• Nur die Maschinen überleben

    Ich betrete ein menschenleeres Gebäude. Drei Etagen hoch, die umlaufenden Galerien werden von aufmerksamen Wachen abgeschritten, halb menschenfreundlich, halb pingelig-gelangweilt. Bildschirme und Projektionen, altertümliche Interfaces, in die ich mich setzen, auf die ich mich stellen solle, deren Eingabetasten ich drücken, mit deren Zeigegeräten ich Leuchtmarkierungen auf Bildern bewegen möge. Ich wandere durch leere Welten.

    Ich erinnere mich an den 18. Oktober 1997. Damals schrieb ich an meiner Promotion, im letzten Semester, und ich genoss es, mitzuerleben, wie dieser Ort – ein groß angekündigtes Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Deutschland – eröffnet wurde. Gebührend gefeiert wurde es mit der Performance eines tatsächlich genuinen und zeitgenössischen Medienkunstkollektivs des deutschen Sprachraums: Kraftwerk spielten eines ihrer seltenen Konzerte.

    Quo vadis, Medienkunst?

    Noch gab es für deutschsprachige Leser keine Weblogs, nur ein umständliches Netz der Netze, keine sozialen Medien. Doch hätte der Kairos dieses Momentes von seinen AkteurInnen dazu genutzt werden können, die Medienkunst von einer historisch, kulturell und geographisch eng umgrenzten Strömung sich zu einem umfassenden Genrebegriff entwickeln zu lassen: Malerei; Skulptur; Medienkunst.

    Was geschah der Medienkunst? Die vielen Festivals, die zahlreichen großartigen, einzelnen Werke; die hochengagierten Köpfe und Hände, welche organisierten, welche Lobbyarbeit betrieben, welche uns tatsächlich neue, überraschende Weisen des Erlebens von Bildern, Klängen, von Handlungen und Zeichen zeigen konnten: Was ist davon geblieben?

    Zweite Moderne ade

    Konnte Heinrich Klotz als Kunsthistoriker mit großer Verve die Artefakte der Medienkunst noch prononciert als Anzeichen einer sogenannten „Zweiten Moderne“ reklamieren, so ist dies nun – 13 Jahre später – kaum mehr als eine epochentypische Teilströmung. Getragen und vorangetrieben durch finanz- und entscheidungsmächtige Institutionen.

    Das Land Baden-Württemberg, seine Landesbank und sein größtes Energie-Unternehmen, Hochschul-, Bildungs- und Museumsbetreiber könnten das Überdauern der Medienkunst vermutlich bis in die 2020er, 2030er Jahre sicherstellen. Die Machination der Stipendien und Foren, der Symposien und Festivals, der Jubiläums- und Werk-Ausstellungen – sie wird und soll, so hoffe ich, noch lange weiterarbeiten.

    Nur noch Maschinen

    Ich erinnere mich an einzelne Episoden aus Gene Roddenberrys Star Trek: Ein Landeteam betritt einen fremden Planeten. Alles ist dort menschenleer. Nur die übrigen und zurückgelassenen Maschinen einer ehemals lebendigen Zivilisation drehen und rattern vor sich hin. Doch niemand ist mehr da. Alles ist verlassen. Menschen werden hier nicht gebraucht. Nicht einmal als Besucher. Diesen Eindruck erweckte Imagining Media in mir, als ich es am 11. März 2010 im ZKM Karlsruhe besuchte.


6 Kommentare zu Nur die Maschinen überleben

  • Sonja am 17.03.2010 09:46
    Maschinenkunst, die über eine Zeit der reinen, post-humanen Maschinenkunst sinniert, ist nur dann Maschinenkunst, wenn sie von Menschen gemacht wird --- handelt es sich deshalb nicht "automatisch" um Kunst, die über den Menschen nachdenkt, seinen Verbleib in der Zukunft, seine Rolle in Übermorgenland?
  • Anthropozentrismus anyone?
  • Susi. H. am 17.03.2010 11:13
    @ ZK: Wie meinst du das?
  • Anthropozentrisch bedeutet, dass der Mensch sich selbst als den Mittelpunkt der weltlichen Realität versteht. Es leitet sich vom griechischen άνθρωπος, ánthropos, „Mensch“ und dem lateinischen centrum bzw. (alt)griechischen κέντρο(ν), kéndro(n), „Mittelpunkt“ ab. Der Anthropozentrismus hat eine weltanschauliche, eine ethische und eine religiöse Komponente als Schnittpunkt.

    Ein im Zusammenhang mit dem Anthropozentrismus verwendetes Sprichwort ist „Der Mensch ist der Maßstab aller Dinge“.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Anthropozentrismus
  • solfrank am 17.03.2010 14:21
    aber es geht halt um maschinen: technozentrismus daher doch eher! besser: technodeterminismus
  • @solfrank klar: ziemlich naiver technodeterminismus ist das problem der zkm/khm-ästhetik.

    @zk ist für dich die abkehr vom technozentrismus sofort anthropozentrismus? da gibt es doch viel mehr dazwischen...

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