• Noch-nicht-Identitaeten

    Feste Jobs gibt es nicht und Kinder kann man auch noch mit 40 kriegen. Zudem treibt der Jugendwahn sein Unwesen. Was bedeutet es heute eigentlich „erwachsen“ zu sein? Selbst die so genannten Thirtysomethings stellen sich diese Frage noch.

    Im Niemandsland zwischen 30 und 40 wissen sie nicht so richtig wohin, mit wem und was ueberhaupt. Kolja Mensings neues Buch Minibar versammelt kurze Erzaehlungen, die um solche Menschen kreisen. In den Mini-Stories betritt der Leser Biografien, als waeren es Landschaften.

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    Man faehrt ins Moor, betrachtet den Himmel oder steigt in den ICE. Es sind kurze Trips, die da unternommen werden, meistens nur drei oder vier Seiten lang und man trifft auf Personen, die erst am Anfang stehen. In den kurzen Texten sprechen vor allem die Substantive. So loesen Saalbetrieb, Sitzgruppe, oder Austauschisolation ganze Assoziations- ketten aus, ohne viel Aufhebens zu machen. Erlebt wird alles aus der Perspektive eines namenlosen Ich-Erzaehlers, der sehr distanziert wirkt: Ihn zieht es eher weg von den Menschen als hin zu ihnen.

    So streift man die Schicksale dieser Leute bloss ganz kurz, ohne auch nur ihre Namen zu kennen. Sie tauchen als er oder sie auf, manchmal gibt es einen M. oder eine K.. Beim Lesen fuehlt man sich wie in der U-Bahn: Man begegnet den Problemen, Sorgen und Noeten der Menschen, die einem gegenueber sitzen. Fuer ein paar Minuten taucht man in diese Welten ein. Dann setzen sich andere dahin und die naechste Geschichte beginnt. Sie dreht sich wie so vieles in Minibar ums Warten: Gemeinsam warteten wir darauf, dass das Leben anfangen wuerde oder zumindest das, was wir uns frueher einmal darunter vorgestellt hatten.


2 Kommentare zu Noch-nicht-Identitaeten

  • das bild von den begegnungen in der u-bahn ist toll für die 30 kurzgeschichten von kolja mensing; der titel des texts haette auch lauten koennen: fluechtige identitaeten.
  • das ist einfach so unglaublich genau!

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