• Im Schatten der Post-Snowden-Welt: NSA nutzt Meta-Daten, um mit Drohnen zu töten

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    Zu den wichtigen Aspekten des NSA-Skandals zählt die Debatte über Metadaten. In deutschsprachigen Medien ist dabei meistens vom Ende der Privatsphäre die Rede. Ausgeblendet werden jedoch die militärischen Drohneinsätze, die auf Grundlage der gesammelten Daten erfolgen. Der Technik-Experte und Journalist Detlef Borchers kommentiert.

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    Metadaten oder Metainformationen sind Daten, die Informationen über Merkmale anderer Daten enthalten, aber nicht diese Daten selbst. Bei den durch Metadaten beschriebenen Daten handelt es sich oft um größere Datensammlungen wie Dokumente, Bücher, Datenbanken oder Dateien. So werden auch Angaben von Eigenschaften eines einzelnen Objektes (beispielsweise Personennamen) als dessen Metadaten bezeichnet. Wikipedia

    NSA-Debatte reloaded: Zunächst hieß es, dass die NSA gesetzestreu sei und keine US-Bürger ausspioniere. Dann wurde argumentiert, es handele sich nur um Metadaten, die da gespeichert werden sollen. Den Höhepunkt dieser Metadaten-Debatte bildete schließlich die Aussage des ehemaligen NSA-und CIA-Chefs Michael Hayden bei einer Podiumsdiskussion, dass man auf Basis von solchen Metadaten töte.

    Die Auswertung von Verbindungsdaten (z.B. welcher Anschluss wann, wo, mit welchem Anschluss und wie lange verbunden war) wirft für das US-Militär offenbar ausreichende Erkenntnisse ab, um die Ziele von Tötungsmissionen zu identifizieren, bei denen Drohnen eine wichtige
    Rolle spielen.

    So wurden im April 2014 in Jemen eine Welle von Drohnenangriffen geflogen, bei denen nach Auskunft der Air Force 60 mutmaßliche Jihadisten getötet worden. Dabei spielte die Auswertung der überwachten Kommunikation von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) eine wesentliche Rolle, auch wenn Mittelsmänner halfen, indem sie Peilsender an Fahrzeugen der Al Kaida befestigten. Vor diesem Hintergrund wurde entschieden, Metadaten zu nutzen, um mindestens vier Personen hinzurichten.

    Drohnen bevorzugt

    In seiner traditionellen Rede vor den Militärkadetten von West Point hat US-Präsident Obama Ende Mai betont, dass die Strategie, in jedes Land einzumarschieren, das Terrornetzwerke beherbergt, naiv und unhaltbar sei. Er werde deshalb weiterhin Drohneneinsätze und Gefangennahmen gegen Terrorverdächtigte befehlen, wenn diese notwendig seien, „um uns selbst zu schützen“. Klarer denn je sind damit Drohnen als „bevorzugter Aktuator“ positioniert, wie das in der Sprache der Militärs umschrieben wird.

    Nach Snowdens Enthüllungen geht es nicht an, die Drohnen isoliert von den umfassenden Datenanalysen all der NSA-Programme zu betrachten. Ob Metadaten untersucht werden oder ob versucht wird, mit Hilfe der Gesichtserkennung Terroristen zu finden, immer muss man die Drohne und ihre Hellfire-Raketen mit ins „Spiel“ denken. Sie ist der Gefechtsprengkopf des NSA-Netzwerkes in dem Informationskrieg, der längst nicht mehr geheim ist. Der britische Kryptologe Ross Anderson brachte diesen Aspekt des NSA-Skandals auf den Punkt, als er schrieb:

    „Als Großbritannien und die USA Deutschland im Jahre 1944 angriffen, schickten wir nicht wie im I. Weltkrieg Millionen Menschen nach Europa, sondern eine Kampftruppe von einigen Hunderttausend Männern mit Tausenden von Panzern, gestützt von Tausenden von Flugzeugen und Schiffen. Heute ist der Übergang von der Kriegsarbeit zum Kapitaleinsatz noch größer geworden. Um einen ausländischen Führer zu töten, können wir eine Drohne nehmen, die eine Rakete abfeuert, die gerade einmal 30.000 Dollar teuer ist. Aber sie ist gestützt durch ein kolossal teures Investment — der Marktwert all der Firmen, die mit PRISM angezapft wurden, liegt über einer Billion Dollar.“ (Quelle)

    NSA-Skandal: Drohneneinsatz wird ausgeblendet

    In Deutschland wird viel vom NSA-Skandal gesprochen und vom Ende der Privatsphäre. Der mitzudenkende Drohneneinsatz wird ausgeblendet. Zur Berliner Luftfahrtshow ILA verkündete Generalleutnant Martin Schelleis, Kommandeur aller Einsatzverbände der Luftwaffe, dass man sich eine Mehrzweckdrohne wünsche, keine reine Aufklärungsdrohne wie die in Afghanistan angemietete Heron 1 aus Israel. Den Mehrzweck sah er in der mitgeführten Hellfire und sprach dementsprechend von einer „Minimierung der Sensor-to-Shoot-Zeit“.

    Anschließend zeigte Schelleis eine Folie zu dem, was die Bundeswehr nicht will: automatische Drohnen, die nach Datenlage sofort selbst einen Angriff auslösen können — und „Targeted Killings im Stil anderer Länder“. Doch die saubere Trennung gelingt nur als Powerpoint: Schon das Betriebssystem der Drohnen, ob aus Israel oder den USA, bleibt der Bundeswehr verschlossen und könnte Daten ausleiten wie einspeisen, ganz zu schweigen von den angemieteten Satellitenleitungen, über die der Fernlenkkörper vom „Man in the Middle“ gesteuert wird. Schließlich ist auch das, was die Sensoren vom überflogenen Land melden, nur in einem Verbund von Sensoren und Daten interpretierbar.

    So einfach wie das Wetter

    Erinnert sei an die offizielle Stellungnahme des BND:“Der BND arbeitet seit über 50 Jahren mit der NSA zusammen, insbesondere bei der Aufklärung der Lage in Krisengebieten, zum Schutz der dort stationierten deutschen Soldatinnen und Soldaten und zum Schutz und zur Rettung entführter deutscher Staatsangehöriger.“

    Bei dieser Auslandsaufklärung speiste der BND nach der NSA und dem britischen Geheimdienst GCHQ die „drittgrößte Zahl“ an Telefon- und Metadaten in das gemeinsam betriebene Aufklärungssystem ein, berichten die Spiegel-Journalisten Marcel Rosenbach und Holger Stark in ihrem Buch zum „NSA-Komplex“.

    Die Erkenntnis, dass Drohnen und die Datenanalyse der NSA eine tief verwobene Einheit bilden, bei der die Drohnen nur das „Front-End“ stellen, hat sich noch nicht verbreitet. Hier muss man die Chuzpe der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen besitzen, um die tiefe Einbettung der Drohnen in das Gesamtsystem von US-Politik und NSA-Datenhunger einfach zu ignorieren.

    In einer aktuellen Fernsehsendung bekannte die Ministerin: „Mir ist wichtig, dass wir das Bewusstsein auch erweitern, was eine Aufklärungsdrohne ist. Das ist nämlich etwas, die Fähigkeit zu sehen wie Google Earth oder wie sie z. B. die Wetterdienste haben, also dass Deutschland diese Technologie dringend auch braucht.“

    So einfach wie Google Earth von einem Unternehmen, das in Deutschland gerne zum Urbösen gerechnet wird? Das Wetter.

    Anm.d.Red.: Weitere Texte zu diesem Thema finden sich in unserem Dossier Post-Snowden. Das Foto stammt von Dkroetsch und ist über Wikipedia verfügbar.


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