• Notunterkünfte für Geflüchtete schließen: Wie steht es um den Integrationsprozess in Deutschland?

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    Integration ist zum Schlüsselkonzept des gesellschaftlichen Friedens avanciert. Doch wie kann Integration eigentlich gelingen? Diese Frage drängt sich angesichts einer Million Geflüchteter auf, die jetzt unter uns sind und bleiben werden. Mit Blick auf die bevorstehende Schließung von Notunterkünften für Geflüchtete sucht Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki nach Antworten. Ein Streifzug durch eine Notunterkunft in Berlin.

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    Es begann im vergangenen Sommer, nun stehen wir vor dem Abschluss dieses Kapitels. Klar, das Märchen hatte jäh geendet, Merkel „musste in der Flüchtlingspolitik einlenken“. Doch diese Geschichte ist nicht gemeint. Es geht um etwas Kleineres, das zugleich größer ist, weil es kein Märchen ist, sondern die Realität. Es geht um das Ankommen der Geflüchteten in Deutschland, das Entstehen von Lagern und Notunterkünften, um den großen Bedarf an Schlafstätten zu decken. Parkhäuser wurden umfunktioniert, leerstehende Immobilien, immer wieder auch Turnhallen, so auch im Prenzlauer Berg.

    Bis heute beherrschen Bilder von überforderten Checkpoints die Medien. Geflüchtete an Grenzen und Meldestellen. Doch eine Vorstellung davon, dass diese Menschen auch irgendwo ankommen, wollte sich bislang nicht so recht in der kollektiven Vorstellung verbreiten. Es gibt kaum Bilder von so genannten NUKs, also Notunterkünften, und wenn, dann als Illustrationen von angeblichen Skandalen: Sex, Drogen, Missbrauch und Gewalt. Wer tiefergehende Geschichten hinter solchen Schlagzeilen erwartete, wurde meistens enttäuscht. Selten konnte man erfahren, wie es tatsächlich in einer NUK zugeht.

    Alltag in der Notunterkunft

    Der Alltag hat wenig Nachrichtenwert, er ist vielleicht zu trivial: Eine moderne Sportstätte, mehrgeschossig, mit mehreren Turnhallen auf jeder Etage, wird in eine Art Camp umfunktioniert. Eine der Turnhallen dient als Gemeinderaum, in den anderen werden mit Planen provisorische Wände gezogen, nicht höher als zwei Meter, damit so etwas wie Zimmer entstehen. Nicht auf jeder Etage gibt es Duschen und Waschräume, Toiletten nur zur kollektiven Nutzung. Rund 150 Leute konnten so in der NUK Wicherstraße unterkommen, nun soll alles ein Ende haben.

    Großenteils Familien, doch auch viele Männer, jung und alt, sogar neugeborene Kinder. Sie kommen aus Afghanistan, Irak, Syrien, Iran, aber auch Russland und Moldawien. Unter ihnen sind Taxifahrer, Mechaniker, Studenten der Volkswirtschaft, Kameraleute, Journalisten. Ihre Familienmitglieder sind teils noch in der Heimat, teils in der Türkei, in einem Lager. Im Winter und im Frühjahr ging es für die meisten tagsüber ins Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo). Ewiges Warten und Reibereien mit Security-Kräften – als wäre das Trauma, das man in der eigenen Heimat erleben musste, als wäre die lange, streckenweise lebensgefährliche Flucht, nicht schon genug gewesen.

    Man merkt den meisten diese unfassbaren Strapazen nicht wirklich an. Die Stimmung in der NUK ist friedlich, gelassen, kameradschaftlich, Besucherinnen und Besucher aus der Nachbarschaft werden willkommen geheißen, es entstehen Freundschaften. In kurzer Zeit formiert sich ein großer Unterstützerkreis, der inzwischen über 2000 Mitglieder zählt. Man kann sich vor Engagement und Hilfsbereitschaft kaum retten, allein an Koordination und Planung dürfte es hier und dort fehlen. Aber es geht auch so voran.

    Selbstorganisation im Kiez

    Nach und nach entstehen Programmangebote für die „Bewohner“, wie die Geflüchteten genannt werden, die in der NUK untergekommen sind. Deutsch-Unterricht am frühen Abend, Kinderbetreuung an den Nachmittagen, gemeinsame Spielplatz-Besuche, Tanzen, Malen und andere kreative Aktionen, später, als die ersten Sonnenstrahlen durchdringen, auch Sport-Angebote auf dem Gelände. Doch auch die Essensausgabe muss organisiert, die Kleider- und Spielzeugspenden sortiert, ein Raum für die meist muslimischen Frauen geschaffen werden.

    Das Highlight des Monats ist der Kinotag, wenn die Bewohner diverser NUKs aus der Pankower Umgebung in einem Multiplex in der Nähe des U-Bahnhofs Schönhauser Alle zusammenkommen. Hunderte von Kindern, einige Eltern sind auch dabei, Getränke und Popkorn gratis. Ausgelassene Stimmung und Beifall für lustige Szenen in Filmen wie „Hilfe, ich hab meine Lehrerin geschrumpft“ oder „Zoomania“. Es ist eine große Party.

    Nun soll alles enden, einfach so. Klingt zunächst irgendwie vernünftig. Die meisten der Bewohner konnten inzwischen ihren Asylantrag stellen und sind im Besitz einer „Berechtigung zur Anmietung einer Wohnung“ und verfügen damit über eine – zunächst auf ein bis drei Jahre – befristete Aufenthaltsgestattung. Warum sollten sie länger unter diesen Bedingungen leben – ohne Rückzugsraum, ohne nächtliche Ruhe, ohne persönliche Waschräume? Container-Dörfer, nett gemacht, sind das Versprechen auf ein besseres Leben. Doch ist es das wirklich? Mehr Hygiene, Privatsphäre, ein richtiges Bett. Geht das nur im Container-Dorf?

    „Gefährdung des beginnenden Integrationsprozesses“

    Den Betroffenen mag alles recht sein, sie sind am Ankommen und blicken noch nicht immer und überall durch. Doch die Leute, die sich engagieren, sehen, was hier auf dem Spiel steht. So wird in einer Stellungnahme des Unterstützerkreises der Notunterkunft Wichertstraße, die Mitte diesen Monats an Ämter und öffentliche Stellen versendet worden ist, vor einer „Gefährdung des beginnenden Integrationsprozesses“ gewarnt.

    Die „bevorstehende Freisetzung der Unterkunft“ soll, so die Forderung, planvoll erfolgen und dabei sowohl dem „öffentlichen Interesse“ als auch den „Belangen der Asylsuchenden“ gerecht werden. Konkret heißt das: „Die Bewohnerinnen und Bewohner der NUK Wichertstraße sollen bei der Freisetzung der Turnhalle eine nahegelegene Gemeinschaftsunterkunft zugewiesen bekommen, um aufgebaute Unterstützungs- und Integrationsstrukturen zu erhalten und den neu beginnenden Integrationsprozess nicht durch eine erneute innerstädtische Migration zu konterkarieren.“

    Es ist ein mehrseitiger Brief, bewusst im Beamtendeutsch gehalten, um das Zielpublikum auch wirklich zu erreichen. In den Ausführungen kommen die Ausmaße der Bedrohung für die Leute vor Ort aber auch für die Gesellschaft en gros zum Ausdruck, gleichzeitig die Hilflosigkeit der Engagierten und Ehrenamtlichen im Dialog mit den Ämtern: Wird das LaGeSo eine „aktive Kommunikation“ mit der NUK eingehen, um alle Belange zu berücksichtigen und etwaige Interessenkonflikte zu lösen? Ohne eine solche Kommunikation dürfte wenig zu Stande kommen, dürften Strukturen, die in den letzten zehn Monaten entstanden sind, kaum zu retten sein. Wer die Entwicklungen am LaGeSo halbwegs verfolgt hat, wird ahnen: allzu viel Anlass zur Hoffnung besteht nicht.

    Wohnraum gesucht

    Die Schlussfolgerung ist ebenso einleuchtend wie waghalsig: „Also müssen wir es wieder selbst machen.“ Doch wie? Geht da noch was? In einem weiteren Schreiben aus diesem Monat wendet sich der Unterstützerkreis an Hausverwaltungen und Hausbesitzer, mit der Bitte verfügbaren Wohnraum – vielleicht auch geeignete Untermietvertragsmöglichkeiten – zu vermitteln. Natürlich im Pankower Kiez, damit alle zusammen bleiben. Es gibt viele Vorteile, auch für den Kiez:

    „Eine dezentrale Unterbringung im Kiez fördert eine gelungene Integration, das zeigen auch Studien. Die Kinder der geflüchteten Familien könnten weiterhin ihre gewohnten Schulen/Kindergärten besuchen. Viele haben im Kiez auch längst Freunde gefunden. Die vielen ehrenamtlichen Helfenden könnten weiter den teilweise sehr intensiven Kontakt zu den geflüchteten Familien halten und pflegen – auch das unabdingbar für eine gelungene Integration! Außerdem könnten auf diesem Wege die Schulen und Vereine im Kiez unterstützt werden: Die Schüler/innen der Gymnasien Käthe-Kollwitz und Heinrich-Schliemann könnten endlich wieder ihre Turnhalle nutzen. Vereine und Trainer könnten ihr Sportprogramm wieder an gewohnter Stelle anbieten.“

    Der Unterstützerkreis der NUK Wichertstraße stellt obendrein Übersetzer und Moderatoren in Aussicht, um die Kommunikation zu erleichtern. Erwähnung findet auch, dass die Miete pünktlich gezahlt wird, da das LaGeSo derartige Leistungen übernimmt. Doch unter den Verfasserinnen und Verfassern des Aufrufs herrscht Skepsis. Wer vermietet schon gerne an Menschen, die kein Deutsch sprechen und wer vermietet gerne an Asylsuchende? Es ist ein gehöriges Vermittlungsproblem, bei dem die angestammten Prioritäten selten hinterfragt werden.

    In einer auf Gemütlichkeit eingeschworenen Gesellschaft

    Nicht alle hierzulande haben begriffen, dass wir gemeinsam anpacken müssen, um die gewaltigen Herausforderungen zu bewältigen. Dass wir nicht länger in der Komfortzone harren dürfen, nicht länger auf unseren liebgewonnenen Standpunkten bestehen können, dass wir uns ein wenig bewegen müssen, um der großen Fluchtbewegung unserer Zeit auf Augenhöhe begegnen zu können. Freilich, die Stimmung ist spätestens seit Merkels Kursänderung in der Flüchtlingspolitik nicht vorteilhaft, um an die Beweglichkeit einer auf Gemütlichkeit eingeschworenen Gesellschaft zu appellieren.

    Doch die Geflüchteten sind nun mal da und sie wollen, ja, sie werden bleiben. Wollen wir damit umgehen? Wollen wir das Beste daraus machen, wie es so schön heißt? Oder wollen wir den Kopf in den Sand stecken, um dann, wenn wir mal wieder Luft holen müssen, voller Erstaunen zur Kenntnis nehmen wie Ghettos und die berüchtigten Parallelgesellschaften entstanden sind?

    Zum Unterstützerkreis der NUK zählen Mütter und Väter, teils auch ihre Kinder, es sind Journalisten und Wissenschaftler dabei, Freelancer und Sozialarbeiter, Künstler und Ärzte. Alles Leute, die sich hier ehrenamtlich engagieren. Und sie wissen, dass sie wenig von der Politik erwarten können, auch jetzt, in dieser neuen Notsituation. Denn dort werden die Antworten allzu häufig in Zahlenspielen gesucht. Statistiker kommen zu Wort, Volkswirte beraten mit Blick auf Arbeits- und Wohnungsmarkt, Bereiche wie Bildung. Haben wir Kapazitäten? Welche Weichen müssen gestellt werden? Alles bleibt abstrakt. Auch die Maßnahmen, die ergriffen werden, bleiben dies häufig und fegen über die Köpfe der Betroffenen hinweg, schlimmer noch: über die organisch wachsenden Strukturen, die so etwas wie Integration möglich machen, die aber durch die Verordnungen von oben blockiert oder sogar „konterkariert“ werden.

    Integration? Als könnte man Antworten aus dem Lehrbuch geben, das erklärt wie man zwei Organe, die eigentlich nicht zusammengehören, mit ein paar präzisen Eingriffen zusammenbauen kann. Container-Dörfer? Das ist zwar nicht Abschiebung aus Deutschland, aber eine Art innerländische Abschiebung, in eine innere Kolonie. So kann Integration nicht gelingen.

    Die vielleicht größte Herausforderung

    Die Leute vom Unterstützerkreis der NUK ahnen, dass sie es mal wieder selbst in die Hand nehmen müssen. Es dürfte die größte Herausforderung der letzten Monate sein. Der Wohnungsmarkt in Berlin ist schwierig, Prenzlauer Berg gehört zu den diffizilsten Terrains. Es bleibt auch nicht viel Zeit. Nur wenige Wochen. So beginnt die vielleicht letzte Initiative bevor die Notunterkunft schließt. Man setzt auf persönliche Kontakte, soziale Netzwerke, Mund zu Mund Propaganda. Alle erdenklichen Kanäle sollen zum Einsatz kommen und mit den bebilderten Profilen der Wohungssuchenden gefüttert werden. Der Unterstützerkreis der NUK stellt Ansprechpartner aus dem Kiez, die mit den Betroffenen befreundet sind und bei der Vermittlung helfen können.

    Es geht beispielsweise um eine sechsköpfige Familie aus Afghanistan, mit zwei Söhnen, die elf und acht Jahre alt sind und mit zwei Töchtern, die zwei und sechs Jahre alt sind. Sie können sich schon ein bisschen auf Deutsch verständigen. Ihre Hobbies sind Spazierengehen und Kino. Die Lieblingsfarbe der Mutter ist Lila. Der Vater repariert gerne Autos, er ist Mechaniker. Sie suchen eine 3 bis 4-Zimmer Wohnung, 60-80 Quadratmeter, sie können 916 Euro kalt zahlen.

    Es ist nur ein Beispiel unter vielen. Und exemplarisch auch deshalb: Sie haben es mit Hilfe von Schleppern nach Deutschland geschafft, ein langer, lebensgefährlicher Weg, doch sie haben die Kraft und den Willen mehr zu erreichen. Vielleicht schaffen sie jetzt mit Hilfe von engagierten Bürgerinnen und Bürgern hier Fuß zu fassen. Wenn alle anpacken und auch die Politik mitspielt, könnte es gelingen.

    Anm.d.Red: Wer Ideen hat, möge den Unterstützerkreis der NUK Wichertstraße unter der folgenden Email kontaktieren (wohnung(at)prenzlauerberg.social). Der Verfasser dieses Beitrags hat das Foto oben in der NUK Wichertstraße aufgenommen, bei einem Termin der ehrenamtlichen Kinderbetreuung. Es steht unter einer Creative Commons Lizenz, cc by nc.


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