• Dekonstruktion der Enthüllung: Der Polit-Thriller „Die Lügen der Sieger“ und die Nicht-Wissensgesellschaft

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    Der Wille nach schneller Positionierung ohne umfassendes Faktenwissen und die Faszination der Verschwörungstheorien prägen die öffentlichen Debatten. So obsiegt der Drang nach schneller Meinungsfindung über die Mühsal der Faktensuche und anschließender Stellungnahme. Polit-Thriller wie „Die Lügen der Sieger“ halten der Nicht-Wissensgesellschaft den Spiegel vor. Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki kommentiert.

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    Wie bei den Enthüllungen der Black-Box-Politik der NSA und ihrer Partner durch den Whistleblower Edward Snowden, so bekommt man bei fast allen großen Skandalen der letzten Zeit immer wieder einen Satz zu hören: „Aber das wussten wir doch schon alles“. Es ist das Mantra einer Ära, in der wir das Vertrauen an große Institutionen verloren haben. Und in der wir Vermutungen, die aus dem Vertrauensverlust hervorgehen, mit Wissen verwechseln.

    Verschwörungstheoretische Gemeinplätze werden im Zuge dessen mit einer Art Wissensallmende gleichgesetzt, also einem Wissensfundus, der allen ohne Einschränkung zugänglich ist. Tatsächliches, faktenbasiertes Wissen erfährt im Zuge dessen eine gewisse Entwertung. Nicht-Wissen wiederum vermag kaum noch zu mobilisieren. Es setzt immer seltener aufklärerische Prozesse in Gang – beispielsweise Ermittlungen über das, was wir nicht wissen können, nicht wissen sollen, nicht wissen dürfen. Oder etwa Transformationen des in Erfahrung gebrachten in ein Wissen, das tatsächlich alle teilen.

    Begehren des Ermittlers

    Wollen wir uns aus diesem Schwindel befreien, müssen wir Gewissheiten in Frage stellen – und damit insbesondere auf den Prüfstand stellen, was unsere so genannte Wissensgesellschaft von einer Nicht-Wissensgesellschaft unterscheidet. Die Massenmedien, die für all das eine Bühne bieten müssten, haben allerdings andere Prioritäten. Eine Ausnahme ist das Kino.

    Hier begegnen wir vielfältigen Formen, die uns das Nachdenken über Wissen und Nicht-Wissen ermöglichen, wenn nicht sogar aufdrängen. Existenzdramen etwa, so unterschiedlich wie The Man Who Knew Too Much (1955), Blow up (1966), Blue Velvet (1986), Rien sur Robert (1999), Sympathy for Mr. Vengeance (2002), Broken Flowers (2005), Caché (2005), A Serious Man (2009) oder Töchter (2013). Hier gerät die Alltagsordnung durch einen mehr oder weniger nachvollziehbaren Umstand aus den Fugen. Das Begehren, das Puzzle wieder zusammenzubauen, lässt die Figuren zu Ermittlern werden.

    Die Figuren solcher Filme tragen einen schier unerträglichen Konflikt aus: Wie viel Sinnverlust kann ich ertragen, ohne den Verstand zu verlieren? Wie weit kann ich mich von meinem Nicht-Wissen treiben lassen, ohne mich in Verstrickungen zu verlieren, die jenseits des Aufklärbaren zu liegen scheinen? Als Zuschauer werden wir hineingezogen ins Chaos. Doch was macht der Einblick in das Chaos mit uns? Wie sehr stellt er unsere Gewissheiten in Frage? Inwieweit sind wir bereit, das Nicht-Wissen der Figuren zu teilen?

    Journalisten als Ermittler

    Christoph Hochhäuslers Die Lügen der Sieger (Kinostart: 18. Juni) schreibt sich in diesen Diskurs über Wissen und Nicht-Wissen ein. Es ist ein Film, in dem uns die großen Fragen der Existenzdramen wieder begegnen – aus der Perspektive des Journalisten als Ermittler. Diese Perspektive kennt die Kinogeschichte aus Filmen wie Rear Window (1953), The Parallax View (1974), All the Presidents Men (1976), Salvador (1986), The Insider (1999), The Good German (2006), Zodiac (2007), Contagion (2011), Scream 4 (2011) und The Girl with the Dragon Tattoo (2011) – oder auch, in einer besonderen Spielart, aus The Ghost Writer (2010).

    Das Bild, das solche Filme geprägt haben, zeichnen Journalisten in enger Verwandtschaft mit Privatdetektiven. Beide erscheinen in ihren ermittelnden Bewegungen nur schwach durch das Konstrukt eines Rechtsraums determiniert. Sie müssen Nischen nutzen, sie müssen täuschen und verbergen. Augenscheinlich mit größeren Freiheiten ausgestattet als etwa Kriminalpolizisten, müssen sie zugleich mit weniger Befugnissen und Macht auskommen. Zwischen diesen Polen pendelt auch der Protagonist von „Die Lügen der Sieger“: ein Journalist in der Hauptstadtredaktion eines politischen Nachrichtenmagazins, das so groß und einflußreich ist wie Der Spiegel.

    Er heißt Fabian und ist Einzelkämpfer. Als er eine Praktikantin zugeteilt bekommt, bürstet er sie zunächst mit den Worten „Ich arbeite allein“ ab. Seine Recherchen über die Black-Box-Politik der Bundeswehr hängen zu diesem Zeitpunkt von einem unberechenbaren Informanten ab. Als der schließlich abspringt, lenkt die Praktikantin seine Aufmerksamkeit auf einen Giftmüllskandal. Sie beginnen daran zusammen zu arbeiten und schon bald mehren sich Anzeichen: beide Geschichten, die dubiose Invalidenpolitik der Bundeswehr und der Giftmüllskandal, hängen miteinander zusammen. Sie zimmern eine Story zusammen, doch Zweifel kommen auf: Wird ihre Arbeit manipuliert?

    Journalisten vs. Lobbyisten

    Lobbyisten, Spin-Doktoren und PR-Profis, die im Verborgenen wirken – der Film zerrt sie ans Licht der Öffentlichkeit und zeigt wie sie ihren Job machen. Hochhäusler schafft es, ihre Manipulationen als ein Stück mehr oder weniger alltäglicher Arbeit darzustellen. Das Normale daran nimmt der Sache den verschwörungstheoretischen Touch, wie man es etwa aus Paranoia-Thrillern kennt. Die Leute schwitzen, üben, stolpern, verlieren die Nerven und genießen Erfolge. Der Journalist und seine Praktikantin merken zu spät, was die alles drauf haben.

    Die Manipulation der Ermittlung und des Ermittelten ist das große Thema in „Die Lügen der Sieger“ und der Film wirft die Frage auf: Was ist die eigentliche Ursache? Hochhäusler zeigt die externe Einflussnahme der verdeckten Operation so deutlich, dass sie erst auf den zweiten Blick als Sekundärgeschehen erkennbar wird. Erst beim genaueren Hinschauen wird klar: Die internen Faktoren sind schlussendlich ausschlaggebend. Das eigentliche Drama vollzieht sich dort, wo Leute ihrem Investigativ-Job nachgehen, aber eben mehr schlecht als recht.

    Anders als die Journalisten in Michael Manns „The Insider“, der die Entstehung einer Enthüllungsgeschichte über die Tabak-Industrie erzählt, treten die Protagonisten hier nicht als starke Charaktere auf. Sie haben nicht den Mumm ihre Chefs mit unbequemen Fragen zu konfrontieren. Sie kämpfen nicht um „ihre“ Version der Geschichte. Stattdessen zeigen sie sich korrumpiert von ökonomischen Abhängigkeiten sowie von den Erwartungen, die an sie gestellt werden: Eine Story muss sich verkaufen und muss deshalb so und nicht anders geschrieben werden.

    Ermittler und Enthüller in der Krise

    Wenn „The Insider“ den Journalisten als ultimative Waffe gegen Black-Box-Politik romantisiert, so demontiert ihn „Die Lügen der Sieger“ in eben dieser Funktion und zeigt ihn als Vertreter falscher, weil anachronistischer Werte: Sein Computer ist auf dem Sicherheitsstandard von 1980; sein Auto ist ein alter Porsche; sein professionelles Ego misst sich an vergangenen Heldentaten, obgleich er erst circa Ende 30 und noch immer nicht im Internet-Zeitalter des Journalismus angekommen ist. Als ihm die Manipulation seiner Enthüllung dämmert, schafft er es nicht, daraus Konsequenzen zu ziehen. Diesem individuellen Versagen liegt ein System zu Grunde.

    „Die Lügen der Sieger“ zeigt die Journalisten bei ihrer Arbeit: Beschaffung, Auswertung und Präsentation von Informationen. Als es zur abschließenden Prüfung der Geschichte kommt, ist ein Jurist zugegen, ein Dokumentar und der Chef des Hauptstadtbüros. Die Besprechung hat zur Folge, dass der Faktenteil entsorgt wird: einerseits mit Hinweis darauf, dass er von der „eigentlichen“ Geschichte ablenke, andererseits unter Verweis darauf, dass die davon betroffene Chemieindustrie ohnehin schon immer zuviel einstecken muss, so der Justiziar des Medienhauses.

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    Auch hier markiert Hochhäuslers Film eine vielsagende Differenz zu „The Insider“. Schließlich soll dort im journalistischen Endprodukt etwas herausfallen, weil es zu brisant ist: diverse Geschäftsrisiken für das Verlagshaus sprechen gegen die Enthüllung gesundheistschädlicher Praktiken der Tabak-Industrie. Hier, bei „Die Lügen der Sieger“, wird etwas herausgestrichen, ohne dass die Journalisten auch nur ahnen, dass jener Aspekt den eigentlichen Kern der Sache betrifft: ein Fall des milliardenschweren Lobbyismus der Pharma-Industrie für ein EU-Gesetz.

    Am Ground Zero einer Idee von Wissen

    In seinem Polit-Thriller zeigt Hochhäusler Journalisten als Zeitzeugen mit Scheuklappen, als Ermittler, die das Nicht-Wissen als Motor ihrer Arbeit begreifen, allerdings nur solange es das Ansehen der Marke und die Erwartungen der Leserschaft nicht in Frage stellt. So gibt der Chef des Hauptstadtbüros zu verstehen:

    „Wir können nicht zurück. Wenn wir das veröffentlichen, wenn wir nen Titel widerrufen, dann beschädigen wir das Blatt … die Marke … und erreichen garnichts. Von deiner Karriere ganz zu schweigen. Wir schreiben für Nostalgiker. Für Leute, die glauben, dass Papier nie lügt. Meinst du wirklich, die wollen lesen, dass wir uns auf unserem eigenen Feld haben schlagen lassen?“

    Hier steht also immer auch die Frage im Raum: Worin besteht der Dienst, den der Journalist als Ermittler der Öffentlichkeit erbringt? Was will der Ermittlende sehen? Was will er als Wahrheit zulassen? Auch Bilder, wie sich in „Die Lügen der Sieger“ zeigt, können diese fundamentalen Fragen der Journalismus-Philosophie aufwerfen.

    Hochhäuslers Bilder lösen sich auf, verschwimmen, werden von kühlen Lichtströmen durchzogen und vollführen immer wieder Wischbewegungen, wie man es von der Nutzung des Tablet-Computers her kennt. So wird sinnlich erfahrbar, was ein Ort weitreichender Veränderungen ist: die Nicht-Wissensgesellschaft. Ein Ort, an dem Fakten zusehends virtueller werden und die Herausforderung, Fakten zu verfizieren, Scharen von Amateuren aber auch hochspezialisierte Experten auf den Plan treten lässt. Ein Ort schließlich, an dem Wahrscheinlichkeit an die Stelle von Gewißheit tritt – etwa im Zuge der Big Data-Euphorie.

    Verschiebungen dieser Art werden in Hochhäuslers digitaler Ästhetik als jene Begleitumstände erkennbar, die die Welt der Journalisten erschüttern und zum Ground Zero ihrer Idee von Wissen führen. Dort stellt „Die Lügen der Sieger“ unsere Wissensgesellschaft radikal in Frage. Und zeigt: Ein Enthüllungswissen, das alle wie ein Gemeingut teilen – hier sind nicht nur die Zugangsbedingungen zum Produkt, sondern vor allem zum Herstellungsprozess ein Politikum. Der Satz „aber das wussten wir doch schon alles“ kommt einem da nicht mehr so einfach über die Lippen.

    Anm.d.Red.: Christoph Hochhäuslers Filme „Falscher Bekenner“ und „Unter dir die Stadt“ feierten ihre Weltpremiere beim Festival in Cannes; sein Beitrag „Eine Minute Dunkel“ zum innovativen Fernseh-Dreiteiler „Dreileben“ wurde bei der Berlinale uraufgeführt und mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Für Die Lügen der Sieger versammelte er vor der Kamera u.a. Florian David Fitz und Lilith Stangenberg als Enthüllungsjournalisten (siehe das Filmstill oben (© 2015 NFP* marketing & distribution. Alle Rechte vorbehalten. made by novagraphix)). Der Kinostart ist am 18. Juni.


3 Kommentare zu Dekonstruktion der Enthüllung: Der Polit-Thriller „Die Lügen der Sieger“ und die Nicht-Wissensgesellschaft

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  • Andrea am 18.06.2015 11:32
    Danke! Und hier auch ein Zitat aus der taz, die auch eine interessante Beobachtung macht:

    "Ein Punkt, auf den "Die Lügen der Sieger" hinausläuft, der das aktuelle Lebensgefühl schließlich vielleicht am besten trifft: dass immer, wenn man den Finger in die Wunde gelegt zu haben glaubt, wenn man sich aufregt über den neuesten Bundeswehrskandal, über die gerade entlarvte Korruption oder frisch aufgedeckte Umweltsünden - dass sich dann kurz danach herausstellt, dass man sich an falscher Stelle echauffiert hat. Dass die eigentliche, die wahre, die allumfassende Skandalgeschichte doch wieder woanders, weiter im Verborgenen liegt."
    http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2015%2F06%2F18%2Fa0162&cHash=a19633260366494c5422ce42c4443065
  • Glaube ihr kluger Beitrag verbindet sich auch mit der Strategie der polyphonischen Erzählungen. Statt Dementis oder Aussitzen greift die Waffe der schnellen Erfindung mehrerer Narrative (siehe Flugzeugabsturz Ukraine) unter dem Deckmantel journalistischer Arbeit. Die Kapitulation
    des Lesers ist vorprogrammiert - wer soll sich denn da noch auskennen?

    Andere Variante: Wenn die unterschiedliche Narrative Zeugenschaft manipulieren (siehe Tugce-Prozess), Zeugen, die nur noch in der Lage sind die Online/Videoberichterstattung und Kommentierung der
    Massenmedien im Prozess zu Remixen, Medienfiktion tritt an den Platz der eigenen Beobachtung, der Zeuge/ Beobachter ist trotzdem überzeugt "alles selber gesehen zu haben, echt jetzt."

    Ich hatte ei der Berlinpremiere bei der Woche der Kritik im Februar das Gefühl eine Film gesehen zu haben, der Berlin tatsächlich in einem neuen Licht erscheinen lässt. - die Parallaxe als Prinzip, tatsächlich nahe am
    Pakula.

    Wenn man etwa die Rheinhardtstrasse entlangspaziert, also quasi auf dem Kunstrasen der Lobbyisten lustwandelt - lebt man eigentlich schon im verschobenen, ver-rückten Bild der Lobbyisten, deren Avancen uns täglich in Form von offener und verdeckter Bestechung erreichen - "Charmeoffensive" heisst das jetzt.

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