• Neuro Tokyo Drifter

    Das sind keine Strassen, das sind Nervenbahnen. Allerdings ohne Puls, und ohne Anfang und Ende. Sie sind wie die Stadt, in die sie hineinfuehren: Tokio. Ich nenne sie hier die akephale Stadt und muss dabei an die Los Angeles-Beschreibungen in Jean-Francois Lyotards „Le Mur du Pacifique“ (1975) denken, an Ortsangaben, die auf keinen Ort verweisen… Nachdem wir am Narrita International Airport angekommen sind, wird es langsam dunkel. Wir besteigen einen Bus. Jetzt geht es tief in die Nervenbahnen hinein. An den Raendern blinken Reklamen und Schilder.

    Manche zeigen Stau in der Umgebung an. Auf diesen Schildern finden sich die Nervenbahnen schematisch vereinfacht dargestellt. Keine Knaeuel, keine Schichtung von Ebenen. Lediglich Laempchen in Reihenform. Rot leuchtet der Stau auf. Blutstau im Verkehr. Ploetzlich tut sich eine Schlucht auf, der Blick faellt mehrere Meter tief, bleibt an tiefergelegenen Bahnen haengen, die eine andere Richtung verfolgen. All dies sind Hauptstrassen in der Hauptstadt. Es ist das Haupt, mit dem ich Verbindung aufnehmen kann. Telepathisch oder telemedial. Es ist das Haupt, in das ich mich einloggen kann, wie in ein Computer-Netzwerk, dessen Knotenpunkt die Stadt ist.

    Mich der Herrschaft eines fremden Hirns hinzugeben, kommt nicht in Frage. Doch, um mit Brian Holms zu fragen: „What would it really take to lose yourself in the abstract spaces of global circulation?“ Dies waere mehr oder etwas ganz anderes als das Auskundschaften des zerebralen Organismus namens Stadt. Wie aber vorgehen? Die technoneuronale Expansion ins Horizontale und Vertikale wissenschaftlich, literarisch oder philosophisch untersuchen? Aus sozio-urbanistischer, psycho-sozialer, kultur-archaeologischer, techno-philosophischer Perspektive?

    Man muesste einem derartigen Vorhaben mehr als eine Studie widmen, mehr als eine Standardstudie jedenfalls, die mit ihrer standardmaessigen Eintaktung in Raum und Zeit Beschraenkungen dem Forscher auferlegt, die gerade in diesem Fall nicht zu dulden sind. Man muesste sein ganzes Leben diesem Cortex aus Stahl, Beton und Fiberglas widmen. Oder aber eine andere Perspektive waehlen. Statt zu untersuchen und zu erforschen, koennte man sich hingeben und verlieren, fuer einen Moment – ein gefuehltes Leben lang. Leben in diesen Nervenbahnen oder aber sich hineinfantasieren in sie, wie ich es jetzt tue, waehrend ich in Daikanyama im Cafe Mermaid sitze und diese Zeilen schreibe.

    Man muesste in einem dieser hochmodernen Muellautos der Nuller Jahre zum Drifter in diesem befahrbaren Hirn werden. Als White-Collar-Muellmann waere man ein Leben lang damit beschaeftigt, dieser eintoenigen Arbeit nachzugehen, einer Arbeit die schon laengst ueberwiegend von denkenden Maschinen verrichtet wird. Das Cockpit des Muellautos – ein Schreibtisch ohne Schreibmaschine. Als humanes Deko-Element dieser Versuchsanordnung haette man ausreichend Gelegenheit aus dem Fenster zu gucken, wie waehrend des Fluges nach Tokio oder zum Mond. Man haette ausreichend Zeit Schnapschuesse zu machen, wie es die Astronauten der Appolo-Missionen taten. Anders als sie es jemals konnten wuerde man sich nebenbei der Erforschung, der Dokumentation und der intellektuellen Durchdringung dessen zu widmen, was sonst keiner Worte bedarf oder schlichtweg beyond words ist. Ein spezielles Augenmerk gaelte dem System der Hochstrassen, das im Zwischenraum angelegt ist – zwischen den sozialen Agglomerationen der Zivilisation. Dieses System kommt ohne Kontaktstellen aus, ohne Niederlassungen, ohne Ankerpunkte. Isolierungen in Schall- und Sichtebene machen es moeglich. In diesem Zwischenraum haette das Muellauto die Funktion seine Fracht zu sortieren, zu ueberpruefen und zu deponieren.

    Das Denken der Nervenbahnen, das ist das Denken der Denkarchitektur selbst. Einer zerebralen Architektur, die aufgrund ihrer vermeintlich eindimensionalen Funktionalitaet Denken nicht nur befoerdert und ermoeglicht, sondern auch strukturiert. Die Stadt, die das Hirn ist, macht das Hirn zur Stadt. Hirn und Stadt, Stadt und Hirn ueberlagern einander. In einer solchen Stadt, die global ist nicht allein deshalb, weil sie keine lokalen Grenzen kennt und weil sie transnational in einem internationalen Verkehrsnetz aus Menschen, Daten und Muell verknuepft ist, nein, in einer Stadt, die auch deshalb global ist, weil sie sich den Ost-West-Dichotomien der Moderne entzieht, also weder eine Stadt des Morgenlands, noch des Abendlands ist – in einer solchen buchstaeblich globalen Stadt ist auch das Denken global.

    Es ist das Denken eines Hirns, das kein Hirn mehr ist. Tokio, wie jede globale Stadt, steht im Zeichen der Kopflosigkeit. Die vorherrschende Azephalie geht nicht auf eine Missgeburt zurueck, sondern ist der weit enteilten Entwicklung einer Urbanisierung nach der Urbanisierung geschuldet. Eine Stadt, die kein Anfang und deshalb auch kein Ende hat, eine solche Stadt, ist keine Stadt, kein Haupt mehr. Sich hier zu verlieren, bedeutet nicht zuletzt die Aufloesung und Neuentstehung des grossen Zusammenhangs am eigenen Koerper, am eigenen Hirn zu erfahren. Das jedenfalls muss ich denken, als ich im Bus sitze, der uns vom Narita International Airport in die Innenstadt faehrt. Die Sonne ist laengst untergegangen. Der Reiseplan taxiert die Fahrdauer auf ein bis zwei Stunden. Ein leises Rauschen wird fuer diese Zeit zur Begleitmusik meiner Reise. Das Rauschen der Nervenbahnen.


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