek im Guardian „wir brauchen ein neues, internationales Netzwerk, um den Schutz von Whistleblowern und die Verbreitung deren Nachricht zu organisieren. Achten Sie darauf, dass unsere zwei zentralen Argumente hier gebraucht werden: ein Netzwerk, das organisiert. Haben wir uns einmal alle auf diese Aufgabe geeinigt, ist es wichtig die Diskussion weiterzuführen und uns auf die organisatorischen Dimensionen dieses zeitgemäßen Aufwands zu konzentrieren. Es kann ein einfacher rhetorischer Move sein, um zu betonen, was schon versucht wurde, aber das müssen wir nichts desto trotz tun.

    Eine der ersten Beobachtungen, die wir machen müssen, sind wie Anonymous das fehlende Stück in Žižek’s Auflistung von Assange, Manning und Snowden ist.Ungeachtet mehrerer Rückschläge bleibt Anonymous eine effektive, dezentralisierte Leistung, um Geheimnisse aufzudecken und diese publik zu machen. Anonymous bricht mit dem neo-liberalen Bild des individuellen Helds, der aus subjektiven Impulsen heraus operiert, Codes knackt, um sensibles Material zu veröffentlichen. Der große Vorteil von anonymen Netzwerken ist, dass sie von der Old School Logik von Print- und Fernsehmedien, die ihre Geschichten personalisieren müssen, abrücken und dabei eine Berühmtheit nach der anderen kreieren. Anonymous sind viele, nicht nur Lulzsec.

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    Außerdem müssen wir uns die ganzen schiefgegangenen Klone von Wikileaks angucken und solche, wie Balkan Leaks, die es schaffen zu überleben. Es gibt GlobaLeaks und die herausragende technische Debatte darum, wie man funktionierende Submission Gateways aufbaut. Es wurde schon ausreichend beschrieben, dass WikiLeaks selbst hierfür eine desaströses Model abgibt, wegen des Kults um seien Gründer und Chefredakteur Julian Assange, dessen Leistungsgeschichte durch fehlgeschlagenen Kollaborationen und Ausfälle geprägt ist. Abgesehen von dieser „Regierungsdebatte“ müssen wir uns weiter auf die Frage konzentrieren, was genau das Netzwerk Modell, in diesem Kontext, zur Folge haben könnte. Einen Schritt, den WikiLeaks nie gewagt hat, ist der, der nationalen Marken, entweder in Nationalstaaten oder sprachlichen Territorien.

    Was Netzwerke noch lernen müssen

    Ein globales Verteidigungsnetzwerk zu betreiben, wie Žižek vorschlägt, sieht natürlich, aufgrund seiner Kosten Effektivität, der flexiblen Natur, sexy aus, aber die geringe Reichweite dieser Single Person Organizations (SPOs) macht es auch schwierig, sich in verschiedenen Bereichen einzusetzen und neue Koalitionen zu schließen. Existierende Netzwerke nationaler und digitaler Bürgerrechtsorganisationen sollten hier eine Rolle spielen, haben es bisher allerdings noch nicht.

    Und es ist wichtig, zuerst zu diskutieren warum die US Organisation EFF, das European Digital Rights Network oder der Chaos Computer Club was das betrifft, noch keine ansprechende Kampagne entworfen haben, die es Künstlern, Intellektuellen, Autoren, Journalisten, Designern, Hackern und anderen Irregulars ermöglicht ihre Anstrengungen zu koordinieren, trotz ihrer Unterschiede. Das gleiche gilt für Transparency International und Journalisten Gewerkschaften. Die IT-Natur der Befürworter scheint es für existierende Organe schwer zu machen, die Aufgabe diese neue Form des Aktivismus zu schützen anzunehmen.

    Netzwerke sind keine Ziele an und für sich und ordnen sich organisatorischen Zwecken unter. Auf Internet und Smartphone basierende Kommunikation war einst neu und aufregend. Dies hat einige Verstörtheit verursacht, aber das wird bald vorbei sein. Verstörtheit wird langweilig. Die positive Seite von Netzwerken (im Vergleich zu der Gruppe) bleibt die offene Struktur. Allerdings müssen Netzwerke „lernen“, sich aufzuteilen oder zu „gabeln“, wenn sie zu groß werden. An diesem Punkt treten Netzwerke gewöhnlich in die Gefahrenzone, den Fokus zu verlieren. Intelligente Software kann uns unterstützen, Verbindungen zu lösen, Konversationen zu schließen und Gruppen zu löschen, sobald ihre Aufgaben erledigt sind. Wir sollten keine Angst haben, die Party zu beenden.

    An.d.Red.: Die Fotos zeigen Rettungsarbeiter im kollektiven Einsatz und stammen aus dem Archiv von The National Guard. Sie stehen unter einer Creative Commons Lizenz.


1 Kommentar zu Organisierte Netzwerke: Von schwachen Beziehungen zu starken Verknüpfungen

  • Tatsächlich bieten soziale Netzwerke die Möglichkeit des "Big Riots", aber das er nicht stattfindet ist im Prinzip kein Problem, welches aus den kommerzialisierten und überwachten Netzwerken entstammt. Vielmehr liegen die Ursachen in der Mentalität der Massen, die vor Risiken zurückschreckt und es sich in der Abhängigkeit von den Eliten gemütlich gemacht hat. Alternative Programme können zwar einen Beitrag zur Emanzipation leisten, aber diese muss weiterhin in der materiellen Welt gelebt und umgesetzt werden.

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